Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1904)
- Date
- 1904-06-10
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tT Gesängen der Gebetsinhalt in den Vordergrund gestellt, also der Worttext markiert ausgesprochen werden muß, daß bei den elegisch-ausdrucksvollen dieser Gesänge gewisse mäßige Naturalismen, seufzerähnliche Portamenti, leises Beben der Stimme u. a. am Platze sind, daß dagegen in modern gearteten Gesängen das rein musikalische Element zu überwiegen hat und daher vor allem schön, rein und klar in klanglicher und rhythmischer. Beziehung vorzutragen ist, u. a. m. Bon diesen Erkenntnissen ist in der Gegenwart kaum noch etwas vorzufinden. Die Schuld hieran tragen zunächst die veränderten Verhältnisse des religiösen Lebens. In früherer Zeit besuchte der Knabe schon von klein auf fleißig die Synagoge, hörte und lebte sich in die Melodien des Gottesdienstes hinein und nahm mit ihnen selbst auch die. rechte Art ihres Vortrages in sich auf. Sehr viele der jungen Kantoren von heute dagegen waren darauf angewiesen, ihre Studien erst in vorgeschrittenem Alter und weit weniger in den Gottesdiensten selbst als durch Unterweisung eines Kantors zu machen, was die ältere Praxis nur schwer und selten zu ersetzen vermag. Noch weniger natürlich konnte das bloße Selbststudium nach einigen Werken von Lewandowski, Deutsch u. a., auf welches manche sich beschränken zu dürfen glaubten, eine genügende Ausbildung bewirken. Für gründliche musik-theoretische Studien fehlte es meist an Zeit, oder man meinte wohl mit einigen elementaren Kenntnissen hierin auszukommen, welche zwar für die ältere Synagogalmusik ausreichen, für die neue aber, und namentlich da, wo Zusammenwirken mit Chor oder Orgel gefordert wird, durchaus unzulänglich sind. Besser situiert sind solche, die ein Seminar durchgemacht haben. In - den Seininarien werden gute Fundamente im Allgemein- Musikalischen wie im Synagogalgesang gelegt, nur muß stofflich der letztere in gewissen Grenzen gehalten werden, weil die Schüler durch die Anforderungen der anderen Lehrgegenstände bereits stark belastet sind; der Seminarist, der das Kantorfach nach seinem vollen Umfang beherrschen will, bedarf daher meist einer späteren Ergänzung. — Infolge dieser vielen ungünstigen Umstände fehlt häufig den jungen Vorbetern die Kenntnis ganzer Gruppen traditioneller Melodien und namentlich das Stilgefühl für solche Partien, für welche in bestimmten Tönen gefetzte Weisen nicht vorhanden sind, aber ein gewisser Typus in Tonart, Stimmung und Melodiewendnngen geboten ist; und was schlimmer ist: die Vortragsarten werden von ihnen oft prinziplos vermischt, die älteren Melodien und 'Rezitationsweisen, welche einen bewegten, dem Sprachtempo sich nähernden Vortrag erheischen, werden wie moderne kantable Melodien behandelt, d. i. langsam gesungen, was einen vermeintlich „würdigen" Eindruck Hervorbringen soll, tatsächlich aber schleppend und leblos wirkt. Umgekehrt überträgt man die rhythmische Unbestimmtheit der älteren Weisen auf die modernen Melodien, singt sie rezitativartig ohne feste Taktform und zerstört dadurch das Plastische ihrer Gestalt, aus welchem ihre Charakteristik und ihre Wirkungsfähigkeit ganz wesentlich mitberuht. Zu all den oben aufgezählten Schwierigkeiten und Hindernissen kommt aber ein letztes und größtes Unheil: der Umstand, daß im allgemeinen Musikleben eine veränderte Richtung des Gesanges aufgetaucht und heute zur Herrschaft gekommen ist, und zwar eine Richtung, welche allem widerspricht, was ehemals als schön und vernünftig galt. Wie in aller Kunst der Gegenwart ein seltsamer, extremer, geradezu an Wahnwitz