Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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273 es," — versagte ihr der Atem. Nein, tausendmal nein, — ihren Gott würde sie noch weniger verlassen können, als ihn — ihn! Heiße Tränen weinte sie in ihr Kissen. — — Wie er sie auszeichnete. Heute abend, als er, wiederum mit ihr tanzend, die Quadrille konunandierte, gab er plötzlich mitten darinnen den Musikanten ein Zeichen zur Pause. Und als alle Paare erstaunt ausblickten, nahm er ihr den Fächer aus der Hand und sagte: „Der stört Sie ja, gnädiges Fräulein,", und trug ihn zu ihrem Platze. Zurückgekehrt, rief er der Musik ein freundlich ermunterndes: „Bitte!" zu, worauf diese wieder einsetzte. Er aber ergriff ihre Hand mit warmem Druck, während es in den lebensfrohen Augen schelmisch aufblitzte, — etwa, wie wenn er sagen wollte: „So geschieht mit dem, den der König geehrt wissen will." -- -Ja, er liebte sie nicht nur heiß und stürmisch, — er achtete sie auch. Das sah sie aus jedem Blick, fühlte sie aus jedem seiner Worte. Und warum darf es nicht sein, — warum? — Ist sein Gott nicht auch der meine? Ja, — und nein. — Sie zergrübelte und zermarterte ihr Hirn Stunde um Stunde. Schon blinkte fahles Morgenlicht durchs Fenster, und die Vögel begannen zu zwitschern; — erst leise und vereinzelt,, dann gaben andere ihnen Bescheid und schließlich stimmten sie eine solch laute Unterhaltung an, daß Melitta sich wunderte, sonst nicht hierdurch geweckt zu werden. Nach einer Weile wurde sie endlich müd^, die Gedanken verwirrten sich, — sie sah einiges unklar, wußte ganz deutlich : das stimmt ja in Wirklichkeit nicht — uyd hatte doch nicht mehr die geistige Kraft, Ordnung in das Chaos des Denkens zu bringen. Sie schlief. Im Traume erschien ihr Gott. Sie erblickte den Allmächtigen im Dornbusch und wollte die Schuhe, abstreifen, nur sich ihm in Ehrfurcht zu nahen. Doch da erklang aus Feuersglut und Rauch eine gewaltige Stimme: „Hebe dich hinfort von hinnen, — Ich verstoße dich! — Du wirst das Glück nicht finden, — suche es, — aber umsonst! Der Frieden, — das Heil ruht nur in Meiner Hand, aber ich verstoße dich!" Und dann brauste und dröhnte es in den Lüften, ein Schwefeldampf stieg aus, und ihre Sinne schwanden, während sie ins Bodenlose versank. Gräfin Redwitz und die Justizrätin mit ihren Töchtern begaben sich durch die Franzensbader Anlagen nach dem Bahnhofe, um den Zug nach Eger zu benutzen. Von dort sollte ein Kremserausflug nach dem Walde unternommen werden, den Hauptmann Grittano in Vorschlag gebracht und für welchen die Damen von einigen Offizieren eingeladen waren. „Schauen S' nur, Frau Rätin," sprach die Gräfin, während, sie lächelnden Blickes den vor ihnen gehenden jungen Mädchen nachsah, „wie Antigone und Jsmene." Der Vergleich war durchaus zutreffend, in bezug auf die dunkle Haarfülle der einen und die goldigschimmernden Flechten der andern. Sie trugen breite, große Strohhüte und helle, dünne Gewänder, und es kam nicht ein einziger Passant, ganz gleich ob Dame oder Herr, der nicht nach den jugendsrischen, schlanken Gestalten zurückgeblickt hätte. Gingen mehrere zugleich vorüber, so tauschten sie dann anerkennende Kritiken aus, über die sich die beiden Mütter höchlichst amüsierten. Bemerkungen wie: „Nette Käfer", „Fesche Madeln" fielen in Masse. Einer sagte: „Wehe, wenn sie losgelassen!" was natürlicherweise einen Sturnr der Entrüstung im Innern der unbekannten Zuhörerinnen entfachte. Und nun sprach ein junger Mann in Zivil zu einem ihnen bekannten Leutnant: „War das nicht das