Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228605--60853-3274644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
270 WWW Ausgabe, die lokale Wohlfahrtspflege zn vertiefen und zu vereinheitlichen, und zugleich im gemeinsamen Vorgehen eine Besserung der traurigen Zustände innerhalb des osteuropäischen, insbesondere des galizischen Judentums anzustreben. Damit können wir den Einzelfall, der nur um seiner typischen Merkmale willen herausgezogen wurde, verlassen und zur grundsätzlichen Würdigung unserer Frage zurückkehren. Als bestimmendes Moment kommt uns an erster Stelle der Gedanke der Zentralisation und der zielbewußtein auf soziales Verständnis gegründeten Organisation entgegen. Wir sahen auf diese Weise eine Einrichtung erwachsen, die nach beiden. Seiten segensreich wirkte, indem sie die Alumnen zu einem Leben gedeihlicher Arbeit und zur Wertschätzung der Güter kulturellen Daseins, die Pflegerinnen aber zu ständig sich vertiefendem sozialen Verständnis, zur wachsenden Einsicht in die Leiden und Lasten des Lebens und einem dementsprechenden Handeln erzog. Weiter aber, und ich stehe nicht an, das als eine der wichtigsten Errungenschaften zu bezeichnen, führt das Wirken innerhalb so gearteter Vereine zu der Erkenntnis, daß nichts nutzloser und unheilvoller zugleich sein könne, als das planlose Almosengeben, das ein lebensuntaugliches Schmarotzertum großzieht und gar manche Existenz, Sie durch planmäßige und sorgsame Einwirkung noch zu retten und einem ehrenhaften Arbeitsleben zuzuführen gewesen wäre, in dem bequemen aber entwürdigenden Abgrund müßiggeherischer Bettelei versinken läßt. Gewiß, es ist ja auch für den Gebenden viel bequemer, dem Bettler, der an die Türe pocht, ein Almosen zu reichen, als Elend und Jammer in ihren Schlupfwinkeln aufzuspüren, von Fall zu Fall und gewappnet mit einem umfassenden Wissen von dem wirtschaftlichen Untergrund und der sozialen Bedingtheit dieser und jener Volksschicht zuprüfen, ob es sich darum handle, ein armseliges und hoffnungsloses Dasein ein bischen auszuhellen und zu verschönen, oder aber einem verkümmerten Familienpflänzchen durch geeignete Zufuhr von Licht, Luft und Entwicklungsmöglichkeit eine fröhliche Urständ zu verschaffen. Aber nicht unsere Bequemlichkeit hat hier zu entscheiden, sondern die Erwägung, ob wir uns von einer lästigen AugenblicksemPfindiEg durch ein Opfer loskaufen oder aber den Erscheinungen in die Tiefe nachgehen und so an unserm Teil etwas zur Gesundung des Volkskörpers beitragen sollen. Für uns Juden ist diese Verpflichtung, und das besonders unseren Stammesgenossen gegenüber, eine doppelt zwingende, und eine, die, wenn nichts anderes, unsere Selbstsucht uns diktieren sollte. Für jedes Verbrechen, für jedes Vergehen, ja selbst für den bloßen Charakterfehler des einzelnen Juden macht man immer wieder das Judentum verantwortlich. Sollen und dürfen wir uns da daran genügen lassen, die Fehler und Gebrechen, die im Judentum wie in jedem anderen Volkstum zu finden sind, zuzudecken und zu verbergen? Muß es nicht vielmehr unser eifrigstes Bestreben sein, etwa vorhandene Fehler bei uns und anderen auf dem Wege der Erziehung auszumerzen? Und gibt es ein geeigneteres, ein näherliegendes Feld als die so wohl angebaute, weitverzweigte jüdische Wohlfahrtspflege? Auch ist außerdem nicht zu vergessen, daß die Sorge für die jüdischen Bedürftigen nicht ohne weiteres der allgemeinen Fürsorgetätigkeit eingereiht werden könnte, selbst wenn die Hintansetzung der jüdischen Armen in der interkonfessionellen Wohltätigkeitsübung eine minder allgemeine