Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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68. Jahrgang. No. 23 Allgemeine Berlin, 3. Juni 1904. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpele». .Begründet von Rabbiner Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion' und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Sind dir ruMlchrn Juden wirklich Oroolutillnsre? Berlin, 1. Juni. ei der jetzt von dem russischen Minister des Innern, Herrn von Plehwe, eingeführten Methode, alle Schuld für irgend welche Unglücksfälle in Rußland auf die Juden abzuwälzen, muß man demnächst aus die Behauptung gefaßt sein, daß die Erbauer der kürzlich vor Port Arthur untergegangenen Schlachtschiffe oder gar ihre Führer, die Admirale — Juden gewesen seien. Oder ist es nicht eine Behauptung von gleicher Beschaffenheit, wenn jüngst Herr v. Plehwe den 60 zu ihm zitierten jüdischen Notabeln erklärte, Beweise dafür zu besitzen, daß fast alle Attentate von Juden organisiert und geleitet wurden? Es bleibt stets von solchen Behauptungen etwas hängen; man tut daher gut, einmal der Frage auf den Grund zu gehen, wer eigentlich in Rußland die wirklichen Revolutionäre sind. Daß sich der kleine Prozentsatz studierender Juden von einer alle russischen Universitäten beherrschenden Strömung der russischen Intelligenz, welche eine Verfassung und die Aushebung der bestehenden Mißwirtschaft ersehnt, nicht ausschließen kann, ist klar. Es gereicht ihm dieser Kampf ums Recht, auch im Hinblick aus die Rechtlosigkeit der Juden in Rußland, mehr zur Ehre, als wenn die jüdisch-russischen Studenten nach dem Wunsche des Herrn von Plehwe sich unter den von ihm abhängigen Kreaturen und Spionen befänden. Aber man braucht doch nur das Buch zu lesen, in welchem der leider so jäh vor Port Arthur aus dem Leben geschiedene Maler Wereschtschagin die russische Gesellschaft freimütig schildert, um zu wissen, aus welchen Kreisen in Rußland die Frondeure stammen.' Und hatten sie denn gegenüber der allenthalben herrschenden Korruption etwa so sehr unrecht? Herr v. Plehwe brauchte sich nur unter dem kleinen Landadel und bei den Popensöhnen die Gegensätze anzusehen, um zu wissen, wie da neben dem traditionellen Heiligenbilde und allerhand rein äußerlich bewahrten Zeremonien die Frivolität und Korruption sich breit machen, wie diese Gegensätze zwischen den leeren, überlebten, alten Formen und dem modernen Bewußtsein seine Russen dem Nihilismus in die Arme treiben. Jedenfalls können wir uns die in Nr. 15 mitgeteilte Aeußerüng verbitten: „Die Juden sind nicht nur wütende Revolutionäre, sie sind alle Mörder," eine Aeüßerung, die, wenn sie authentisch ist,' nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann. Man lese des Kulturhistorikers Johannes Scherr Aufsätzeüber den Nihilismus/und man wird wissen, wer in Rußland Attentate organisiert. Wie Windthorst einmal mit erhobener Stimme im deutschen Reichstage ausrief: .„Selbst der Wurm, der getretenwird, krümmt sich," so wäre es auch kein Wunder, wenn einem mißhandelten jüdischen Universitätshörer einmal die Galle überliefe. Und der kürzlich leider viel zu früh dahingegangene Karl Emil Franzos, dem niemand Sympathien für den Anarchismus nachsagen wird, hat sogar in einem kulturgeschichtlichen Borträge, in dem er die Stellung des Weißes als Gradmesser der Kultur behandelte, öffentlich in Berlin die gegen den russischen Despotismus känrpfende Sophie Perowskaja als Märtyrerin dargestellt, da. sie für ihr Ideal in den Tod gegangen. Bei Johannes Scherr aber kann Herr v. Plehwe bezüglich der Attentate die Frage lesen: „Cu bono?“ Wern hat die Ermordung des Zaren Alexander II., der bereits die von Loris Melikoss entworfene Konstitution unterzeichnet hatte, genützt? — Den Nihilisten ebenso wenig als den Juden, gegen die ein Schreckensregiment ohne Gleichen ckosbrach. Der Schweizer Historiker,. der viel mit nihilistischen Studenten als Professor zusämmenkam, und der auch die ' ältere Geschichte Rußlands und seiner Tschinowniki genau studiert hat, sagt aus dieser Kenntnis heraus, daß die privilegierten Kasten, jene harten, altslavischen Naturen, in Rußland die meisten Attentate angestiftet haben, die ihrem Knutenregiment auch bis heute zum Hohn für alle Kultur Bestand verliehen haben. Da die 60 vor den Minister zitierten jüdischen Notabeln schweigen mußten, wollen wir wenigstens gegen diese neue unerhörte Kränkung des jüdischen Namens protestieren. v. Diese Tschinowniki, die jeder aus den modernen russischen Romanen kennt, die nicht wie in allen anderen Staaten von der öffentlichen Meinung kontrolliert werden, sind das große Unglück Rußlands. Der dahingemordete Zar- Alexander II. hatte schon kurz nach dem russisch-türkischen Kriege die Mißstände in der Marine, die Korruption in der Berwaltung öffentlich gerügt. Ja, wir können behaupten, ahne die Juden stände es um Rußland auch in der jetzigen Krisis, noch weit schlimmer. So starben im russisch-türkischen Kriege 88000 Menschen in den schlechtgeleiteten und ungenügend ausgestatteten Lazaretten, Jetzt ist Rußland mit einem wohlorganisierten Sanitätskorps in den Krieg gezogen, an dem wohl auch die Juden ihren reichlichen Anteil haben werden. Ob dieses Mal der andere amtliche Apparat besser funktionieren wird, als bisher Rußlands Armada zur See? Oder sind auch hier die Schiffsoffiziere nur „blinde Werkzeuge" der Juden? Das offizielle Rußland arbeitet mit soviel Blendwerk, hat seine sittliche -Fäulnis.so-.HU-''verhüllen,'• rUebelstände:'stets<:-derart'. auf andere'