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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-03 · Heft 23 (3.6.1904) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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271 zankt ein Fellach (ägyptischer Bauer) arabisch mit einem anderen Fellachen, dort Preist ein türkischer Kaufmann auf türkisch seine Ware an, hier kommt ein Indier, der seine geschnitzten Becher, natürlich mit 100 Prozent Aufschlag auf englisch anbietet, dort empfiehlt ein Italiener seine Wohltätigkeitslose, hier lobt ein rumänischer Jude im Jargon seine Straußenfedern. , Den Jargon, dieses seltsame Gemisch von hebräisch, deutsch und polnisch, hört man hier nicht selten. Man kaNn sogar sagen, daß der Jargon in einzelnen Straßen die Verkehrssprache ist, so z. B. in der Nue Neuve, welche die Verlängerung der Hauptverkehrsstraße, der Rue Muskh, bildet. In dieser Rue Neuve wohnen fast ausschließlich jüdische Händler und jüdische Handwerker. ' Im übrigen bildet der Jargon die Umgangssprache im ganzen Judenviertel, dem Hared el Jahud, in dem die ärmere jüdische Bevölkerung Kairos wohnt. Dieses Judenviertel ist so groß, daß man es in einer Stunde nicht durchqueren kann. Die Juden, die in diesem Viertel wohnen, verdienen wegen ihres Elends und der unendlichen Armut das größte Mitleid. Die Häuser sind zerfallene Hütten; zusammengepfercht wohnen hier Weiber, Männer und Kinder beisammen, geeint durch das gemeinschaftliche Elend unb durch das gemeinschaftliche Vertrauen auf die dein Judentum innewohnende Kraft. Die jüdische Bevölkerung Kairos setzt sich zusammen aus den hier geborenen, eingesessenen arabischen Juden, den Sefardim, und den deutschen'Inden, den Aschkenasim, zu denen die deutschen, österreichischen, russischen, rumänischen Juden, kurz alle hier nicht eingesessene Juden gerechnet werden. Die Aschkenasim sind etwa 450 Familien stark, wozu die Rumänen etwa 150 und die Russen etwa 120 Familien stellen. Juden deutscher Staatsangehörigkeit gibt es nicht viel: in die Matrikel des deutschen Konsulats sind etwa 20 eingetragen. Vor 25 Jahren waren hier im ganzen kaum 100 jüdische Familien ansässig. Die Einwanderung hat in den letzten Jahren auffallend stark zugenommen, insbesondere aus Palästina und Rumänien. Der größere Teil der deutschen Juden besteht aus Handwerkern, insbesondere Goldarbeitern,Klempnern, Tischlern, Schneidern, der kleinere Teil, etwa 10 Prozent, aus Kaufleuten. Während unter den deutschen Juden vielfach große Armut herrscht, ist bei den eingesessenen arabischen Juden mehr der Reichtum vertreten. Die arabischen Juden rekrutieren sich größtenteils aus Bankiers, aus den „Sarrafs", d. h. den auf der Straße befindlichen Geldwechslern, Großgrundbesitzern, Industriellen, kleineren Händlern Zc. Leider gibt es auch viele Wucherer unter ihnen, derentwegen die hiesige jüdische Bevölkerung von Andersgläubigen stark angefeindet wird. (Der hier gerichtlich zugelassene Zinsfuß beträgt zehn Prozent.) Außer diesem einen wunden Punkt, den man aber bei objektiver Beurteilung der Verhältnisse der hiesigen Juden zugeben muß, ist noch ein anderer zu erwähnen, nämlich der, daß unter den hiesigen Prostituierten die jüdischen Frauen leider ein verhältnismäßig großes Kontingent stellen. Nach einer amtlichen Statistik gibt es unter der freilich ganz bedeutenden Anzahl von Prostituierten etwa 100 jüdische, die sich größtenteils aus österreichischen, rumänischen und russischen Jüdinnen rekrutieren. Jüdinnen deutscher Staatsangehörigkeit sollen sich nicht unter ihnen befinden. Die Regierung behandelt hier die Juden im