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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-03 · Heft 23 (3.6.1904) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 274 (sequence 10)
Language
German
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274 inmitten der Baumriesen. Hier war „die Jause" vorausbestellt. Ein humpelndes Waldweiblein mit zwei notdürftigst bekleideten Kindern machten die Honneurs; d. h. sie brachten lückenhafte Kaffeetassen in den allerverschiedensteu Formen und Farben, eine braunirdene Niesenkanne mit einem undefinierbaren Gebräu, das stark nach Zichorien duftete und einen Krug -mit „Schmetten". Schwarzbrot und Butter mußte Ersatz bilden für das „Kuchenmus", das zur komischen Verzweiflung aller, inmitten des Holztisches ausgebreitet wurde. Aber die Stimmung des kleinen Kreises war eine animiertere, als zuweilen bei den auserlesensten Taselfreuden. Nur Baron von Tertzky fragte immer wieder: . „Finden jnädiges Fräulein das Janze^nicht etwas Primitiv?" Diese unverfälschte, echte Natur machte keinen Eindruck auf ihn; hier im Waldidyll, wo die Seele groß und weit sich auftat, um zu genießen, wo schlechter Kaffee mit Brot, ohne Tischtuch serviert, so Prächtig mundete, — hier vermißte er seinen „Beerrliner" Komfort. Armer Kerl, dachte Melitta, man müßte ihn eigentlich bedauern. . Man wollte nun noch zu Fuß hinüber nach dem zweistündig-entfernten Waldsassen; teils des eigenartigen Reizes wegen über die Grenze nach Bayern zu gehen, teils um die dortige sehenswürdige Kirche zu besichtigen. Paarweise, so wie die natürliche Neigung die einzelnen zu einander gesellte, begab man sich zwanglos auf den Weg. Melitta trat noch einmal an die von Tertzky „zu wenig elegant" befundene Kaffeetafel zurück und tat aus ihrem Wasserglase einige durstige Züge, denn der Weg der vor ihnen lag, war weit und in einer Viertelstunde verließ man den kühlen Wald, um dann mehr als IV2 Stunde auf schattenloser Chaussee zu wandern. Das Glas vom Munde nehmend, hielt sie es gegen das Licht: „Kristallklar ist es und erfrischend wie der Waldesodem." Grittano nahm es ihr aus der Hand, trank den Nest und flüsterte, einen Blick voll verhaltener Glut auf sie richtend: „Und berauschend schmeckt es, nachdem Du, Mädchen, davon getrunken." Was tat er da — was sprach er für Worte. Auch sie faßte es wie ein leichter Taumel: „Kommen Sie," sagte -sie nur, „man wundert sich schon, weshalb wir Zurückbleiben." Und berauschend schmeckt es, nachdem Du — Mädchen —.. Es wälzte sich in ihrem Kopfe. Sie hätte schreien, weinen, lachen, singen mögen — und doch war ihr die Kehle wie zugeschnürt und sie schritt mechanisch an seiner Seite die Straße hin. Seinen Blick mied sie. Starr sah sie geradeaus und nahm mit jener Deutlichkeit, die bei einer nervösen Erregung typisch ist, jede Kleinigkeit in ihrer Umgebung wahr. Da vorn sprach die Gräfin Redwitz mit ihrer Mutter, Ellen und Tertzky scherzten miteinander und die anderen hatten vor letzteren einen weiten Vorsprung. Aber sie selbst und der Hauptmann waren durch ihre Verzögerung wesentlich zurückgeblieben und bei dieser Wahrnehmung beschleunigte sie die Schritte. Jenen nach! Etwas anderes dachte sie nicht mehr. Fliehen vor ihm — vor sich selbst — nur fort! Der Wald blieb zurück und fast im Laufschritt eilte sie vorwärts. Grittano an ihrer Seite. „Aber so sagen Sie mir, weshalb rennen Sie eigentlich so unheimlich?" fragte er schließlich, „wir