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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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Ghetto. Von Dr. med. Cohen. - Essen, 18. Mai. ir Essener hatten am 15. d. M. den zweifelhaften Vorzug, als „ Ur aufführung in deutscher Sprache" „Ghetto", eine „bürgerliche Tragödie" in 3 Akten von Herm. Heijersmans jr. von der Literarischen Bühne (internationale Tournee) im Stadttheater zu sehen. Und ob auch „Ghetto" „mit größtem Erfolge in Amsterdam und Budapest aufgeführt ist", nnd ob auch hier von der Galerie herab Beifall erscholl, (ich weiß nicht, ob Claqueure angestellt oder Freibillets verabfolgt waren — man hätte es glauben können), so war doch der Eindruck bei dem Gros des Pulikums ein durchaus ungünstiger. Es ist kaum etwas Trostloseres aus einer deutschen Bühne aufgeführt worden; teilweise ging eine Empörung durch das Publikum. Nicht eine einzige Person hat etwas Sympathisches oder Mitleid erregendes; im Gegenteil, diese Juden, welche uns vorgesührt werden, vereinigen in sich alles Widerwärtige und Abscheuliche, das man sich denken kann; und wenn nur ein Teil wahres daran, wäre, so hätte der Antisemitismus eine Daseinsberechtigung. Das ist kein Naturalismus mehr, das ist ein empörendes, verletzendes, frivoles Spiel, das der Dichter da spielt; wo mag derselbe seine „Studien" gemacht haben, welche Jugendzeit mag er, der doch auch ein Jude ist, durchgemacht haben! — Und die einzelnen Szenen, wie oberflächlich sind sie gehalten, keine Gedankentiefe; dafür aber um so gründlicher der Jargon und die Mauschelei in Worten und Gesten. Gleich im Anfänge der Tragödie stört uns eine widerwärtige Szene. Der alte erblindete Sachel (Herr Birnbaum) sitzt in seinem Kramladen, der mit altem Trödel angefüllt ist. Herein tritt ein armer Mann, der sich in Geldnot befindet und deswegen einige getragene Kleidungsstücke verkaufen muß. Nun beginnt ein langes Feilschen, jedoch kann eine Einigung nicht erzielt werden, da der alte Sachel den mehrverlangten Viertelgulden nicht bewilligen will. Und wie auch der arme Mann bittet, da seine Frau krank sei und er das Geld notwendig gebrauche, der Jude bleibt hart:. „Und wenn Eure ganze Familie krank ist, ich gebe nicht mehr!" Mit einem Fluch verläßt der Arme den Laden. — Hat der Autor nie etwas von der Mildtätigkeit der Juden gehört, nie etwas von dem sprichwörtlich gewordenen „guten jüdischen Herzen"? Die Juden, welche ich kenne, lassen keinen Bettler ohne Gabe weiterziehen; sie helfen den Armen, obwohl sie selbst arm sind, sie unterstützen und pflegen die Kranken, ob Jude oder Christ. ' Nach dieser ersten Szene beschimpft der alte mißtrauische Geizhals sein Dienstmädchen Rosa, weil sie, das unerfahrene Dienstmädchen (!), ihm im Handel' nicht beigestanden habe. Auch seine Schwester Esther, seine Gehilfin, beschünpfte er, wie er überhaupt durch den ganzen ersten Akt hindurch sich fast nur in Schimpfreden ergeht. —.In der nun folgenden Szene erscheint sein Jugend- und Geschäftsfreund, der tänzelnde Aron (Herr Hartberg), welcher abwechselndeinen Posten Wolle zum Kauf und seine einzige Tochter Rebekka' als Schwiegertochter anbietet. Und nun beginnt ein abwechselndes Feilschen um Wolle und Mitgift; bei beiden tritt keine Einigung ein, besonders ist bei letzterer die Differenz doch zu groß, da Aron nur 3000 Gulden festsetzt, Sachel aber seinen einzigen Sohn Rafael nicht unter 5000 Gulden sich verheiraten lassen will. Und nun lernen wir diesen, den „Helden" des Stückes (Herr Anthony) kennen. Er kommt geraden Weges vom Grabe der Mutter, wo er in Träumen versunken lange gesessen. Diese Pietät für seine verstorbene Mutter ist der einzige edle Zug