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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-03 · Heft 23 (3.6.1904) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 den Plan zn erkennen, der jetzt vorliegt. Männer Hie S. Schechter und Cyrus Adler jagen keinen Utopien nach und hegen keine unnötigen Separationsgelüste. Es ist deshalb nicht angebracht, voreilig über die Sache zu urteilen, umsomehr, da, wie gesagt, die telegraphischen Meldungen Ziemlich unverständlich sind. Handelt es sich um den Ausbau des Jewisli Theological Seminary Zn einer Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, wie es in Berlin die „Lehranstalt" hätte werden sollen, so wird man den Plan nur aus vollem Herzen billigen können. Soll aber wirklich eine jüdische Universität gegründet werden, die, wie es in den Zeitungsberichten heißt, „sich mit Harward, Mle und John Hopkins messen kann", so wird inan die näheren Aufklärungen abwarten müssen, um danach zu beurteilen, welche Berechtigung und welche Aussichten dieses neue Projekt hat. Mriblichr Fürlorge. Bon Henriette Fürth in Frankfurt a. ,M. as Wohltun ist von altersher das heilige Vorrecht der Frau. Sie ist es, die die Hungrigen speist und die Kranken pflegt, die mit sanfter Hand die Unebenheiten des Lebens zu glätten, seine Härten zu mildern sucht. In früheren Zeiten machte sich das ganz von selbst. Die Hausfrau, das Biederweib der Heiligen Schrift, schaltete als Königin in ihrem kleinen Reich. Hilfesuchend nahte ihr der Wanderer, der von fernher pilgerte, und in einer Zeit, die von der entwickelten Verkehrs- und Beherbergungstechnik unserer Tage himmelweit entfernt war, auf die Gastfreundschaft von Gewerbs- oder Stammesgenossen, von Befreundeten oder auch Fremden angewiesen war. Der christlichen Bevölkerung öffneten ja auch Klöster und Hospize ihre gastlichen Pforten, und der zünftige Wanderbursch mochte schon früher in der Herberge Unterkunft finden, der wandernde Jude aber mußte sich ausschließlich auf die Freundwilligkeit des Glaubensgenossen verlassen und auf den gastlichen Tisch seiner Hausfrau. Aber nicht nur der Fremdling, auch der Ortsansässige fand bei ihr eine offene Hand, wenn er durch Alter oder Krankheit, verschuldetes oder unverschuldetes Unglück ins Elend geraten war. Und der Arme schämte sich nicht zu kommen. Wie sollte er auch? In den meisten Füllen war seine Notlage eine unverschuldete, und ein mächtiges, alle Lebensbeziehungen durchdringendes, durch die äußere Abgeschlossenheit und die Sonderstellung der jüdischen Gemeinden unendlich gesteigertes Zusammengehörigkeitsgefühl ließ ihn die Gabe des Bruders nicht als drückend empfinden. Heute ist das alles so ganz anders. Man hat die Inden „de jure" wenn schon nicht „de facto“ in den allgemeinen Staatsverband ausgenommen. Damit hat sich ganz von selbst der enge örtliche und gemütliche Zusammenhang gelockert und die Wogen des modernen Kulturlebens sind aufwühlend und befreiend auch über das Judentum hingegangen. Sie mußten mit all ihren Folgeerscheinungen auf dem Gebiete des Jnnen- und Außenlebens, mit der Fülle von neuen Ausblicken und Beziehungen, endlich mit ihrer Umwälzung und Ausweitung des internationalen Verkehrs, in gewaltiger Weise auch die überkommenen Formen der Wohlfahrtspflege beeinflussen. An die Stelle des familienhaften, aus eine gewisse innere Gleichberechtigung gegründeten Wohltuns trat das Almosen, das der Besitzende als 'der Höherstehende dem Hilfesuchenden verabreicht. Diese Handlung erscheint minder grausam, wenn man bedenkt, daß das Unterstützung begehrende Menschenmaterial sich ganz wesentlich von dein armen Gemeindegenoffen oder dem Fremdling früherer Tage unterscheidet. Die vervollkommneten