Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
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abzuwülzen gewußt, daß es sich nicht wundern darf, wenn aus den Tiefen seines eigenen Volkes, dem solche menschenmordende Katastrophen die Binde von den Augen reißen, ihm die bittere Klage entgegenschallt und wenn das Volk sich selber auf eigene Faust zu Helsen sucht. Es wäre ein Armutszeugnis für ein Volk von über hundert Millionen Menschen, wenn selbst seine Intelligenz an den Universitäten ein „blindes Werkzeug" in den Händen der Juden wäre. Nächstens wird inan lesen, daß auch Tolstoi und Gorki jüdische Marionetten sind. Ganz besonders hat Herr v. Plehwe den Notabeln darüber den Text gelesen, daß sich die Presse Westeuropas der russischen Juden annehme und daran die unverständliche Drohung geknüpft: „Ihr habt uns in der Presse den Krieg erklärt, gilt, wo Krieg ist, fallen auch Opfer!" — Dunkel ist der Rede Sinn. Herr v. Plehwe sollte sich erinnern, daß Rußland einmal einen Minister namens Uwarow hatte, der gerade für die russischen Juden die Hilfe Westeuropas erbat und auch erhielt, und daß ja auch Herr v. Plehwe selbst die Hilfe der Presse in Anspruch nimmt, um seinen ehemaligen Ministerkollegen den Krieg zu erklären. Nicht die Juden sind heute in Rußland die Attentäter, wie wir nachgewiesen haben, sondern die brutalen Gewaltmenschen, welche ihre Angst vor der heranbrechenden Helle des Tages, der ihr Lügenshstem aufdecken wird, durch Drohungen zu betäuben suchen. Haben die 60 Notabeln auch iin Interesse ihrer Brüder schweigen müssen, wir Juden Westeuropas dürfen nicht schweigen und wir müssen imsere Stimme laut erheben, bis dieses System des Unrechts und der Gewalt gefallen ist, das den Frieden der Welt bedroht. Anatole Leroy Beaulieu, der gegenwärtig Amerika bereist und kurz vorher in Rußland gewesen ist, wurde in Newyork von verschiedenen Zeitungsreportern über die Lage der Juden in Rußland interviewt. Bei dieser Gelegenheit sagte er: „Von den offiziellen Vertretern Rußlands wird den Juden der Vorwurf gemacht, daß sie sich zu Führern der revolutionären Partei aufgeworfen haben.-" Ich. erwiderte darauf, daß dies" keineswegs der Fall sei, dann aber, daß ihnen die revolutionären Gesinnungen nirgends anders als gerade in den russischen Unterrichtsanstalten beigebracht würden. Am Ende kann man es den Juden kaum verdenken, wenn sie einer Regierung, die sie so schlecht behandelt, nicht besonders freundlich gesinnt wären." Schließlich erzählte noch der bekannte französische Publizist und Nationalökonom, daß ihm in betreff der dortigen Juden ein russischer Generalkonsul unlängst gesagt habe: „Ich weiß sehr Wohl, was Sie von Rußland denken: Kischinew!... Allein das wird alles anders werden. Der Zar hat die besten Absichten." Gewiß — aber wo bleibt Herr v. Plehwe? Die Wache. Berlin, 1. Juni. ieder einmal tauchen in westpreußischen und pommerschen Blättern verschiedene Nachrichten über die Konitzer Affäre auf. Einige Zeitungen wollen sogar schon genaue Mitteilungen über den Gang der Untersuchung haben und nennen bereits die übrigens aus dem früheren Prozeß hinlänglich bekannten Personen, gegen welche diese sich jetzt von neuem auf Grund triftiger Indizienbeweise richten soll. Ein hiesiges Blatt erklärt in sehr bestimmter Weise: „Die jüngsten Meldungen, daß die Wiederaufnahme des Konitzer Mordprozesses bevorstehe, hatten doch eine ganz solide Grundlage. Wir glauben mitteilen zu dürfen, daß die Wiederaufnahme in kürzester Zeit schon zu erwarten ist. Wie berichtet wird, haben — Katzenhaare auf die Spur des Mörders bezw. Totschlägers geführt." Wir wissen nicht, was an der Sache und ob überhaupt etwas daran wahr ist. Aber verdächtig erscheint allerdings der Eifer, mit dem sich die Blätter der verschiedenen