Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Vor jedem Bekannten auf der Straße nehmen sie doch den Hut ab, — müssen sie alsdann nicht dem Allmächtigen ihre Ehrfurcht in anderer, demütigerer Weise bekunden? Gewohnheitsgemäß schritt Grittano auf das Weihwasserbecken zu und feuchtete die Finger an. Da tras sein Blick Melitta und er ließ die Hand sinken, — ohne sich bekreuzigt zu haben. Lächelnd, gleichsam um Verzeihung bittend, sah er sie an. Diese Zartheit, daß er ihretwegen sogar von seinen religiösen Gebräuchen Abstand nahm, tat ihr wohl; denn mit diesen Zeremonieen war er doch von Kindheit an verknüpft, — sie waren ihm Bedürfnis geworden! Die Kirche war in der Tat sehenswert. Ein imposanter Bau, der auch innen aufs Kostbarste geschmückt war, mit der dem Katholizismus eigenen Vorliebe für das Farbenprächtige. War es die feuchtkalte Kirchenlust, die in so grellen: Abstand zu der Sonnenglut der Chaussee stand, — der weite Weg, — oder die Nachwirkung des eben Erlebten, — war es diese ganze weihrauchgeschwängerte, mystische Atmosphäre und hier in dieser Umgebung das Fascinierende, Zwingende seines Blickes, — Melitta fühlte, wie es sich schwül und heiß um ihre Sinne legte und sie sah, so schnell wie möglich insFreie hinauszukommen. Grittano eilte ihr nach und fragte, mit einem besorgten Blick in ihr erblaßtes Gesicht: „Ist Ihnen nicht wohl?" Und sie erwiderte mit schmerzlichem Lächeln: „Die Kirchenlust scheint mir nicht zu bekommen." Inzwischen waren auch die andern gefolgt. Man beschloß, in einer nahen Gastwirtschaft zu Abend zu essen und hernach den Heiinweg mit der Eisenbahn zurückzulegen. Einen „Gasthos mit Ausspannung" beehrten sie mit ihrer Gegenwart, der dem Geschmacke des Barons nach wieder viel an Eleganz zu wünschen übrig ließ. In einem weiten Gehöft, in nächster Nähe von ebenfalls zu Abend speisenden Pferden, die sicksis bei den Futtersäcken wohl sein ließen, setzte sich die Gesellschaft um einen Holztisch. Die bedienende Magd beantwortete alle Fragen nach vorrätigen Speisen mit einem „leider heute nicht da," — bis es sich schließlich herausstellte, daß überhaupt nur „Blutwurst" oder „Eier" in Frage kommen könnten. Mit einem Melitta unbegreiflichen Appetit ließ sich Grittano sein Schwarzbrot mit Blutwurst munden. Sie selbst wäre unfähig gewesen, die vor ihr stehenden Eier zu berühren. Und die andern scherzten und lachten so sorglos, stießen mit den Bier- oder Milchgläsern an auf „gute Freundschaft", auf „die Zukunft", aus die „kommenden Wochen" und Grittano lächelte so glücklich, — fast siegessicher zu ihr hinüber. Wie schön — und wie stolz er aussah. Er mußte es einfach nicht glauben, daß ihr „Nein" mit fester Ueberlegung und voller Ueberzeugung gesprochen war, sonst hätte er sie nicht so zuversichtlich und zärtlich anschauen können. Ihre Wortkargheit und Verstimmung fielen aus. Besonders die Justizrätin sah sie immer wieder mit traurig besorgten Blicken an und auch die anderen meinten, daß sie sich wohl überangestrengt hätte, da man noch niemals solche Abspannung an ihr wahrgeuommen. Sie erwiderte nur, daß sie Kopfschmerzen habe. Endlich — endlich hatte man die Eisenbahn bestiegen; Melitta sehnte sich unsagbar nach Ruhe, nach Alleinsein, „Eger!" rief der Schaffner, „1 Minute!" Ein kurzes Händeschütteln, „adieu — besten Dank, — es war sehr, sehr schön. —" Nach wenigen Minuten langten die anderen wieder in Franzensbad an. Melitta seufzte erleichtert auf. (Schluß folgt.) 