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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
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unserem Vaterlande zwischen der .christlichen Majorität und der jüdischen Minorität besteht. Ich habe mich immer darüber gewundert, wie die Mehrheit, die mit Recht an manchen von der früheren Reichskammerknechtschaft her den Juden anhaftenden gesellschaftlichen Mängeln Anstoß nahnr, sich selbst jedes bessernden Einflusses beraubte, indem sie sich gesellschaftlich von den Juden abschloß, während die allmähliche Ausnahme der gebildeteren Elemente derselben sich als das beste Erziehungsmittel erwiesen hätte. So aber konnten und können die rückständigen Elemente stets darauf Hinweisen, daß, wie das Beispiel ihrer in keiner Weise zü beanstandenden Glaubensgenossen zeige, es sich gar nicht verlohne, sich der Majorität angenehmer zu machen. Daß so durch die Haltung der Mehrheit für die Minorität ein nicht zu unterschätzender Ansporn zur Selbsterziehung, zur gesellschaftlichen Selbstzucht verloren geht, das beklage ich im Interesse der Volksgesamtheit. Es wäre eine schöne Ehrung der Manen Lamehs, wenn die einj stüßreichsten unter Ihnen, meine Damen und Herren, sich zusammen-! schließen würden, um diese soziale Kluft zu überbrücken. Doch möchte ich einem solchen Bunde noch eine höhere und umfassendere Aufgabe gestellt wissen. Zu den betrnbendsten Erscheinungen unserer Zeit gehört die Schroffheit, mit der die verschiedenen Reli- - gionsbekenntnisse sich gegenüberstehen. Man sollte sich doch endlich - allseits darüber klar sein, daß jedes der in den Kulturstaaten anj erkannten Bekenntnisse in den Gemütern von Tausenden festgewurzelt! ist und eine Kulturaufgabe erfüllt, und daß kein wahrer Gewinn für! das Volksganze darin zu erblicken wäre, wenn die einzelnen Bekennti nisse ihre Eigenart einer äußerlichen Gleichförmigkeit zuliebe auf- , geben würden, statt sie als wertvolles Kulturelement der Gesamtheit j zu erhalten. Namentlich dem Judentum gegenüber herrscht vielfach die An-! sicht vor, daß, nachdem durch' die moderne Gesetzgebung die rechtliche > Sonderstellung der Israeliten beseitigt sei, es eigentlich ihre Pflicht! und Schuldigkeit oder wenigstens das Vernünftigste wäre, in der! Mehrheit aufzugehen. Meine Damen und Herren! Die Israeliten! sind von jeher in der Welt eine winzige Minorität gewesen, und es ist offenbar ihre geschichtliche Ausgabe, sich als solche dnrchzusetzen. Sie vertreten das Recht der Minderheit, das Prinzip der Gerechtigkeit --äug ptu'Lse, und daher kommt es, daß ihre Behandlung in den verschiedenen Ländern geradezu zum Gradmesser der Kultur der Völker geworden ist. Sollen sie, denen ihre Religion gebietet, die Gerechten und Tugendhaften aller Nationen ohne Rücksicht auf das Glaubensbekenntnis als der ewigen Glückseligkeit teilhaftig anzusehen, diesen Standpunkt verlassen zugunsten der Auffassung, daß nmn den Glauben der verbreitetsten Religion teilen müsse, um ein vollberechtigter Mensch im Diesseits und Jenseits zu sein? Es hätte der Mahnung von Männern, wie des Kriminalisten Berner, nicht bedurft, um die Israeliten zum Ausharren' in dem Kampfe für die bedingungslose Humanität zu bestimmen. Dafür wird ihnen auch künftighin! kein Opfer zu groß und zu schwer sein.! So haben auch der Katholizismus einerseits und der Protestantis-? mus anderseits zweifellos ihre besonderen Kulturgüter geschaffen, die! nur von ihnen in ersprießlicher Weise weitergepflegt werden können.! Es wäre daher ein positiver Verlust für die Menschheit und speziell! auch für unser deutsches Vaterland, wenn eines dieser Bekenntnisse , vom Erdboden verschwände. Deshalb sollte jede Konfession die i Kulturarbeit der andern schätzen und sie in dem Streben nach Bej friedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Angehörigen nach Tunlich-? feit unterstützen. Namentlich aber sollten sich die verschiedenen! Religionsgemeinschaften sozial näher treten, damit sie