Verkehrseinrichtungen haben bewirkt, daß in ungleich stärkerem Maße, als dies in irgend einer früheren Zeit der Fall war, sich aus dem gedrückten Osten Europas ein Strom hilfesuchender Juden nach dem Westen ergießt, die aus der Bettelei ein mehr oder minder ergiebiges Gewerbe machen und in keinem Sinn den Hilfsbedürftigen früherer Tage gleichgesetzt werden können. Sie stehen mit Recht in minderer Achtung und haben daneben, wie man sagen möchte, den Stand der Gabenempfänger so herabgedrückt, daß der inländische Hilfsbedürftige, der noch etwas auf sich hält, zunr verschämten Armen geworden ist, der durch scheues Verbergen seiner Notlage dem Makel des Älmosenempfanges entgehen möchte. Und endlich ergeben sich als Folgeerscheinungen einer gesteigerten Allgemeinkultur und darunr als Objekte einer umfassenden Wohlfahrtspflege allerhand Nöte und Gebreste, die nicht so sehr in eigentlicher Bedürftigkeit, als im Mangel an einer für das heutige Erwerbs- und Kulturleben unerläßlichen Vorbildung und Lebenstüchtigkeit ihren Grund haben. Mit alledem ist die gesamte Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege zu einer Wissenschaft geworden, zu einer sozialen Funktion von unendlicher Tragweite und Verantwortlichkeit. Sie darf sich nicht , mehr daran genügen lassen, wähl- und planlose Almosen zu geben. Da gilt es einmal, die gewerbsmäßige Bettelei dadurch einzudämmen, daß man durch möglichste Zentralisation der Almosenverteilung eine genaue Kontrolle ermöglicht und die absolut unwürdigen, ausschließlich und fortgesetzt schmarotzenden Elemente nach Kräften ausscheidet. Weiter aber erwächst die Verpflichtung, den Ursachen des traurigen Gewerbes im Ursprungslande nachzugehen und das Uebel möglichst^an der Wurzel abzugraben, indem man erkundet, was kräftige und arbeitsfähige Leute veranlassen kann, statt - zu ehrlicher Arbeit zu einem zwar vergleichsweise mühelosen aber verächtlichen Gewerbe zu greifen und versucht, aus Grund der gewonnenen Erkenntnis helfend und bessernd zu wirken. Armut und Lebensuntauglichkeit sind da, wo sie in größerem Umfang auftreten, immer nur Folgeerscheinungen. Die Wurzeln, aus denen sie hervorwachsen, sind entweder die Allgemeinzustände eines Landes oder besondere, Erziehung und Lebensweise beeinflussende Eigenschaften und Gepflogenheiten der Bewohner oder endlich ein Zusammentreffen beider Faktoren, wie dies beispielsweise in Galizien der Fall ist. Hier zu helfen ist nicht leicht; handelt es sich doch darum, eine im Banne Jahrhunderte alter Vorurteile befangene, unwissende und teilweise arbeitsungewohnte, dazu um ihres Glaubens willen, bedrückte und verfolgte Volksgruppe einem gesunden und gedeihlichen Leben der Arbeit und Kultur entgegenzuführen. Nichts geringeres aber als diese Aufgabe von unendlicher sozialer Bedeutung und Tragweite ftellt die moderne jüdische Wohlfahrtspflege ihren Lehrlingen und Gesellen. Da genügt es nicht, gut zu sein und gerne zu geben. Zur Hilfsbereitschaft muß das eindringende Verständnis und das vor dem Richterstuhl der Sozialethik geprüfte Tun kommen, wenn ein gedeihlich Werk daraus werden soll. Neben dieser Außentätigkeit, die Männer und Frauen in gleicher Weise zu ihrem Dienste ruft, gibt es noch ein anderes Gebiet der Wohlfahrtspflege, das seiner ganzen Art nach den Frauen Vorbehalten sein sollte. Da ist das weite Gebiet der Kranken- und Säuglingspflege, der Jugendfürsorge und Ueberwachung, der Erziehung und Berufswahl, da sind endlich die verschämten Armen, von denen schon oben die Rede war. Es erfordert viel Takt und Herzensgüte, jenen zu Hilfe zu kommen/ denen „Armsein" Schande bedeutet. Der solidarische.Geist

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