Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-er kann und gelernt hat, der nicht arbeiten kann, erfahren wir nicht. Nur durch seine „Liebe"? Von dieser wissen wir nicht, wie sie entstand, wir finden keine Spur von einer Motivierung. Es genügt dem Jüngling, daß sie Christin ist, und so nimmt er das erste beste Christemnädchen, das ihm in den Weg gelaufen, um als „bahnbrechendes" Paar eine neue Geistesrichtung anzubahnen. Und während sie noch auf seinen Knieen sitzt, erscheint Rebekka, deren wiederholtes Klopfen das Liebespaar überhörte. Ich übergehe nun die folgende Szene, in welcher der Held,Rafael die Jüdin, die ihm nichts zu leide getan, ja, die er nicht einmal kennt, mit Schmähreden in der taktlosesten, unfeinsten Weise überschüttet, nur weit sie das Unglück hat, die Tochter des Aron zu sein, der sie verheiraten möchte. Ist diese Szene recht roh. so läßt die folgende, in welcher Rabbi Haezer (Herr Hausen) den Sohn Rafael von seinem Plane abbringen soll, an Oberflächlichkeit nichts zu wünschen Übrig. Der Rabbi behandelt diese so wichtige Frage anfangs humoristisch, nur später ereifert er sich ein wenig, aber zu einer Gedankentiefe kommt es im ganzen Dialog nicht. Im dritten Akt geschieht das Unfaßbare: nachdem die Familie des Rafael von seiner „Ehe" gehört, suchen Esther und Aron Rosa zu überreden, von dem Geliebten zu lassen, und bieten ihr, der „Schickse", wie sie stets genannt wird, eine Entschädigungssumme. Nun erscheint der blinde Sachel; diesen fragt Rosa, ob es wahr sei, daß Rafael Rebekka heiraten werde, er bejaht es und beschwört es sogar, indem er die Hand an den Türpfosten legt, dort, wo der Name seines Gottes angehestet ist. Er wird zum Meineidigen und — Mörder („so, nun geh' und ertränk dich!") Ist es möglich, kann man eine solch.unglaubliche Tat bei einem Juden annehmen? Auch dieses bringt der „Dichter" fertig. — Rosa stürzt sich in den vorüberziehenden Fluß und ihre Leiche wird bald darauf, mit Schlamm bedeckt, vor das Haus des Sachel gebracht. So sieht sie Rafael wieder, der zerknirscht neben ihr niedersinkt, aber bald darauf hinwegstürint, um seine „Mission" zu erfüllen: den Kampf gegen das alte Judentum anfzunehmen und das Ghetto, das geistige, abzuschütteln. Das ist in kurzen Zügen der Inhalt und Gedankengang des „Ghetto"; manche Einzelheit und manchen charakteristischen Zug habe ich übergangen. Aber das Angeführte durfte hinlänglich genügen, um dieser Tragödie eine Absage in aller Form zuteil werden zu lassen. Wir müssen uns schämen vor den Andersgläubigen, und diese schämen sich für uns, wie mir ein Gymnasiallehrer bemerkte, solche Vertreter des Judentums aus der Bühne zu sehen. Der Herr bewahre uns vor diesen Vertretern des jungen und alten Judentums; man weiß nicht, welche von beiden abstoßender sind. Wenn diese Gestalten wahr charakterisiert wären, so dürfen sich die „Rafaels" nicht beklagen, wenn sie als Juden überall Spott und Hohn zu ertragen haben (wie Rafael der Rosa gegenüber tut). Nein, das wahre Judentmn weist andere Gestalten auf, sowohl die jungen als die alten. Und erstere können mit Achtung, mit Verehrung und Pietät an die letzteren, ihre Vorfahren, denken, wie befangen sie auch in ihren Anschauungen und wie merkwürdig sie in ihrer Denkweise waren. Darum fort mit dieser „Tragödie". Nicht zuletzt zum Wohle und Besten des Dichters selbst. ' Dir Khsrilakr. s gehört zu den besonderen Eigentümlichkeiten unserer Gelehrten, in der Vorbemerkung