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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-10 · Heft 24 (10.6.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang, No. 24 Berlin, 10. Juni 1904. Allgemeine eitung desAildentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav «arpele». Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Phittxpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse:, Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums"', Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/43, zu richten. Verlag von Rudolf rttosse, Berlin. Ankere Lsntorrn. Berlin, 8. Juni. ie große Bedeutung, welche der Kantor für unseren synagogalen Kultus hat, ist erst anläßlich des Sulzer- Jubiläums von allen Seiten hervorgehoben und gewürdigt worden. Es bedarf daher keiner ausführlichen Begründung, wenn wir sagen, daß die Fortbildungskurse für Kantoren, die der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund" ins Leben gerufen, eine ganz besonders verdienstliche Institution sind, deren Förderung im allgemeinen Interesse liegt. Die Bedeutung des Unternehmens für eine würdige Gestaltung des Gottesdienstes hat unser geschätzter Mitarbeiter, Musikdirektor William Wolf, in dem nachstehenden Aufsatze für die „Mitteilungen" vom fachmännischen Standpunkt aus klargelegt: Auf dem ersten Verbandstage des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" im Jahre 1898 wurden aus Anlaß eines vom liberalen Verein in der Synagogengemeinde Breslau gestellten Antrages Klagen über empfindliche Mängel im Käntorenwesen vorgebracht und Anträge gestellt, welche diesen Mängeln abhelfen sollten. Die Praktische Folge hiervon war, daß der Ausschuß des D.-J. G.-B. einen „Fortbildungskursus für Kantoren" einrichtete, der unentgeltlich sein, alljährlich in Berlin stattftnden, 3 Monate dauern sollte und zwei Lehrern übertragen wurde : zum Unterricht im liturgischen Gesang Herrn Aron Friedmann, Hauptkantor an der Gemeinde zu Berlin, und für die Unterweisung im Allgemein-Musikalischen dem Verfasser dieser Zeilen, Musiklehrer am Jüdischen Seminar und Chordirigent an der Synagoge „Lindenstraße". Die Nützlichkeit und Zeitgemäßheit dieses Kurses ist in der Allgemeinheit noch nicht genügend erkannt worden, und es soll die Aufgabe dieses kleinen Artikels sein, hierüber richtigere Begriffe zu schaffen. Wenn der Kursus bisher schwach besucht worden, so ist der Grund schwerlich darin zu suchen, daß unsere jungen Kantoren nicht genug Lernbegier und innere Hingabe an ihren Berus besäßen, vielmehr darin, daß sie sich der tatsächlich großen Mängel, welche ihren Leistungen häufig anhaften, gar nicht bewußt sind. . Es herrscht hier eine weitgehende Unklarheit über die Aufgaben, die ein echter Kantor zu erfüllen hat, über die Forderungen, die im ganzen wie im einzelnen zu stellen sind. Solche Unklarheit zeigt sich vor allem in der Behandlung der verschiedenen Stile. Im kantoralen Gesang, wie er sich in einem sehr langen Zeitraum bis heute entwickelt hat, trifft eine Anzahl sehr verschiedener Richtungen zusammen, welche zum Teil einander widersprechen; nur wenige wissen hier den Ausgleich zu finden, die meisten werden dazu geführt, systemlos von einer Weise zur anderen zu springen, oder die verschiedenen Weifen zu vermischen, wodurch meist keiner einzigen wirklich Genüge getan wird. Der Synagogalgesantz hat in einem langen Entwickelungsgange aus den mannigfachsten Quellen geschöpft: alle Nationen, unter denen unsere Stammesbrüder gelebt haben oder mit denen sie in Berührung gekommen sind, haben ihm von ihren eigentümlichen Musikschätzen und Stilweisen gespendet. Der Antisemitismus hat unter den Lügen, mit denen er um sich wirst, auch die aufgebracht, daß die Juden nicht assimilationsfähig seien, obgleich jedes Blatt unserer Geschichte das Gegenteil lehrt. Wie auf den anderen geistigen Gebieten, haben auch in der Musik die Juden jederzeit und an jedem Orte Interesse und Empfänglichkeit für das Neue, Anregende, Schöne, das sie umgab, gezeigt. Wenn wir die sephardischen Synagogalgesänge durchmustern, finden wir hier die sogenannte „gregorianische" Musikart wieder, welche im Mittelalter das ganze christliche Europa beherrschte, ebenso den Stil des Troubadourgesanges, der in Spanien zuerst ausblühte, ferner Melodien nach der Musikweise der Mauren und anderer südlicher Völker. Als in Italien im 16. Jahrhundert die Kirchenmusik ihren ersten großartigen Höhepunkt durch die Meister Palestrina, Lasso u. a. erklommen hatte, suchte, wie bekannt, ein Salomone Rossi ihren Stil für die Synagoge zu adoptieren. Betrachten wir die kantoralen Gesänge, welche gegenwärtig in deutschen Synagogen erklingen, so sehen wir, außer einem Stamm von unbedingt sehr alten, wohl aus Palästina herübergekommenen Weisen, solche, welche das Mittelalter, ebenfalls nach dem Vorbiltz der gregorianischen Gesangart, erzeugt hat, dann sehr ausdrucksvolle aus dem Beginn der neueren Zeit, wo die europäische Musik sich als Kunst der Gefühlsaussprache bedeutend hob, wieder andere, aus jüngeren Jahrhunderten stammende, ferner solche, die an Nationalmufiken östlicher Völker anklingen und uns von Kantoren aus slavischen Ländern herübergebracht worden, endlich Melodien und Rezitationen aus der jüngstvergangenen Epoche,. wo Männer wie Sulzer, Lewandowski und ihre Nachfolger die zur Vollkommenheit entwickelte Melodik der Klassiker für unseren Gottesdienst zu verwerten trachteten. Alle diese Elemente zusammen bilden den Bestand der gegenwärtigen Kantorälmusik der deutschen Judenheit. , Trotz dieser bunten Häufung von Verschiedenartigem war fiene Unklarheit, die wir heutigen Tages in Deutschland zu beklagen haben, vor einem Menschenalter noch nicht eingetreten. Man hielt die verschiedenen Stile auseinander und behandelte jeden nach seiner Art. Man wußte, daß bei den älteren

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