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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-03 · Heft 23 (3.6.1904) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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Keldung. Schon vorher fiel sie mir durch den schmerzlichen Ausdruck ihrer schönen, großen Augen auf — es liegt dieses gewisse Etwas darin, das uns oft zu ganz fernstehenden Menschen hinzieht. v . Ein warmes Mitleid überkvmmt nlich bei diesem Weinen; nrir ist es plötzlich, als sehe ich ihr Leben vor rnir — ihr langes, mühsames Leben. Vielleicht stand auch sie einst, wie diese Drei, vor dem Altar, voller Sehnsucht und Zuversicht in das neue Leben sehend. Auch ihr stand die ganze Welt einmal offen. Hatte sie zu viel vom Leben erwartet — mehr als tis geben konnte — ihr geben konnte, die einen zu großen Maßstab an die Menschen legte? Verstand man sie nicht, sie, die aus ihrer überquellenden, reichen Seele so gern anderen geben wollte? Dann wird "sie wohl nach dem Einen gesucht haben, nach dem Einen, der sie ganz verstände, der ihr Ersatz sein sollte für die lieblosen Menschen, der auf gleicher Höhe mit ihr . stehen mußte — den wird sie nicht gesunden haben — sie ist einsam geblieben, einsanl mit ihrem reichen, überquellenden Herzen. -Da ist ihr die Nutzlosigkeit ihres Daseins vor Augen getreten, sie sehnte sich nach Betätigung, und so mag sie Schwester geworden sein, um ihren unverbrauchten Schatz an Liebe ihren Schwestern zu teil werden zu lassen. Ob sie in ihrem Beruf Ersatz gefunden hat für das, was sie einst vom Leben erwartete? Es liegt in ihrer ganzen Erscheinung etwas Abgeklärtes; man fühlt unwillkürlich, dies ist eine Natur, die sich durchgerungen hat. Aber es gibt Stunden, wo alles, was inan sich mühsam erkämpft hat, zusammenbricht, wo Gefühle, Empfindungen plötzlich die Seele beherrschen, die man längst für überwunden hielt; vorbei ist es mit der Fassung — oft für Momente — oft für Stunden — ganz nach der Natur, die Kraft besitzt, sich wieder durchzuringen. So mag auch dieses arme Mädchen die Erinnerung plötzlich übermannt haben — die Erinnerung an ihre Einsegnung. Die Feier ist zu Ende. Leise Wehmut überkommt einen, wenn man diese drei Mädchengestalten die Treppen herunterkommen sieht — und in meinem Herzen bitte ich zu Gott, daß er ihnen Kraft verleihen möge, Kraft, um das zu tragen, was das Leben ihnen einst bringen — und schuldig bleiben wird. Literarische Mitteilungen. — Leopold Mandl: Zur Abrechnung. Eine Zurückweisung der babylonisch - germanischen' Angriffe auf den Prophetismus Israels. Wien 1903. Mor. Waizner & Sohn. Wenn heute nach scheinbar erschöpftem Pro und Contra in der wissenschaftlichen Streitfrage Babel und Bibel, wenn da noch irgend eine Schrift auf Gehör Anspruch erhebt, so muß sie in der Tat an Qualität die vorangegangenen übertreffen. Die uns vorliegende verdient eine literarisch vortreffliche durchweg genannt zu werden. Nicht immer ist es der Fluch der bösen Tat, fortzeugend Böses zu gebären. Zuweilen hat sie den Segen zur Folge,, dem Gewitter ähnlich, reinigend, befruchtend zu wirken. Und als eine der schönsten Früchte der biblisch-babylonischen Verwirrung muß die bezeichnete Schrift betrachtet werden. Entsprechend den Kampfesphasen dieses literarischen Streites zerfällt dieselbe in drei Gesichtspunkte. Zunächst befaßt sich der Autor mit dem von Delitzsch sogenannten „Lieblingskinde" Jahves: Israel. Sodann widmet er tiefempfundene Gedanken, treffende Argumente der Verteidigung des israelitischen Prophetismus, um endlich in den letzten Abschnitten sich, ausschließlich mit dem von Delitzsch als letzten Trumps ausgespielten Argmnente auseinanderzusetzen: mit dem angeblichen Völkerhasse der Propheten (Jesaja Kap. 63, Anfang). — Zur Illustrierung der weitumfassenden, hehren Welt- und Menschenauffassung des Prophetismus führt der Autor die von edelstem, universalistischem Geist getragenen Aussprüche desselben an (S. 3); Aussprüche die - nur dem unbekannt sein können, der, wie Delitzsch, „sich einmal in den Kopf gesetzt, Jahve ist ausschließlich der Gott der Juden, alle Andersgläubigen haben an ihm nicht teil." Aber nach demselben völkergehässigen (?) Propheten ist ja der Perserkönig Cyrus der von Gott bestellte Hirte, der Gesalbte des Herrn, der aus dem Osten berufene Aar, der Auserwählte, an dem Gott Gefallen gefunden. Kann ein Frommer, der einen Mann, welcher seinen Gott nicht gekannt und dafür Aurumazda verehrt und Angromamyus gefürchtet, als einen Messias begrüßt hat, wirklich einem beschränkten partikularistischen Monotheismus gehuldigt haben? In den großen Seelen jener Märtyrer der Wahrheit, eines Sacharja, eines llrias, eines Jesaja, Jeremias, die von ihren tiefgesunkenen Zeitgenossen geschlagen, gesteinigt, gequält' wurden, sollte nur für eine beschränkte, barbarisch beengte Gottesidee Raum gewesen sein? „Es wird uns bange bei Herrn Delitzsch", ruft der Verfasser mit Recht aus, Delitzschs eigene Worte trefflich variierend. Den breitesten Raum der Schrift nimmt, wie gesagt, die Würdigung des sogenannten „Beduinen-Schlachtliedes", Jesaja Kap. 63, 1—6, ein. War man bisher geneigt, die tendenziöse Verdrehung des betreffenden Textsinnes malitiös aufzufassen, so erweist sich gegenüber der vorliegenden Schrift die Interpretation dieses Prophetenabschnittes durch Delitzsch geradezu als rührende Naivität. Der Verfasser weist bis zur Evidenz nach, daß „der Held im roten Gewände von Bozra" kein anderer als Cyrus der Perserkönig gewesen sein kann. Den Exulanten in Babel galt Edom als abschreckender Erbfeind, als Gefahr gegen eine etwaige Rückkehr. „Man-hat nach der Zerstörung des Heiligtums auf Moxia Zechgelage abgehalten, und groß war die Freude im Lande Uz und der Jubel in Bozra über den Fall des stammverwandten Israel" (Obadia I. Psalm 137, Klagelieder 4, 21.) Um dieser an peinliche Erinnerungen geknüpften wohlbegründeten Scheu recht wirksam zu begegnen, hat der Prophet die Vorschau über das Schicksal Edoms durch das Bild des von Bozra daherkommenden . gewaltigen Kriegers (Cyrus) dargestellt." (S. 9.) Diese' so sehr ansprechende Hypothese wird bei der Lektüre einfach zu apodiktischer Wahrheit. „Es geschieht indes, was Herr Delitzsch, wie leider auch andere übersehen, in dem Hymnus des göttlichen Namens überhaupt keine Erwähnung. Unser Prophet würde, wenn er in seinem poetischen Bilde Gott gemeint hätte, gewiß unterlassen haben, von einer „Besudelung" der Kleider zu reden. . Wozu hätte er überhaupt v nötig gehabt, ein Bild, das ganz und gar aus den hervorragendsten.' seiner Zeitgenossen paßt, ganz unpassenderweise aus Gott anzuwenden?" (S. 10.) Mit Recht weist der Verfasser auf die durch Krösus gegen Cyrus geschaffene Koalition hin. Und an der Hand des Textes der von Hormuzd Nassam entdeckten Tontafeln, welcher in den Werken von Floegl: Cyrus und Herodot, sowie von Kaulen-: Assyrien und Babylonien, reproduziert wird, beweist er, daß das Feldzugsjahr Kurras (Cyrus) nach Babylon „ein Jahr der Erlösungen für die Gefangenen; für die heimischen Unterdrückten, einen Tag der Rache" bedeutete. „Von diesen einzig richtigen Gesichtspunkten ausgehend, erlangt man die vollste Gewißheit, daß der, wie ein mit rotem Traubensafte bespritzter Kelterer zugerichtete Krieger niemand anderes als der größte arische Held aller Zeiten, als König Cyrus sein kann." (S. 15). Dieser Argumentation ist nichts weiter hinzuzufügen. Die Schrift ist das Geisteskind eines verdienstvollen Privatgelehrten, dem die jüdische Wissenschaft manch treffliche Gabe bereits verdankt. Sie bekundet gediegene historische Kenntnis, Beherrschung des biblischen Kanons und eine seltene Virtuosität in der Deutung seines Textes. Sie bildet unseres Wissens einen der gründlichsten Beiträge zu dieser Streitfrage und verdient dieserhalb weite Verbreitung. Rabbiner Dr. S. Mandl. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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