sich besser kennen! und verstehen lernen. Darüber müßte sich jeder gute Mensch, ganz j besonders aber der liebe' Gott im Himmel freuen.! So lassen Sie uns denn alle für die Eintracht unter den Konj sessivnen wirken, auf daß das Dichterwort von dem „einzigen Volk i von Brüdern" endlich zur Wahrheit werde. Möchte der Geist Lamehs,? dem der konfessionelle Friede als Ideal vorschwebte, von neuem in! uns lebendig werden! Wenn das aüch Ihre Meinung ist, meine Damen und Herren, dann darf ich Sie bitten, die Gläser zu erheben und einzustimmen in den Ruf: Der konfessionelle Friede lebe hoch! Die Schlußworte fanden erfreulicherweise einmütige Zustimmung. Auch von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten wurde dem Redner volle Sympathie mit seinen Ausführungen ausgedrückt. Wir müssen aber Herrn Geh. Rat Mayer ganz besonders dankbar sein dafür, daß er das Recht des Judentums bei diesem feierlichen Anlässe so, entschieden betont hat. Das war ein Lickusell Kasellem im vollsten Sinne des Wortes. Das ganze Fest, dessen vortreffliche Anordnung allseits gerühmt wurde, hat einen schönen, erhebenden Verlauf genommen. Die Stadt Mannheim und das ganze Land, auch die badischen Juden aber haben sich selbst geehrt, indem sie dem Andenken Lameys huldigten. Mn Mort?ur Gründung des deutlchilrselitilchen Frauenbundes. Von Ella Seligmann. mit großem Interesse las ich in Ihren: geschützten Blatte die Ausführungen der Frau Henriette Fürth, denen wohl jede fühlende und nachdenkende jüdische Frau voll und ganz zustimmen wird. Gewiß ist es für unsere Frauen die edelste und schönste Aufgabe, den Artnen und Bedrückten mit unserein ganzen Können und mit Hintansetzung unserer Bequemlichkeit zu Helsen; aber ich meine, in einer Zeit, wie die heutige es ist, fallet: der jüdischen Fratt und Mutter auch noch andere Ausgaben zu, denen sie sich nicht entziehen darf. Wenn, wie geplant ist, ein Bimd jüdischer Frauenvereine in Deutschland gegründet wird, der alle Jnteresseir jüdischer Frauen und Kinder vertreten soll, dann darf ein solcher Bund, tneines Erachtens, sich nicht daraus beschränken, „die örtliche Wohlfahrtspflege zu vertiefen" und eine Besserung der traurigen Lage der osteuropäischen Juden herbeizuführen. Der jüdische Frauenbund darf das Eigenschaftswort „jüdisch" nicht uinsonst tragen und sich nicht lediglich auf soziale Arbeit beschränken. „Jüdisch" unrfaßt mehr als soziale Hilfe für die Juden! Wenn wir wahr sein wollen und uns nicht die Augen verbinden, so können wir die Tatsache nicht leugnen, daß nicht nur dem osteuropäischen Judentum Hilfe nottut, sondern daß auch unser deutsches Judentum dringend der Hilfe bedarf. Ich meine nicht werktätige Hilfe für die Armen, sondern eine sittliche und ideale Arbeit, die uns Frauen zusällt, und bei der wir mehr, als viele von uns ahnen, leisten können. Gerade heute, wo der Abfall von unserem Väterglauben und die äußerliche Erziehung der Kinder, die ganze materielle Lebensauffassung in unserer Mitte so üppig wuchert, ist vielleicht der Hauptnachdruck aus das Wort „jüdisch" zu legen. In der Kinderstube werden die Menschen geformt; die Eindrücke der Kinderstube, die das Kind im Elternhause enrpfängt, schreiben sich mit unauslöschlichen Zügen in die Herzen der Kinder ein, und wir sollen unsere Kinder gute Juden und gute Jüdinnen werden, wenn wir jüdischen Mütter sie nicht mit jüdischen Idealen erfüllen.? Ich meine: eine zweite, große Aufgabe des Bundes jüdischer Frauenvereine müßte sein, mit allen Kräften bei den jüdischen Frauen dahin zu wirken, daß ihr jüdisches Gefühl wieder erwacht, und sie wieder wissen, welchen Stammes sie sind und lernen, ihre Kinder zu treuen Juden und Jüdinnen zu erziehen. Hier können sich die Frauen aller Parteirichtungen, aller religiösen Schattierungen znsammenfinden, um ein Werk zu vollbringen, das in gleicher Weise, wie die soziale Hilfstätigkeit Aufgabe einer großen jüdischen Frauenvereinigung sein muß.

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