wäre. Denn man bedenke, daß Religionsvorschriften und Lebensgewohnheiten, dazu eine in einem gefesteten Gemeinschaftsgefühl wurzelnde Tradition inrd die besondere Prägung der osteuropäischen Volkselemente hier eine ganz andere Handhabung der Wohlfahrtspflege Notwendig machen und eine Aufgabe schaffen, 'die mit der allgemeinen wohl in den. richtunggebenden Grundsätzen, nicht aber inden Einzelheiten der Ausführung Übereinstimmt. Für diese Aufgabe die jüdischen Frauen 31t gewinnen, ihnen zu zeigen, welche imendlichen Segen sie stiften können, wenn sie in Almosengeben, Krankenpflege und erziehlicher Fürsorge die von uns gekennzeichneten Wege gehen, ist Zweck und Ziel der „weiblichen Fürsorge." Die Frauen müssen lernen, daß es falsch ist, dem Bettler, der an die Türe kommt, eine Gabe in die Hand zu drücken und sich so mit seinem Gewissen abzufinden, daß es nicht genügt, der armen Wöchnerin ein gutes Süpplein zu kochen, sondern daß man außerdem durch Beistellung einer Hauspflegerin den geordneten Fortbestand des Hauswesens gewährleisten muß. Sie müssen ihre armen Schwestern zu Reinlichkeit und gesundheitsgemäßer Säuglingspflege erziehen, sie müssen für die ihrer Beaufsichtigung unterstellten Kostkinder bedacht sein wie für ihre eigenen und den Kindern der Armen die Augen erschließen für den Segen und die Freude Planmäßiger Arbeit. Sie nrüssen sich der Zugewanderten oder Durchreisenden annehmen, den Eingesessenen aber die Berufswahl mit Rat und Tat 'erleichtern und die Berufstätigen solange überwachen, bis solche Ueberwachung durch die erlangte Selbständigkeit und Lebenstüchtigkeit der Schützlinge überflüssig wird. Und schließlich noch eines : Wer in solcher Weise unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit für die Allgemeinheit arbeitet, der wird selbst den größten Gewinn davon tragen, denn er wird sich selbst erziehen zu Bescheidenheit und Pflichttreue, aber auch zu festem Wollen und energischem Handeln. Und er wird allmählich einen Einblick bekommen in die Zusammenhänge und Forderungen des Gemeinschaftslebens, das den einzelnen einer großen, verpflichtenden Kette einreiht. Und so werden alle die, die hier die Hand ans Werk gelegt haben und legen werden, dem Judentum nützen, aber nicht minder sich selbst. Denn sie sind reicher geworden an persönlichem Lebensinhalt, sie haben ungeahnte Kräfte in sich selbst entdeckt und betätigen gelernt, und gar mancher müßigen Dame wird, in dem sie den Segen befreiender und befriedigender Arbeit predigt, dieser Segen an sich selbst offenbar und zum Segen werden. Oriek sus Kairo. Von Dr. Josef Badt. K air 0, im Mai. ie Wintersaison neigt sich ihrem Ende zu. Die Tausende von Touristen, die der ewig blaue Himmel, die die Sonne des Südens, die die ewige Schönheit Aegyptens hergelockt, haben uns wieder den Rücken gekehrt, trunken ob all der genossenen Schönheit. Und in der Tat: Aegypten ist das Land der Schönheit par exeeiienee. Eine einzige Mondnacht bei den Pyramiden, der Anblick eines Sonnenuntergangs von dem Mokkatamgebirge, eine Fahrt auf dem in stiller Majestät dahinfließenden Nil sind eine ewige Erinnerung für jeden, der für ideale Schönheit empfänglich ist. Wer nicht nur diese zauberhafte Naturschönheit ist es, welche die Tausende von Menschen nach Aegypten lockt, auch die unendlich vielen Kunstdenkmäler, das allgemein geschichtliche Interesse, das das einstige Pharaonenland bietet, und insbesondere das interessante bunte Völkergemisch haben eine starke Anziehungskraft. Man kann auf den Straßen Kairos innerhalb zweier Minuten zehn verschiedene Sprachen hören. Hier