Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— - 269 früherer Zeiten kannte den Begriff in diesem Zusammenhänge nicht: Heute aber, -wo die Verschiedenheit des Besitzes -so tiefe Abgründe zwischen den-einzelnen Volksschichten cmfgerissen hat, wo es viele gibt, denen der'Geldsack als einziger Adelsbrief gilt und denen Mangel an Besitz gleichbedeutend mit Minderwertigkeit ist, heute bedarf es eines ganz besonderen Zartgefühls, um in den obgedachten Fällen zu helfen, ohne wehe zu tun. Es bedarf eines Adels der Gesinnung, dessen ererbter Besitz durch feinste und sorglichste Kultur herangereift wurde, durch eine Kultur, wie sie - just der gebildeten Frau der besitzenden Klassen am leichtesten erreichbar wird. Wir sehen, daß die Anforderungen zeit- und sinngemäßer Wohlfahrtspflege viel umfassender, schwieriger und verantwortungsvoller sind, als naive Gemüter sich träumen lassen. Um so dringender aber ist darum der Nus, den sie an alle irgend verfügbaren Arbeitskräfte ergehen läßt, um so dringender auch die Verpflichtung all jener, die durch Besitz und freie Verfügung über einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit in bevorzugter Lage sind. In erster Linie also die Frauen der besitzenden Klassen. Seit ein Arbeitsgebiet nach dem anderen von der Hauswirtschaft losgelöst und der äußerhäuslichen, meist fabrikmäßigen Behandlung und Herstellung überantwortet wurde, nimmt sie die hauswirtschaftliche Tätigkeit nicht mehr wie früher in Anspruch. Darum kann und muß auch der andere Zweig hausfraulicher Betätigung, die Wohltätigkeit, die planlos ausgeübt, wie wir gesehen haben, mehr schadet, als nützt, da sie fast stets den Unwürdigsten zu gute kommt, aus den bereits angeführten Gründen, zur Planmäßigen Hilfsarbeit werden, die auf volles Verständnis des sozialen Untergrundes und der svzialwirtschaftlichen Bedingtheit aller in Frage kommenden Faktoren gegründet ist. Der jüdischen Frau fällt hier eine besondere Aufgabe zu. Sie hat sich, .seit man ihr das Recht gab, sich als Glied des Volksganzen und nicht mehr als Fremdling im Vaterlande zu betrachten, niemals der sozialen und ethischen Verpflichtung entzogen, die ihr innerhalb der Volksgemeinschaft erwuchs. Aber sie hat daneben auch noch andere Pflichten auf sich zu nehmen, die sich nicht aus freier Wahl oder, wie man so oft fälschlich behauptet, aus besonderer Vorliebe für Sonderbündelei und Abkehr vom Volksganzen, sondern aus der Tatsache ergeben, daß der Jude keineswegs gleichartig oder gleichwertig betrachtet wird, vielmehr, und dies besonders in allen Notlagen, fast ausschließlich auf die Hilfe und Unterstützung feiner Glaubensgenossen angewiesen ist. Weiter kommt dazu, daß durch den unkultivierten Zuwachs, den das westeuropäische Judentum aus dem Osten erfährt, sich Pflichten und Aufgaben von ganz besonderer Prägung auftun. So konunt es und so rechtfertigt es sich, wenn von einer besonderen weiblichen Fürsorge im Rahmen der jüdischen Geineinschaft gesprochen wird. Was diese „weibliche Fürsorge" will und soll, geht aus dem Vorstehenden zur Genüge hervor. Wie nun ist sie beschaffen? Auf welcher Grundlage und in welcher Weife kann sie sich entwickeln? Es ist wohl am besten, das anr lebendigen Beispiel klarzumachen. Vor drei Jahren wurde in Frankfurt am Main eine Vereinigung: „Weibliche Fürsorge" durch den Israelitischen Hilfsverein zur Beschränkung des Wanderbettels und als dessen Zweigabteilung ins Leben gerufen. Mit dieser Angliederung war von vornherein eines der wichtigsten Erfordernisse vernunftgemäßer Wohlfahrtspflege, die Zentralisation, d. h. die örtliche und zeitliche Zusammenfassung der Hilfstätigkeit gegeben, daneben durch das reiche Aktenmaterial des Hilfsvereins