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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-06-03 · Heft 23 (3.6.1904) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
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Der von uns bereits avisierte Empfang einer Abordnung des englisch-jüdischen »Board ok Deputies" im Ministerium des Innern hat am 19. d. M. stattgefunden. Man schreibt uns darüber aus London: „Die vom Lord Rothschild geführte Abordnung, welche der Regierung das von der englischen Iudenheit gegen das geplante Fremdengesetz gehegte Bedenken darlegen sollte, wurde, da der Minister Akers-Douglas einer Sitzung des Ministeriums beiwohnen mußte, von dem Unterstaatssekretär Mr. Cocherane empfangen. Lord Rothschild hob in seiner Ansprache .hervor, daß die Fremdenkommission seinerzeit feststellen tonnte, daß die Fremdeneinwanderung dem englischen Volke keinen Schaden, dagegen großen Nutzen gebracht hat. Die jährliche Zunahme der fremden Bevölkerung übersteigt kaum 7000 Seelen. Die jüdische Gemeinde in London hat ihrerseits festgestellt, daß die Zahl sämtlicher Juden Londons 120 000 nicht übersteige. Leider wohnen die meisten von ihnen in dem als übervölkert geltenden Stadtteile Stepney. Tatsächlich jedoch ist Stepney weniger übervölkert wie viele andere Londoner Gegenden. Die Bevölkerung von Stepney geht immer mehr zurück und ist gegenwärtig weit geringer als vor Beginn der Fremdeneinwanderung. Wenn trotz alledem die Fremdenkommifsion sich dennoch dazu entschlossen hat, die Vorlegung eines Fremdengesetzes zu empfehlen, so hatte sie nur an ein Gesetz gedacht, wie es zur allseitigen Zufriedenheit seit vielen Jahren in den Vereinigten Staaten besteht. Statt dessen hat die Regierung dem Unterhause ein Gesetz vorgelegt, das mit einem Polizeispionage- und Paßsystem den Traditionen des Landes sowohl als den Intentionen der Majorität der Fremdenkommifsion zuwider i ist. Lord Rothschild schlägt zum Schluffe vor, die Einwanderer nicht durch Negierungsbeamte auf den einzelnen Schiffen, sondern durch eine Jury in einem für Ankommende speziell zu errichtenden Logierhause zu examinieren. In diesem Falle mache die jüdische Gemeinde Londons sich anheischig, jedem einwandernden Juden für die ersten zwei Jahre die Existenzmittel zu garantieren. Daraus ergriff Mr. Alexander das Wort, um als Präsident des Board of Deputies die Bedenken der englischen Iudenheit gegen das Gesetz darzulegen. Die Erklärung der englischen Regierung, daß das Gesetz nicht speziell auf die Juden gemünzt ist, hat die englische Iudenheit ohne Vorbehalt mit großem Dank entgegengenommen. Sie bittet aber auch ebenso ohne jeden Vorbehalt zu glauben, daß der Widerspruch aller englischen Juden gegen dies Gesetz nicht bloß vom Standpunkte der eigenen jüdischen Interessen, sondern ebenso sehr vom Standpunkte der Interessen des ganzen Landes diktiert wird. Redner führt dann die einzelnen Punkte der Bill vor, welche nach Ansicht der Juden sehr verbesserungsbedürftig sind. Das geplante Paßsystem ist geeignet, die russischen und rumänischen Juden der Willkür ihrer halbasiatischen Bedränger preiszugeben, ohne andrerseits die Einwanderung von Verbrechern und Zuhältern zu verhindern. In Rußland kann für 10 Rubel jedermann in Besitz eines Passes gelangen. Da ferner die Verbrecher die Mittel besitzen, einen Kajütenplatz zu bezahlen, so würde dieBestimmung, die notgedrungenerweise sich auf die Deckpassagiere wird beschränken müssen, nur die ehrlichen Leute treffen, während die Verbrecherwelt nach wie vor ungehinderten Zutritt haben wird. Eine entschiedene Verurteilung findet ferner die beabsichtigte Stellung der Einwanderer unter Polizeiaufsicht, durch welche der Fremde mit Verbrechern auf eine Stufe gestellt wird. Die Bestimmung, wonach jeder Einwanderer Existenzmittel nachzuweisen hat, ist geeignet, in England eine bis dahin unbekannte Polizeiwillkür großzuziehen. 