Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Man mag über die Tatsache als solche denken wie 'man will — für Peter Hille und seine Stellung zum Judentum ist dieses Wort charakteristisch. . . . Er sah im Judentum „das müde Btüt verbannter Jahr-, tausende und greiser Kränkungen". Er spricht von einer stauun-jüdischen Dichterin und sieht an ihr die „dunkelknisternden Strähne aus heißem, leidenschaftsstrengem Judenhaupte". Leidenschastsstreng! Leidenschaftsschwer! Das scheint ihm für die Juden charakteristisch. Peter Hille, der Stimmungsmensch, der sich so tief und dicht in Stinnnung 311 hüllen, zu verbergen verstand, daß er sich von der Außenwelt abschließen konnte, Peter Hille, der im Wirrwarr des Alltags, im Gewühl des Lebens, im Hasten des Daseinskampfes eine zauberische Einsamkeit, eine heilige, undurchdringliche Stille um sich weben konnte — ihm mußte das impulsive,! stürmende, hastende Wesen des jüdischen Temperaments auffallen. Und dieser wogende, hastende Jrnpuls ist in: Innern doch wehvoll, sentimental,schwermütig und seelengedrückt : Das fühlte seine zarte Dichterseele heraus. . . Das sind Extreme — „kindlicher Alternst". Temperament, gezügelt durch Leiden, alte, uralte Leiden. Feuriger Impuls, gedämpft durch Schmähungsstrahten. Heine sagt: „Lachende Tränen; jauchzendes' Weinen; schluchzendes Jauchzen." So sah Peter Hille den Juden, so betrachtete er die Juden und so fühlte er mit dem Judentums. Gedämpfte Kraft. Zurückgedrängtes Temperament. Geknechteter Wille. a, Und das ist es aber auch, was Peter, der Weise, nur fühlen, nicht verstehen kann. „Der schwarze Schwan Israels" — warum schwimmt er nicht stolz vorwärts, warum ist er lendenlahm geworden? Peter Hille, der Platoniker, kanrbs nicht verstehen. Peter! Hille, der Gleichmütige, kann's nicht begreifen. Er behielt iinmer das Gleichgewicht. Bei schäumenden: Prunk und sengendem Frohsinn, unter lachenden Menschen und johlenden Betrunkenen konnte er still bleiben, ruhig, friedlich und einsam. Er blickte vor sich hin und öffnete die Augen, blickte auf und lächelte, nicht weltfremd, sondern weltabgeschlossen, weltzufrieden. Lebt doch — die Welt ist schön'. . . das Leben. Die abgeklärte Ruhe, die in seinem Wesen, in seiner Lebensanschauung verborgen lag, hat ihn jedoch trotz alledem immer zum andern Extrem gezogen und gelockt. Er verkehrte gern mit Temperamenten .... Schon weil er sie beruhigen; konnte. Mit seinem stillen Blick, seinem milden Stimmen-! tonfall. Ich vergesse es nie, wie er einst bei Dalbelli, als eine Diskussion über ein Thema ausbrach, und ein bekannter jüdischer Schriftsteller mit lauter Extase debattierte, das Wort fallen ließ: „Feuerjude!" Das lodernde Temperament sah er, das alternste Schmerzgestöhn; ob auch die brennende, heiße Sehnsucht des Juden nach — Ruhe? Peter Hille war ein Sonderling von Natur. Viel eher ein Nomade. Er mied es nicht, mit anderen zusammenzukommen, er liebte sogar Gesellschaft — aber in dem Gesellschaftstrubel blieb er für sich, mit sich. Er sonderte sich nicht ab, ging nicht beiseite, er war kein Spielverderber — aber er spielte auf eigene Faust, auf eigene Art. So verstand er die Zähigkeit des Menschjuden, sein Einheitlichbleiben, sein Angewurzelt- und Eingewurzeltsein. So war es ihm aber auch unbegreiflich, warum man diese Zähigkeit, dieses Selbstsein anfeindet. „Jede starke Eigenart ist berechtigt, ist ein Fortschritt!" schüttelte er sein Patriarchenhaupt. Als wir einmal nach Mitternacht aus Dalbelli kamen, saßen in: Vvrderzimmer einige „junge Leute". „Sieh mal das lange Haar!" rief einer auf Peter zeigend. Er blieb stehen, nahm den Hut vom Hargite und sagtet „Warum wundern Sie sich nicht über Schiller, meine Herren?" Dann lächelte er: er hab's ihnen gegeben. Jeder soll ein Selbst sein, nüt eigenen, eigenartigen, wirkenden Kräften! Warum sieht man das nicht ein, fragte er sich . . . Eine Antwort gab auch er nicht — der Weise. „Glaube und Liebe". Novelle von Clara Baumbach. IV. ' H^ieder waren sie bei der Reunion gewesen — und wieder hatte er neben ihr gesessen, wenn sie nicht miteinander tanzten oder ein anderer sie um eine Tour gebeten hatte. Aber das war leider recht oft der Fall. — Sie interessierte augenscheinlich auch die anderen Offiziere sehr, nachdem der Vorgesetzte überhaupt nicht mehr von ihrer Seite wich. Und dann waren sie wieder zusammen nach Hause gegangen, — gerade wie das vorige Mal. Vornweg die Mütter, dann Tertzky mit Ellen, zuletzt sie beide. Es war doch nett, daß sich letzterer der Freundin jetzt so viel widmete, so hatte diese auch ihren Kavalier. Paarweise ging sickss doch besser, — als zu dreien! — An Einschlafen war absolut nicht zu denken, obgleich sie gewiß schon zwei Stunden von der Reunion zurück waren.. Melitta wälzte sich immer von einer Seite auf die andere und sann und sann. Mütterchen hat also doch was gemerkt. Ja, ja, Mutteraugen! Sie hat es ihr aber nicht eingestanden, als diese fragte: „Liebst Du ihn etwa, mein Kind? Es wäre schrecklich! Wir müßten sofort abreisen." Ein Frösteln überlief Melitta, trotz der warmen Sommernacht. Nein, nicht fort, — noch nicht! Sie wollte dieses süße Gift des täglichen Beisanunenseins wenigstens noch eine Weile auskosten. Mochte dann werden, was da wollte. Dann mußte sie ihn eben vergessen. „Mußte!" Sie sprach es halblaut vor sich hin, wie wenn sie sich dadurch eindringlicher überzeugen könnte. Wie Mutter sich sorgen würde, wenn sie alles wüßte. Sie durfte nichts ahnen; wozu ihre Ruhe erschüttern? Nachher, — wenn alles aus war, — da konnte man es' ihr vielleicht erzählen, oder später einmal, — nach Jahren, wenn es ganz überwunden war. Und würde sie es einmal ganz überwinden? Wohl nie, — niemals. Diese Wunde mußte ewig bluten! , Wenn das der Vater wüßte, sie, sein Kind, sollte Christin werden! Wie ihn das träfe, bei seinen: frouunen Empfinden. Da müßte sie in den Unterricht gehen, — das Neue Testament und aus dem Katechismus lernen; — sie malte sich das alles im Geiste aus mit dem tröstlichen Hintergedanken: aber Du tust es ja nicht! Tröstlich? Ach nein — recht trostlos war ihr im Gegenteil zumute, und als sie sich sagte: „Nun so tue