Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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279 Dir Woche. Berlin, 7. Juni. ach einer im „Ministerialblatt für die innere Verwaltung" .abgedruckten Verfügung des Ministers des Inneren haben die Regierungspräsidenten bei Anträgen auf Aenderung jüdischer Vornamen, fei es aus Anlaß des Uebertritts vom Judentum zum Christentum oder aus sonstigen Gründen, künftig.ebenso an den Minister zu berichten, wie dies bei Anträgen auf Aenderung jüdischer Familiennamen durch frühere Erlasse vorgeschrieben ist. Diese Mitteilung ist in der vergangenen Woche durch alle Zeitungen und zwar ohne jeden Kommentar gegangen. Man hat sich eben bereits daran gewöhnt, daß im Verwaltungswege derartige Verfügungen getroffen werden. Trotzdem begreift es der einfache Laienverstand noch immer nicht, warum im Verfassungsstaate gerade bei Aenderung jüdischer, und nicht auch bei Anträgen auf Aenderung protestantischer oder katholischer Vor- und Familiennamen ein derartiger Jnstanzengang vorgeschrieben wird. Wenn in der Verfassung die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetz und dadurch selbstverständlich, die Aufhebung aller bis dahin noch geltenden Beschränkungen verkündet wird, und dennoch für einen Teil dieser selben Staatsbürger neue Beschränkungen, einfach verfügt werden, so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß unsere Angelegenheiten nicht mit der gleichen Umsicht im Abgeordnetenhaus vertreten werden, wie die anderer Konfessionen. Es sollte einmal eine Verfügung erlassen werden, die für die katholischen Staatsbürger bei etwaiger Aenderung ihrer Vornamen andere als die allgemein geltenden Bestimmungen sestsetzte. Wer nun noch daran zweifelt, daß wir alle Veranlassung haben, uns selbst unsrer Haut zu wehren und nicht auf die freundliche Unterstützung von außen geduldig zu warten, der ist einfach nicht mehr zu belehren. * Ueber die jüdische Auswanderung von England nach Amerika wird uns aus London vom 30. v. M. berichtet: „Das jüdische East End ist in heller Aufregung über die in den Fenstern der kleinen Schifsahrtsbureaus des Londoner Ghettos angeschlagene frohe Botschaft: „Zwei Pfd. Sterl. nach Rewhork". In ganz Whiteshapel diskutiert man nur die Frage: wer verliert bei dieser billigen Fahrt? Bon allen Seiten werden Anstalten gemacht, die günstige Gelegenheit zu benutzen, um diejenigen Glaubensgenossen nach Amerika abzustoßen, die hier nicht recht vorwärts kommen. Die belgische „Red Star"-Linie, die mit den kontinentalen Linien gemeinsame Sache in Anwendung der Kriegstarife gegen die Cunard-Linie gemacht, hat in der Folge kolossalen Zulauf und ein Mann hat innerhalb der letzten zwei Tage 200 Zwischendeübillete verkauft. Morgen verlassen 800 Menschen Liverpool Street-Station, um nach Antwerpen zu gehen und sich dort aus dem Dampfer „Cleveland" nach Rewhork und Kanada einzuschiffen. Die Agenten werden natürlich alles tun, um soviel wie möglich Auswanderer für die billige Fahrt zu gewinnen, da sie dieselbe Prämie auf den 2 Pfd. Sterl. Tarif wie aus den sonst üblichen von 6 £ 10 sh 6 d (135 Mark) erhalten. Einer der besten Sachverständigen in Schiffsangelegenheiten in den Londoner Docks äußerte sich dahin, daß für Osteuropa sich kaum je wieder eine solche günstige Gelegenheit für die Auswanderung bieten würde wie die gegenwärtige. Rumänische Auswanderer nach Rewhork via Hamburg können unter. gegenwärtigen Verhältnissen ca. 80 Mark an der Reise ersparen. Sie zahlen heute nur ca. 52 Mk. für die Landreise, nur 40 Mark für die Seereise. Von Antwerpen nach Montreal kostet heute die Reise 68 Mark gegen 120 Mark früher. Es scheint, daß die kontinentalen Linien die Kriegsraten vorläufig ans vier Wochen in Aussicht genommen haben. Auf meine Frage, wer mehr in diesem Kampfe verlieren würde, die Eunard-Linien oder die