an ihm. Er erklärt seinem alten blinden Vater, daß er jetzt fort in die Welt wolle; freilich mit dem Dienstmädchen Rosa, seiner „Frau", wie wir im folgenden, Akt erfahren. — Was er in der Fremde will, er, der seit dem Abgänge von der Schule nichts gearbeitet und nichts gelernt hat, der nicht einmal die kleinen Aufträge seines Vaters ausführt, da er sie vergißt (welch imposanter heldenhafter Zug!), das wird kaum angedeutet. Doch darauf kommen wir noch später zurück. Genug, er will hinaus; dies Faulenzerleben ist ihm zuwider (jetzt, nachdem er es die langen Jahre seit der Schulzeit so getrieben), besonders aber, da er seinen Vater verachtet. Denn dieser hat vor seinen Augen, wie er ihm in einer erschütternden Szene auseinandersetzt, die Kaufleute, welche Waare von ihm kauften, dadurch betrogen, daß er den Fuß stets , auf die Wage setzte. Und wenn dann die Käufer ob der Schwere der Ballen mißtrauisch wurden, so habe der Vater seine'erblindeten Augen so unschuldig zum Himmel gerichtet, daß keiner ihn eines Betruges für fähig hielt; so habe er es jahrelang sortgetrieben. Und doch hat sich der Held Rafael nicht gescheut, das unrechtmäßig erworbene Brot seines Vaters jahrelang zu essen. — Mag sein, daß es, wie unter allen Ständen „ohne Rücksicht auf die Konfession", so auch unter den jüdischen Kaufleuten und Händlern in Amsterdam Betrüger gibt. Warum aber werden solche Ausnahmen als Typus aus die Bühne gebracht und wird so das Judentum noch mehr verunglimpft und in den Kot gezerrt? Demgegenüber möchte ich dem Dichter von einem alten Juden erzählen, welcher als 70 jähriger Greis, da sein Sohn im besten Mannesalter dahingerafft wurde, dessen Frau und vier kleine Kinder mühsam ernährte, und denr es als 80 jährigen passierte, daß er an einem Freitag Nachmittag, nach Hause gekonunen, bemerkte, daß er 20 Pfennig einem Bauern irrtümlich zuviel abgefordert habe; aber diese unrechtmäßigen 20 Pfennig will er nicht über seinen Sabbat hinaus im Hause behalten, und sofort verläßt er wieder seine Wohnung und legt den zweistündigen Weg zu Fuß zurück, um dem Bauer sein Geld zu bringen. Das ist echtes Judentum und solche Juden sind geachtet und geehrt bei Hoch nnd Niedrig, auch bei den Andersgläubigen, und für sie ist der Name „Jude" kein Schinrpfwort. Es ist nicht wahr, daß „alle Jude:: betrügen", wie der alte Sachel als einzige Entschuldigung auf die Vorhaltungen seines Sohnes anwortet; und wenn ein jüdischer Dichter .dies einen Juden behaupten läßt, so ist das eine solche Kühnheit, für die es keinen parlamentarischen Ausdruck gibt. Es ist nicht wahr, daß die Juden solche geldgierigen Schnapper sind. Wohl sind sie sparsam und fleißig, und sie geben alles dahin für ihre armen Mitmenschen; sie sparen aufs äußerste und darben, um ihren Kindern Kenntnisse zu teil werden zu lassen, da sie Kenntnisse und Wissenschaften weit höher schätzen als den schnöden Mammon. Weiß der Verfasser das nicht, oder kennt er nicht solche Juden? Dann möge er erst wirkliche Juden kennen lernen, ehe er „bürgerliche Tragödien" schreibt, und dann erst möge er eine neue „Tragödie" schreiben, in welcher er zur Ehrenrettung seiner Glaubensgenossen solche Juden, wie hier skizziert, wahre, edle Juden auftreten läßt. ‘ Im zweiten Akt treffen wir Rafael im zarten löte-ü-töte mit dem Dienstmädchen Rosa, welche er als seine „Frau" bezeichnet und mit der er sich im Hause des alten Vaters nächtliche Rendezvous gibt. Dieser Wollüstling hält sich für den Vertreter des jungen Judentums, der das geistige Ghetto äbschütteln und eine neue Welt erkämpfen will — mit seiner „Frau". Wie er das machen will, er, von dem wir nicht hören, was

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