zu ihren größeren Arbeiten uns immer wieder darauf aufmerksam zu machen, daß sie keine Apologie treiben wollen. Haben wir aber erst die ersten Abschnitte durchgelesen, so können wir doch nicht umhin, die Arbeit als apologetisch anzufehen. Es ist aber auch nicht anders möglich, denn ebensowenig wie die Schriften der gelehrtesten protestantischen Theologen frei von jeder subjektiven Beurteilung des Stoffes sind, insofern diese Arbeiten auf Judentum und jüdische Geschichte sich beziehen, ebensowenig werden die jüdischen Gelehrten frei von jeder Subjektivität fein können, zumal da diese Arbeiten, ohne die Notwendigkeit der Apologie schwerlich auch nur unternommen würden. Apologetisch muß aber jede jüdische Arbeit solange sein, als die protestantischen Theologen uns Kultur- und Seelenzustände im Judentume, in den ersten christlichen Jahrhundertön, schildern werden, wiewohl sie nicht einmal das ABC des Talmud überwunden haben., Oder ist es vielleicht unwahr, daß diese Historiker die für das jüdische Leben notwendigen Quellen aus Talmud und Midrasch sich im Winter und Wünsche, oder in der Petersburger Uebersetzung des Jad hachasaka holen? Und selbst wenn sie diese Schwierigkeiten überwunden hätten, so wäre es ihnen doch nicht möglich, uns. eine solche Arbeit zu liefern, wie der geborene Jude, in bezug nämlich auf das religiöse und Seelenleben unseres Volkes. Wir haben somit das volle Recht, die Arbeit des Herrn Dr. I. Elbogen^) als eine längst notwendige Und erwünschte zu begrüßen. Wiewohl sie nun, in Ermangelung der unzähligen nur verwirrenden An- und Nebenbemerkungen, ziemlich kurz und bündig gehalten ist, so zeigt sie doch in klarer, wenn auch öfters indirekter Weise jenen Gelehrten, daß sie, trotz ihrer dickleibigen gelehrten Werke sich sehr weit von ihrem Ziele entfernen, wenn sie auf Grund fremder, mangelhafter, trüber und gehässiger Quellen das Seelenleben d es Judentums schildern. Unter der Partei der Pharisäer verstehen wir jenen größeren Teil der Gesamtheit des jüdischen Volkes, welcher in den Siegen der Makkabäer über die Syrer und das Hellenentum, das göttliche Eingreifen in das Geschick Israels erblickt. Die Hauptvertreter der Pharisäer, die Lehrer ihres Volkes, ohne Geburtsadel sind es, denen es hauptsächlich am Herzen liegt, das Volk in jeder Hinsicht vom Heidentum abzusondern. Der ganze Staat soll nach religiösen Prinzipien geleitet werden. Bei ihnen tritt die weltliche Macht in den Hintergrund, ihrer Politik liegt es ganz ferne, von wem sie beherrscht werden, von Juden oder Heiden, wenn nur die Religionsfreiheit unangetastet bleibt. Die Quelle für das ganze sittliche und ethische Leben ist die Thora, die Lehre, und die Pharisäer und nur sie allein sind ihre einzigen Interpreten; sie dringen in ihren Geist ein und suchen etwaige Härten in derselben zu mildern. Ihr System ist kein Stillstehen, sondern eine Anpassung an den ewigen Wechsel der Zeiten, wodurch aber auch ihre Existenz von der des Staates unabhängig ward, während die Sadducäer, welche auf die Interpretation der Lehre nicht eingehen.und an dem starren Buchstaben festhalten, mit dem Untergänge des Staates ihren Halt verlieren und nach und nach in der Partei der Pharisäer aufgehen. Zur Verkennung des pharisäischen Standpunktes und zur „Die Religionsanschauungen der Pharisäer mit besonderer Berücksichtigung der Begriffe Gott und Mensch" im XXII. Jahresbericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 1904.