Kontinentalen wurde mir die Antwort: es müßten natürlich diejenigen verlieren, die unter Verlust arbeiten, wie die kontinentalen Linien. Ob die Rechnung stimmt, wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls kam in Liverpool der Entschluß der „RehStar"-Linie, Herr kontinentalen Linien im Kampfe gegen die Amerika-Linie beizutreten, als peinliche Ueberraschung. Die Situation scheint auch die Aufmerksamkeit der kanadischen Regierung auf sich gelenkt zu haben. Es wird befürchtet, daß durch die billige Ueberfahrt nach Rewhork der Auswandererstrom abgelenkt werden könnte. Man hofft jedoch Arrangements treffen zu können, infolge deren Emigranten zu einem niedrigeren Tarif als dem jetzt bestehenden nach Kanada transportiert werden können." r In Rußland atmet jetzt alles eitel Liebe und Güte für die Juden. Wenigstens steht es aus dem Papier. In Wirklichkeit liegt die Sache einigermaßen anders. Und das „Bureau Laffan" mag sehr gut unterrichtet sein, wenn es die nachfolgenden Mitteilungen verbreitet — aber „die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube". Die Wendung der Dinge käme gar zu plötzlich, um Glauben zu finden? Auch find die Farben etwas zu dick aufgetragen, um nicht die Absicht merken zu lassen, die hinter diesen Mitteilungen steckt. Man höre nur, was offiziöser Mund uns aus Petersburg zu künden weiß: „Rach Mitteilung aus bestunterrichteten amtlichen Kreisen steht die Aufhebung auch der letzten Reste der veralteten russischen Judengesetzgebung bevor, nachdem deren drückendste Bestimmungen auf Anordnung des Ministers v. Plehwe bereits außer Kraft gesetzt worden sind. Die amtlichen Kreise versichern, daß ein völlig neuer Kurs in der Behandlung der russischen Juden eingetreten ist, und zwar einzig auf Initiative Plehwes, der sich überzeugt habe, daß die Teilnahme jüdischer Elemente an der Umsturzbewegung von den gebildeten und wohlhabenden russischen Juden aufs tiefste gemißbilligt werde, und daß diese Kreise den Revolutionären durchaus abweisend gegenüberftehen. Eine Revision der Judengesetze konnte erst jetzt stattfinden, nachdem die zur Untersuchung der Lage der russischen Juden vom Minister v. Plehwe eingesetzte Kommission durch Beendigung ihrer Arbeiten die Grundlage dafür geboten hat. . Den Juden, denen bisher das Wohnen auf dem flachen Lande verboten war, sind jetzt auch die Dörfer zur Niederlassung geöffnet worden, so daß ihnen ein weites Feld zur wirtschaftlichen Betätigung in ganz Rußland offen steht und sie Gelegenheit haben, sich aus der elenden Lage, in der sich ein großer Teil von ihnen befindet, herauszuarbeiten." Herr Plehwe, so sagt ein Wiener Blatt sehr treffend, in der politischen Arzneikunde wohl erfahren, trifft feit Wochen nur noch liberale Maßnahmen. Die Juden spielen im heiligen Zarenreiche eine höchst eigentmnliche Rolle; sie sind das Barometer.der fortschrittlichen oder reaktionären Strömungen, die jeweils herrschen. Das Ansiedlungsgesetz und andere Ausnahmegesetze, die für diesen unglücklichen Teil des russischen Volkes gemacht wurden, werden von Zeit zu Zeit der Gegenstand von Reformbestrebungen der Minister, und aus der Art dieser Bestrebungen kann man entnehmen, ob in den höheren Regionen liberaler Westwind oder reaktionärer Ostwind weht. Im Augenblicke, wie gesagt-, bläst es stark aus dem Westen. Der Grund für diese in Rußland ziemlich abnorme meteorologische Erscheinung ist die Depression im Osten. Es ist die alte Geschichte. Wenn ein Staat, der in rückständigen politischen Formen lebt, Krieg mit einem fortgeschrittenen Staate führt, dann fängt er ein bischen zu reformieren an. Herr Plehwe ist kein Freund der Juden und, wie man Ursache hat zu glauben, auch kein Freund liberaler Maßregeln überhaupt. Wenn er sich mit einem Male, anders gibt, so weiß die Welt, was sie davon zu halten hat. Es ist eine von den vielen