und an Barbarei grenzender Ungeschmack zutage getreten ist, so auch im Gebiete des Gesanges und Gesangvortrags. Schön singen gilt für weichlich und charakterlos. Charakteristisch meint man zu sein nur durch Schreien oder wildestes Tremolieren oder, bei sanften Stellen, durch eine Verdünnung und Abstumpfung des Tones bis zur Klanglosigkeit; jeder Affekt wird in seine Karikatur verzerrt. Die Rhythmik der Melodien wird als gleichgültig angesehen oder vielmehr, sie beobachten heißt pedantisch, philiströs^ Dazu kommt noch eine unerhörte Verwirrung bezüglich der Stimmgattungen. Viele der heutigen Gesanglehrer erklären jede Barytonstimme für einen Tenor und veranlassen dadurch ihre mit einem Baryton ausgestatteten Schüler, stets in die höchsten Lagen hinaufzuklimmen, wo nur gequälte, sehr oft abscheulich klingende Töne erzeugt werden. Allerdings gibt es noch Anhänger des alten Glaubens aus der Zeit Schuberts, Beethovens, Webers, Mendelssohns und Schumanns, aber ihre Gemeinde ist klein und wagt nicht recht, ihre Stimme gegen die modernen Heiden zu erheben. Wie sollte der junge Vorbeter solcher mächtigen Verführung nicht zum Opfer fallen? Wie sollte er nicht all dies Häßliche, Widernatürliche und Sinnlose auch in seinen gottesdienstlichen Gesang hinübernehmen? Man sieht, daß der Kantoralgesang in einen höchst bedenklichen Zustand geraten ist, der uns dringend nahelegt, Mittel zu seiner Abhilfe aufzusuchen. Der Fortbildungskursus des D.-J. G.-B. ist, wiewohl er äußerlich wenig bedeutend erscheint, ein beachtenswerter Versuch in dieser Richtung. Er kann nicht alles, aber, wenn eifrig benutzt, recht vieles leisten. Er stellt sich vor allem die Aufgabe, wo Lücken in der Kenntnis der traditionellen Weisen und Stilarten vorhanden, diese auszufüllen, Unklarheiten, Unkorrektheiten, fälsche Stilmischungen zu beseitigen. Natürlich kann er in der Zeit von drei Monaten, die ihm zur Verfügung steht, diese Aufgabe nicht vollenden, sehr wohl aber anbahnen, dem Schüler die Richtung weisen, den Weg und die Mittel angeben, vermöge deren das Selbststudium allmählich ans erwünschte Ziel führen kann. Ebenso ist Vervollständigung und, wo nötig, neue und feste Grundlegung das Prinzip des allgemein-musikalischen Unterrichts, welcher zum Liturgischen die zweite Hälfte bildet. Die Tonarten-, Harnronie- und Satzbau-Lehre wird durchgearbeitet, im Gesang die gute Tonbildung und der sinn- und schönheitsgemäße Vortrag, ebenso die sprachgerechte Behandlung des Textes, seine richtig Betonung und Phrasierung erstrebt, das Vom-Blatt-Singen wird fleißig betrieben und namentlich durch Gehörübungen jeglicher Art der Tonsinn entwickelt, auch soll der Schüler sich auf dem Klavier, dem für alle Zweige der Musik unentbehrlichen Hilfsinstrument mindestens einigermaßen heimisch machen. Was er von all diesem am Ende des Kursus noch nicht bewältigt hat, davon bringt er wenigstens die deutliche Anweisung mit heraus, wie das Fehlende durch weitere Arbeit zu erringen ist. Bedingung des Erfolges ist allerdings — außer dem selbstverständlichen, daß genügende stimmliche und musikalische Anlagen und kein allzu schwaches Maß von bereits erworbenen Kenntnissen da sein müssen — die völlige und innige Hingabe des Lernenden an die Sache während des Kursus, denn der Aufgaben sind viele und vielfältige. Wird der Kursus einigermaßen zahlreich besucht und durch Eifer und Fleiß der Teilnehmer nutzbar gemacht werden, so wird sich in einigen Jahren schon eine bemerkenswerte Schar von Aposteln des restaurierten und gereinigten Synagogalgesanges ansammeln, welche unbedingt Nachstrebende in immer weiteren- Kreisen herbeiziehen wird, ro.