allgemeinen günstig. Es steht ihnen jedes Gewerbe offen; Beamtenstellen, insbesondere bei der Eisenbahnverwaltung, werden mit Juden besetzt; eine schimpfliche Behandlung der Juden, wie sie in anderen Ländern üblich ist, ist hier nicht zu beobachten. Es gibt hier, wie es wörtlich im Bädeker für Aegypten heißt. viele Juden, die sich bei Hoch und Niedrig des größten Ansehens erfreuen, wobei, Bädeker freilich etwas bissig bemerkt „trotz der im Volke lebenden Abneigung gegen dieses unverwüstliche Rassenelement." Das hier übliche Schimpfwort „Jbn Jahudi" (Sohn eines Juden) bedeutet nicht viel, da der Mohamedaner auch den Christen mit dem analogen Schimpfwort „Jbn Nozzrani" (Sohn eines Christen) belegt. Das Schimpfwort „Jbn Jahudi" soll weniger gehässig sein, als den Unterschied kennzeichnen zwischen dem Muselmann, der der wahren Lehre teilhastig zu sein glaubt, und den anderen Gläubigen. Weniger erfreulich dagegen ist das Verhältnis der Juden Kairos untereinander. Es besteht zwischen den deutschen und den arabischen Juden von jeher .eine Spannung, gleichsam wie zwischen zwei verschiedenen Sekten, ja fast ein ausgeprägter Haß. Die arabischen Juden glauben als eingesessene den eingewanderten deutschen, d. h. nichtarabischen Juden gegenüber das Prä hier zu Lande zu haben. Die arabischen und deutschen Juden haben getrennte Synagogen, getrennte Gemeindeeinrichtungen, kurz sie leben wie verschiedene Sekten. Ja selbst die Mazza zum Pessachfest — das Oka IV-i Kilogramm kostet 75 Pfennig — wird in getrennten Gemeindeöfen gebacken. Die deutschen Juden haben nur eine Synagoge in der Darb el Barabra. Ihr Rabbiner ist ein portugiesischer Jude. Er predigt im Jargon und in Hebräisch. Die deutschen Juden sind weniger fromm als die arabischen, der Gottesdienst ist nicht sehr stark besucht. Die arabischen Juden haben mehrere Synagogen, teils im arabischen Viertel, darunter die von Touristen viefach besuchte, in Alt-Kairo belegene Synagoge „Esra Zofer" und die prachtvolle, mit einer großen, weithin sichtbaren Kuppel versehene neue Synagoge. Die neue Synagoge ist vor drei Jahren von dem österreichischen Architekten Herz Bey im Stil des alten Tempels in Jerusalem gebaut worden. Der in ihr abgehaltene Gottesdienst ist für einen europäischen Juden überhaupt kein Gottesdienst. Gepredigt wird in der arabischen Sprache; an der Spitze steht der Großrabbiner, ein spanischer Jude, der ein großes Einkommen, etwa 2000 Mark monatlich, haben soll, während der Rabbiner der deutschen Synagoge kaum ein Zehntel dieses Einkommens hat. Auf Veranlassung der deutschen Juden hat die Alliance Israelite hier vor etwa sechs Jahren eine jüdische Schule errichtet. Das Schulgeld beträgt pro Person etwa 10 Franks monatlich. Die deutschen Juden bedauern es lebhaft, daß ihrem ursprünglichen Plan entgegen, arme jüdische Kinder nicht ausgenommen werden, dagegen auch Nichtjuden, insbesondere Mohamedaner, Aufnahme finden. In der letzten Zeit sollen die besseren jüdischen Familien ihre Kinder nicht mehr in die von der Alliance Israelin gegründete Schule schicken, sondern 'in die vortrefflich geleitete deutsche Schule und — in die Jesuitenschule, l’ecole des Freres! Keter tzillr. Eine Studie von A. Halbert-Berlin. eter Hille sprach mal von „jüdischer Gereiztheit". Nicht tadelnd; Peter Hille konnte nicht tadeln; er verstand. Und als Verstehender, Mitfühlender sagte er: „Jüdische Dichter, schöpferische Dichter aus Judäerblut sind selten. Die Glut einer entlegenen Urseele ursprünglich, stark und bei Schmähungen nngereizt zu erhallen, ist nicht leicht..."

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