Hauptmannsbräutchen?" Der Offizier grüßte inzwischen sichtlich verlegen, die älteren Damen und die Justizrätin war über diese Frage so bestürzt, daß sie am liebsten mit ihrer Tochter bald wieder umgekehrt wäre. — Ob es die Gräfin woh auch gehört hatte? — Doch so eingehend sie deren Gesichtszüge studierte, konnte sie nichts Auffallendes darin entdecken. Nnr die feste Vornahme, heute abend, sobald sie zurück seien, ganz ernstlich mit Melitta zu reden, beruhigte sie so weit, daß sie ihren Weg fortsetzte^ Ellen ärgerte sich inzwischen über Melitta, daß deren Urteil über Grittano „zu kühl" ausfalle. „Ihr Deutschen habt doch amal ka Temp'rament!" ereiferte sie sich, „bei Euch heißes höchstens: er ist nett, — oder: er ist interessant, aber der Grittano ist doch wohl mehr wie „nett" oder „interessant!" Die Getadelte lachte in sich hinein und dachte iimner: o wenn Du wüßtest! „Also was ist er denn?" fragte sie nun. „G'scheidt, — fesch, — herzig, — sakrisch, — ach, Littachen, — wenn ich Sie wäre!" „Was dann?" „O Gott, sind Sie denn blind! Alle Welt sieht's doch, daß er an Narr'n an Ihnen g'fressen hat. Sie brauchen doch nur zuzugreifen! Wahrhaftig, ich könnt' Sie beneiden!" Freude, Stolz, Genugtuung und Schmerz stritten in Melitta um die Oberhand, doch sie verscheuchte letzteren gewaltsam. Die Sonne schien so lustig, die Vögel jubilierten, die Blumen dufteten, und dort schlängelte sich der Zug heran, der sic nach Eger bringen sollte; in einer Viertelstunde konnte sie „ihn" sehen — und sie war jung! — Fort mit der Sorge, — noch lebte sie in der Gegenwart! Wer weiß, ob nicht die Erinnerung an diese kurzen, seligen Wochen ihr das ganze künftige Leben erwärmen sollte. Am Bahnhof stieg Baron von Tertzky zu ihnen ins Coupe und war bemüht, sich bet den jungen Damen unwiderstehlich zu machen. Doch Melitta überließ ihn mit Freuden Ellen allein, und sie blickte, in Gedanken verloren, durchs Fenster. „Jnädiges Fräulein'" — äh — jnädiges Fräulein." Dieses fade Genüsel war ihr unbeschreiblich zuwider. „Eger — 2 Minuten!" — Hell- und dunkelblaue Waffenröcke, Zivil, — Frauen, — Kinder, — alles bunt durcheinander hastend. Jetzt erspähte sie Grittano und schon riß er die Tür auf. Ein freudiges Aufleuchten in den Blicken beider und eine etwas erhöhte Gesichtsfärbung Melittas wäre für den aufmerksamen Beobachter das einzig Bemerkenswerte gewesen. Und nun ging es im Kremser über das holprige Pflaster von Eger. Noch zwei junge Oberleutnants-Ehepaare, die intimeren Freunde von Grittano, nahmen teil. Man saß zusammengepfercht, wie Heringe in der Tonne, die Sonne lag brütend aus dem Wagendach, und die Räder machten auf dem elenden Pflaster solch' ein Gepolter, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. „Littachen, wo hast Du denn die Kuchendüte gelassen?" rief nun die Justizrätin mit Aufbietung aller Lungenkraft, um das Wagengerassel zu übertönen. „Hatte ich sie denn?" „Sie trugen allerdings vorhin," lachte Hauptmann Grittano, „solch' einen Riesenbeutel, — ich dachte noch im stillen: Proviant!" Nun erhoben sich beide gleichzeitig von ihren Sitzen und Melittas Aufschrei gab jetzt Kunde von einer recht niederschmetternden Entdeckung: Da lag besagte Kuchendüte so glatt wie geplättet, und die beiden hatten, vor Seligkeit ob des Beisammenseins, nicht die geringste Unebenheit in der Sitzbank wahrgenommen. Man lachte sie tüchtig aus, aber der Schmerz über den verlorenen Proviant wollte sich nicht so bald legen. Endlich kanr der Wald — und mit ihm herrliche Kühle, kräftiges Tannenozon und schließlich eine idyllische Waldschenke