die nicht zu unterschätzende Möglichkeit geschaffen, sich rasch und gründlich über das Um und Auf der einzelnen Fälle zu orientieren. Das war für alle Zweige der Wohlfahrtspflege von den als Pflegern bestellten Männern besorgt worden, bis der um das Judentum so hochverdiente Frankfurter Rechtsanwalt Plotke darauf hiuwies, wie notwendig, und dies insbesondere in Bezug auf die aus den galizischen Zuständen und der galizischen Einwanderung hervorgehenden Ansprüche und Aufgaben, es fei, die Mithilfe verständiger Frauen zu gewinnen. Die kleine Arbeitsgruppe, die sich gebildet hatte, wurde zunächst damit betraut, alle die Fälle zu prüfen und je nachdem fortgesetzt zu überwachen, in denen es sich um weibliche Petenten oder um Kinder handelte. Jeder einzelne Fall wurde zur dauernden Behandlung und Berichterstattung je zwei Mitgliedern übertragen. In dieser Weise erwuchs sehr bald eine weibliche Fürsorge, die je nach der Lage des Einzelsalles zur Besorgung von Dienst- oder Lehrstellen oder Stellungen in kausinännischen Geschäften, zur Erteilung von Unterricht, zur Unterbringung in gut empfohlenen Familien, zur Einleitung und Ueberwachung einer sachgemäßen Säuglingspflege führte. Kleine Prämien wurden ausgesetzt, um diejenigen, die Dienststellen angenommen hakten, zum Festhalten an ihrer Arbeit zu ermuntern, ein Vorgehen, das sich um so eher rechtfertigte, als es sich fast durchgehends um die erziehliche Einwirkung auf ein Menschenmaterial handelte, dem das Verständnis für den Segen regel- und planmäßiger Arbeit wie für den engen Zusammenhang zwischen Körperpflege, Reinlichkeit und häuslichem Behagen fast völlig abging. Des weiteren wurden Kommissionen eingesetzt, die mit der Ueberwachung des Kostkinderwesens bezw. der Fürsorge für Zu- und Durchwandernde betraut wurden; dies letztere in Anbetracht der sittlichen Gefahren der Großstadt und der Gefahr der Verschleppung durch Mädchenhändler ^eine Funktion von größter Wichtigkeit. -• Trotz der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Bestehens kann der Verein schon auf schöne Erfolge zurückblicken, denen im einzelnen nachzugehen uns indes von dem Zweck unserer heutigen Darlegungen entfernen tvubde. Es genüge, festzustellen, daß manches junge Menschenkind vor leiblichem und seelischem Untergang bewahrt und einer hoffnungsvollen Entwicklung entgegengeführt werden konnte, daß die Süuglingskommission sich ihrer Erfolge freuen darf, denn voll Stolz bringen nunmehr die Mütter ihr wohlgepflegten Sprößlinge zu den monatlichen Inspektionen und jede möchte den Rühm davontragen, das schönste und bestgepflegte Kind zu haben. Und der Verein ist gewachsen. Wie jeder lebendige Organismus hat er sich aus kleinen Anfängen zu immer größerer Kraft, Ansehnlichkeit und Leistungsfähigkeit entwickelt. Schon vor mehr als Jahresfrist hat sich ein Verein „Müdchenklüb" losgelöst, der den jüdischen arbeitenden Mädchen ein Heini gegeben hat, in dem sie nach des Tages Last und Arbeit Erholung und Anregung, aber auch mannigfachen Unterricht finden können. Der Vorstand des Klubs setzt sich zu einem Teil aus den Mitgliedern selbst zusammen, ein weiterer bedeutsamer Schritt auf dem Wege der Erziehung zur Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit. Neben dieser inneren hat auch die Außentätigkeit des Vereins einen erfreulichen Aufschwung genommen. Seine Delegierten betätigten sich an den Verhandlungen des „Internationalen Kongresses zur Bekämpfung des Mädchenhandels" wie -cm dem Kongreß selbst, und während diese Zeilen in Druck gehen, ist man dabei, in Gemeinschaft mit dem gleichen Zielen züstrebenden „Humanitären Frauenverein" in Hamburg einen deutschnationalen jüdischen Frauenbund zu gründen mit der