275 —- ' hm Gotteshaus. Von Frieda Sarason. eihevolle Stimmung liegt über der Gemeinde1 — am Schewuaus. In kraftvollen Tönen klingt die Stimme des Vorbeters durch das dichtbesetzte Gotteshaus und aus manchem Antlitz sieht man den Abglanz der Feiertagsstimmung. Alte, müde Gesichter sind darunter — Gesichter, in die das Schicksal tiefe Runen hineingeschrieben. Wir brauchen sie nur anzusehen, um uns ein ganzes Leben voller Kämpfe und Entbehrungen vorzustellen. Auch sie haben sich aus dem Treiben der Welt hier in das kleine Gotteshaus geflüchtet, um wenigstens für Stunden ihre Sorgen und ihren Kummer zu vergessen. Es geht etwas von der Weihe der betenden Gemeinde ans sie über und aus ihren sonst so glanzlosen Augen bricht heute ein seltsames Strahlen — vielleicht fühlen sie in dieser Stunde, daß es auch für sie einst einen Frieden geben wird, — ein Ausruhen nach all den Kämpfen und Mühen. Heute ist Einsegnung. Fast voller Neugier richten sich die Blicke der Gemeinde auf die drei Mädchengestalten, die eine nach der andern dem Rabbiner auf den Altar folgen. Etwas zaghaft sind ihre Schritte — beinahe ängstlich, als fürchten sie sich vor diesem neuen Leben, das sich von nun. an ihnen austut. Beklommen fühlen sie ihre Herzen schlagen, als sie der Rabbiner nach den Glaubenssätzen der mosaischen Religion fragt, als er sie daraus aufmerksam macht, daß ein neuer Lebensabschnitt für sie beginne — daß die sonnige, selige Kinderzeit hinter ihnen liege. , Er legt ihnen ans Herz, diesen neuen Lebensabschnitt voller guter Vorsätze anzutreten und bemüht zu sein, , den: Guten nachzustreben. Mir ist es, als sähe ich eine Träne glänzen in den Augen des Predigers — eine Träne der Wehmut — treten vielleicht vor sein geistiges Auge die Enttäuschungen und Kämpfe, die auch diesen jungen Seelen nicht erspart bleiben werden? Die erste von den dreien ist eine hübsche, große Blondine. Sie ist die Lebhafteste von ihnen und aus ihren braunen Augen spricht so viel Lebenslust, so viel echte Daseinssreude. Ja, sie weiß es, daß das Leben einst all seine Reichtümer auf sie ausschütten wird — auf sie, die reiche Kommerzienratstochter, der die ganze Welt offen steht.-Und soll nicht jetzt erst das Leben, das wirkliche Leben für sie beginnen? Jetzt, wo sie erwachsen ist, lange Kleider tragest darf und in die Gesellschaft eingeführt wird? Ach, der ganze Himmel hängt ihr voller Geigen. Lachend schaut sie mit ihren rehbraunen Augen in die Zukunft. Ob sie sich ihr so glänzend erfüllen wird? — Ihr zur Seite steht ein kleines, schmächtiges Mädchen, die Tochter einer Witwe. Auf ihrem zarten Körper sitzt ein unförmig großer Kopf, mit ausgeprägten Zügen. Finster blickt sie aus ihren großen Augen in die Zukunft — so jung noch — und schon jetzt drücken die fest auseinander gepreßten Lippen eine tiefe Verbitterung arls — für sie haben die Enttäuschungen des Lebens früh begonnen — ahnt sie vielleicht in dieser Stunde, was es ihr noch bringen wird? Und dann;bie Dritte. Eine liebliche Erscheinung, groß und schlank, ein Gesichtchen voll rührender Unschuld mit klugen, ernsten Augen, aus denen Sehnsucht spricht — unendliche Sehnsucht. Man hat unwillkürlich Mitleid mit diesem jungen Geschöpf, das in ihrer Unschuld. und Ahnungslosigkeit so viel vom Leben erwartet — und vielleicht so wenig finden wird. Ein leises Weinen höre ich plötzlich hinter mir — ich sehe mich um und gewahre ein älteres Mädchen in Schwestern-