haben ja Zeit!" Da kam sie sich kindisch vor. „Sie haben recht." Und sie gab auch den letzten Versuch auf, ihrem Verhängnis zu entfliehen, obgleich sie wußte, was jetzt kommen würde — naturgemäß kommen mußte! — Eine Weile schwiegen sie beide. Er räusperte sich mehrmals und konnte doch keinen Anfang finden für das, was sein ganzes Innere mit elementarer Gewalt erfüllte. Schon ragten, nach einer Biegung , der Chaussee, in der Ferne die Türme von Waldsassen auf. Er mußte nun sprechen, wenn er nicht die Zeit ungenützt verstreichen lassen wollte: „Sie sagten neulich, Melitta," begann er mit bewegter Stimme, „Sie würden, — selbst wenn Sie — einen Mann liebten, der anderen Glaubens wäre, als Sie, sich nicht entschließen können, Ihren Glauben aufzugeben." „Ja, — das — sagte ich," stieß sie mühsam hervor. „Melitta! bedenken Sie — wenn Sie ihn liebten! Kommen Sie mal zuerst in die Lage; Sie wissen jagar nicht, was das heißt." „Ich — weiß — es, — denn — ich liebe ihn ja!" murmelte sie, halb jubelnd, halb schmerzerfüllt. „Du liebst mich, Mädchen? — O Gott Du liebst mich! Ist es Wahrheit — ist es denn möglich?!" Er konnte dies Glück kaum fassen.und preßte ihre Hand mit schmerzhaftem Druck. Und sie blickte ihn an: scheu, zärtlich, hingebungsvoll, während große schwere Tränen langsam ans ihren Augen perlten. „Was — nun?" „Mein wirst Du, Geliebte! Schau! Ich bete Dich an, ich vergöttere Dich, ich will Dir mein Leben lang dienen, wie einer Königin, ich will Dir jeden Wunsch von den stolzen, schönen Augen ablesen, noch bevor Du ihn anssprachest." Sie schüttelte nur traurig das Haupt und die Tränen rannen ihr unaufhaltsam über die Wangen. „Und wenn Du, mit Ueberzeugung, nicht Christin werden kannst," — sie hob den Blick mit plötzlichem Aufleuchten zu ihm empor, — „so bleibe im Herzen das, was Du bist — und werde nur der Meinigen wegen katholisch, — denn bedenke, mein Onkel lebt in nächster Nähe des Papstes!" Da sank ihr Haupt wieder in der vorherigen Traurigkeit, und sie flüsterte: „Ich werde weder den Onkel — noch mich selbst betrügen." „Mein Gott — ich kann Dich nicht lassen, — es wäre mein Tod! Ja, ich glaube, ich werfe das Leben von mir, wenn Du mich verläßt!" Ein wildes Feuer glühte aus den sonst so milden blauen Augen, — höchste Entschlossenheit, — ein dämonischer Verzweiflungsmut sprach aus seinen Mienen. — So sah sie ihn noch nie. Und obgleich ihre Liebe zu ihm dadurch nicht erschüttert wurde, mischte sich noch etwas anderes darein: — Angst vor dieser ungezügelten Leidenschaft. Er war eben Südländer. Doch bald beherrschte er sich wieder, — wurde sanft, — bat — flehte, bettelte um ihr Zugeständnis — und sie liebte ihn in der Leidenschaft, liebte ihn in dieser fast rührenden Demut und blieb doch bei ihrem: „Nein." „Fürchtest Du, daß Deine Eltern es nicht zugeben?" „Wenn sie mich auch aus ihrem Herzen nicht verstoßen würden, — denn dazu haben sie mich zu lieb, — so möchte es ihnen — und besonders meinem Vater, — doch eine schwere Wunde schlagen." Mechanisch waren sie den andern gefolgt und mechanisch nach ihnen in die katholische Kirche von Waldsasfen eingetreten, wo sie sich plötzlich mitten unter ihren Freunden befanden. Die Herren entblößten das Haupt. Wieder ein Unterschied, — dachte Melitta. — In unserm Gotteshaus bedecken sich die Männer, weil sie sich nicht würdig erachten, mit bloßem Haupte vor Gott hinzutreten.

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