Richtungen die Nachrichten über die Wiederaufnahme des Prozesses abjagen. Selbst die.Antisemiten beteiligen sich an der Sache. Wenn man außerdem bedenkt, wie streng geheim derartige gerichtliche Untersuchungen in Preußen geführt werden, so erscheinen jene Nachrichten doppelt bedenklich. Es wäre deshalb dringend zu wünschen, daß die jüdischen Blätter sich an diesem Treiben nicht beteiligen möchten, das, wie es den Anschein hat, nur der Untersuchungsbehörde ihre Arbeit erschweren, wo nicht unmöglich machen soll. * Die Vorgänge auf dem letzten deutschen Turnertag haben auch noch ein trauriges Nachspiel, das die deutsche Treue der Antisemiten wieder einmal im hellen Lichte zeigt. Ein hiesiges, den Alldeutschen gar nicht unsympathisch gegenüberstehendes Blatt berichtet darüber in folgender Weise: „Durch die slavischen, welschen und klerikalen Reihen in Oesterreich geht ein schadenfroh triumphierendes Schmunzeln: was allem Wüten und Verleumden der Todfeinde des Deutschtums in Oesterreich durch Jahrzehnte nicht geglückt ist, das will verbohrter Parteifanatismus im deutschen Lager jetzt leichtherzig vollführen, die Durchschneidung eines der letzten Bänder, die das österreichische Deutschtum mit der deutschen Gesamtnation verknüpfen. Von der Allgemeinen Deutschen Turnerschaft soll der Kreis Deutsch-Oesterreich abgesprengt werden, aus einer das Deutschtum der ganzen Welt umfassenden, bewunderungswürdig funktionierenden nationalen Gesamtorganisation sollen die Deutschösterreicher ausscheiden. Und was ist der Grund für solch herostratisches, das Lebensinteresse des österreichischen Deutschtums, die Ausrechterhaltung seines Zusammenhanges mit dem großen Starnmvolke schwer schädigendes Beginnen? Einzig und allein die Tatsache, daß die Leiter der Deutschen Turnerschaft dem Flügelschlag der antisemitischen. Seele nicht genügend weiten Raum gewähren, weil sie — nicht etwa die den XV. Kreis beherrschenden antisemitischen Turnvereine in Oesterreich beiseite schieben, sondern weil sie den deutschfreiheitlichen Turnvereinen in Oesterreich, die an 7000 Mitglieder umfassen, das Recht zugestehen wollen, sich innerhalb der allgemeinen. deutschen Turnerschaft als Kreis XVb zu organisieren. Unbedachter, ja man darf sagen: frivoler ist kaum je von Deutschen gegen wichtigste nationale Interessen des Deutschtums in Oesterreich gesündigt worden als hier, und zwar von Leuten, die sich als die berufensten und pflichtbewußtesten Hüter dieses Deutschtums aufspielen. Während jeder wahrhaft deutschnational Gesinnte diesseits wie jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle von der Erkenntnis durchdrungen ist, daß es für das von Gefahren umringte, aus Tod und Leben kämpfende Deutschtum in Oesterreich kein Heil gibt, außer in der sorgsamen Pflege und Vertiefung des geistigen und kulturellen Zusammenhanges mit der Gesamtnation, wird hier aus kleinlichgehässigen Antrieben ein Band zerschnitten, das, einmal gelöst, kaum je wieder geknüpft werden kann. Was haben Tschechen und Slovenen, Römlinge und Italiener, was haben die „Schwarzgelben" aller Nuancen sich seit Jahrzehnten über die Zugehörigkeit der deutschösterreichischen Turnerschaft ereifert, wie haben sie darob über „Hochverrat" und „Preußenseuchelei" gezetert — und nun bereiten ihnen die „Ueberdeutschen" die freudige, nie geahnte, nie erhoffte Ueberraschung dev freiwilligen Sprengung einer nationalen Organisation, die so fest und ohne Fugen wie ein Granitblock zu sein schien." Inzwischen wurde auf dem Wiener Kreisturntag der erwähnte Antrag auf Trennung wegen des in Berlin verworfenen Arier-Paragraphen abgelehnt, da die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht erreicht wurde. Aber charakteristisch für die vielgerühmte antisemitische Bundestreue bleibt die Sache doch. 4r