8 3 berechtigt die Behörden, jeden Fremden innerhalb zwei Jahre nach erfolgter Einwanderung wieder auszuweisen, falls es sich Herausstellen sollte, daß er eine Unterstützung empfangen oder in seiner früheren Heimat ein Verbrechen begangen hat. Die Bestimmung eröffne dem Denunziantentum Tür und Tor. Endlich müsse die jüdische Gemeinde mit aller Entschiedenheit gegen die geplante Errichtung des famosen „verbotenen Rayons" protestieren. Zum Schluffe macht Redner die Regierung auf die Tatsache aufmerksam, daß laut dem offiziellen Berichte des Board of Trades die Zahl der Fremden im Jahre 1903 höchstens um 716 zugenommen hat. Sir Samuel Montague sagte: Ich habe 50 Jahre lang in Ostlondon gewirkt und durch 15 Jahre Whitechapel im Unterhause vertreten. Ich stehe noch jetzt an der Spitze einer religiösen Organisation, welche 25 000 eingewänderte Juden umfaßt. Ich habe die Einwanderer auch in ihrer ehemaligen Heimat besucht und kenne sie daher ziemlich genau. Ich lasse mich durch ihre äußere Erscheinung daher nicht täuschen, aber der die Einwanderer inspizierende Beamte dürfte wohl weniger vorurteilsfrei sein und es wäre unfair, einem solchen untergeordneten Manne das Schicksal so vieler Armen anzuvertrauen. Daß die Juden in Stepney beisammenwohnen, ist keineswegs auffallend. Auch die in London eingewanderten Franzosen und Italiener haben in Soho, resp. Holborn ihre eigenen Ghettos. Während aber die Franzosen -und Italiener, wenn sie sich einiges Geld gespart haben, das Land wieder verlassen, bleibt der heimatlose russische und rumänische Jude in England. Redner schlägt vor, daß der von der Bill geforderte Paß nicht von den russischen und rumänischen Behörden, sondern von den englischen Konsuln oder von dem Rabbiner des Ortes ausgestellt werden sollte. Es sprachen noch Mr. Claude Montefiore als Präsident der Anglo Jewish Association, sowie Mr. Stuart M. Samuel als Mitglied des Unterhauses für Whitechapel. Letzterer machte den Unterstaatssekretär darauf aufmerksam, daß die Zahl der fremden Verbrecher im Jahre 1903 nur 652 und die der fremden Armen 1753 betragen hat. Er fordert schließlich, daß die Bill eine Bestimmung zu gunsten solcher Einwanderer enthalten soll, die in ihrer Heimat wegen ihrer politischen oder religiösen Gesinnung verfolgt wurden. Der durch so viel Argumente in die Enge getriebene Mr. Cocherane versicherte zunächst nochmals, daß die geplante Fremdenbill keine antisemitische Tendenzen habe. Nur Kranke, mittellose und übelbeleumdete Einwanderer sollen von ihr betroffen werden. Da aber die Einwanderer dieser Kategorien laut Versicherung der Herren Deputierten unter den Juden des Ostens sehr minimal seien, so tangiere die Bill die Juden sehr wenig und er könne nicht begreifen, weswegen die englische Iudenheit sich über dieselbe so sehr aufrege .... Auch der jüdische Board of Guardians repatriiere ja jährlich einige jüdische Emigranten; weshalb soll das Gesetz nicht dasselbe tun und die „Jndesirables" an der Einwanderung verhindern? Mr. Cocherane wurde belehrt, daß die vom Board of Guardian aus vorgenommenen Repatriierungen stets auf den eigenen Wunsch der Repatriierten geschehe, welche selber eingesehen haben, daß sie in England die erhoffte Existenz nicht gefunden haben. Mr. Cocherane: Jedenfalls wird es dem Board of Guardians nicht unangenehm sein, wenn die Personen, dieser alljährlich repatriieren muß, schon von vornherein wissen, daß man sie in England nicht mit offenen Armen empfangen werde. Das Wichtigste jedoch ist, daß wir alle darüber einig sind, daß die von der Bill bedrohten Personen nur zum geringsten Teil der jüdischen Rasse angehören. Was den Paßzwang anbelangt, so halte ich den Vorschlag Sir Montagues für sehr diskutabel. Auch die Vorschläge, welche Mr. Alexander als Präsident des Board of Deputies mir schriftlich überreicht hat, will ich umgehend an den Minister befördern und ich denke, in der parlamentarischen Kommission, in der die Bill beraten wird, werde sich reichlich Gelegenheit zur Anbringung von Amendements finden. Eins will ich aber noch sagen: Kein Mensch in England denkt daran, das Land ben politischen Verfolgten, die bona fide Englands Küste aufsuchen um hier Schutz zu finden, irgendwie zu versperren. Kein Minister würde bei uns so etwas wagen. Alles was die Bill beabsichtigt, ist/ daß das Land nicht ein Tummelplatz für Verbrecher und Depravados wird und daß Kuppler und Zuhälter hier keine sicher geschützte Heimstätte finden, um durch Ausbeutung unglücklicher Geschöpfe ein behagliches Dasein führen zu können. Ich danke Ihnen, meine Herren, und versichere Sie nochmals, daß alle Ihre Anregungen mit möglichster Beschleunigung dem Minister übermittelt werden sollen. * Schon vor einigen Jahren tauchte in Amerika das Projekt einer jüdischen Universität auf, das damals sogar die Billigung von Fachmännern wie Professor Wilhelm Bacher u. a. gefunden hat. Glücklicherweise verschwand aber die Idee wieder ebenso rasch, wie sie entstanden war. Nun taucht sie von neuem auf. Aber die Nachrichten sind noch zu wirr, um

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