Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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68. Jahrgang. So. 22. Berlin, 21. Hai 1904. Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums Korrelponden?en und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 22. Mai. Auf das Huldigungstelegramm, welches der „Verband der deutschen Juden" am Tage seiner Konstituierung an den Kaiser absandte, erfolgte am 4. Mai zu Händen des Herrn Iustizrat Breslauer nachstehendes Dankschreiben: Der Minister des Innern. - Berlin, derr 2. Mai 1904. Ib, 3776 Seine Majestät der Kaiser und König haben mich zu ermächtigen geruht, für den telegraphischen Huldignngsgruß vom 24. v. M. den Allerhöchsten Dank auszusprechen. gez. Hammerftein. ' — Berlin, 28. Mai. Die Baruch Auerbach'schen Waisen- Erziehungs-Anstalten, die unter dem Protektorat des Kaisers und der Kaiserin Friedrich eine gedeihliche Entwicklung erfahren haben, bieten nach ihrem eben erschienenen 71. Jahresbericht in ihrem neuen Heim an der Schönhauser Allee einer um die Hälfte des früheren Bestandes erhöhten Zahl von Zöglingen Raum. Indessen haben die Einnahmen der lediglich auf ihre eigenen Mittel und Zuwendungen ihrer Gönner angewiesenen Anstalten nur eben ausgereicht, um den gegenwärtigen Zöglingsbestand von 54 Knaben und3O Mädchen, den gleichen wie im Vorjahre, zu unterhalten und eine immer noch in Höhe von etwa 127 000 Mark vorhandene Bauschuld zu verzinsen. Die Verpflegung erforderte 18 983 Mark, d. h. 51 Pfennig für den Kopf und Tag, l1/3 Pfennig mehr als im Vorjahre, die Bekleidung 84 Mark für jeden Zögling, die gesamten Bedürfnisse, einschließlich Gottesdienst, Bureau, Renten nsw. 76414 Mark. Hiervon sind durch Zinsen des Anstaltsvermögens und sonstige bestimmte Einnahmen nur etwa 57 700 Mark gedeckt. Die Zöglinge genießen den Unterricht großenteils in höheren Schulen. Besonders begabte Knaben bleiben bis zur Abgangsprüfung, die Mädchen in der Regel bis zur erlangten Erwerbsfühigkeit im Hause. . Im ganzen haben in den Anstalten bisher 579 Waisen eine über das Maß der notdürftigen Fürsorge hinausgehende Pflege, Erziehung und Ausbildung gefunden. Der weit reichenden Fürsorge für die entlassenen Zöglinge, die es fast durchweg zu achtbarer Stellung, zum Teil sogar zu Ansehen und Wohlstand gebracht haben, dient eine größere Anzahl von besonders verwalteten Stiftungen, die für die unmittelbaren Anstaltszwecke unantastbar bleiben. Den Vorstand bilden neben den: Direktor Dr. Strelitz die Herren. Berthold Marckwald, Kommerzienrat Emanuel Lohnstein, Generalkonsul Eugen Landau, Professor Dr. Felix Liebermann, Kommerzienrat Hermann N. Israel und Kommerzienrat Isidor Loewe. Ehrenmitglieder sind Frau Recha Marckwald und Frau Professor A. Cäcilie Liebermann. 8. Berlin, 15. Mai. Der Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien „Esra" sendet uns einen ausführlichen Bericht über die vier letzten Geschäftsjahre, der von der energischen und tüchtigen Wirksamkeit dieses Vereins beredtes Zeugnis ablegt. Der Bericht enthält zunächst eine ausführliche Darlegung über die nunmehr überwundene Krisis, welche die Kolonisation Palästinas während der letzten Jahre durchgemacht, und die nachteilige Wirkung, welche dieselbe auf den empfindlichen Rückgang in der Besiedelung Palästinas durch Juden geübt hat, - indem in Frankreich und Amerika die im Entstehen begriffenen Organisationen im Keime erstickt wurden, die Chowewe-Zion-Vereine in England und der galizische ihre Tätigkeit einstellen mußten, und selbst der russische Verein in seinen regelmäßigen Einnahmen wesentliche Einbuße erlitten hat. Der Verein „Esra" hat die Krisis im ganzen gut überstanden. Auch die Situation in den Kolonien hat sich inzwischen wesentlich geklärt. Der Palästinawein, auf dessen Ertrag 2500 Seelen angewiesen sind, hat sich inzwischen einen Ehrenplatz auf dem Weltmarkt erobert. Die Nachfrage überstieg 1902 derart dasAngebot, daß dieKolonisten aufgesordert werden konnten, neue Weinberge anzulegen. Gleichzeitig sind fünf neue Kolonien begründet worden, die für Hunderte von Einwanderern Platz und Unterkunft haben. Der Getreidebau ernährt den fleißigen jüdischen Bauer reichlich, die 200 ha umfassenden Orangerien werfen jetzt schon reichen Ertrag ab, der neu eingeführte Tabakbau läßt sich sehr gut an und selbst der Obstbau sowie die von den Kolonisten bisher törichterweise vernachlässigte Seidenzucht dürften demnächst eine neue Quelle guter Einnahmen werden. Der Verein Esra war erfolgreich bemüht, durch rationelle Verwendung seiner Mittel mit möglichst wenig Geld möglichst vielen Juden in Palästina zu einer selbständigen, auf eigener Arbeit begründeten Existenz zu verhelfen. Er hat für palästinensische Kolonisationszwecke verwenden können: von 1884—1891 9077, 1892—1839 42 230, 1900—1903 39 101 Mark. Außerdem stehen ihm noch 12 900 Mark seit 1900 gemachte Ersparnisse zur Verfügung, sodaß der Verein in den letzten vier Jahren 51 000 Mark für Kolonisationszwecke verwenden resp. zur Verfügung-stellen konnte gegen 51 300 Mark in den letzten 16 Jahren seines Bestehens. Während der vier Berichtsjahre beliefen sich die Einnahmen auf 81 448, die Ausgaben auf 67 390 Mk. Das Zentralkomitee bildeten die Herren: Moritz Dorn, Vorsitzender; W. Bambus, Schriftführer; Konsul a. D. Julius Friedmann, Schatzmeister; Dr: D. Caspari, Rabbiner Dr. Eschelbacher, Dr. Hirsch Hildesheimer, Berthold Israel, Professor Dr. Leop. Landau, Willibald Löwenthal, Dr. Paul Schottländer-Breslau, Dr. Moritz Sobernheim und Professor Dr. O. Marburg. 8. Berlin, 22. Mai. Am 18. d. M. ist hier der Schriftsteller Paul Hirschfeld im 57. Lebensjahre einem Schlaganfall erlegen. In hiesigen Schriftstellerkreisen war Hirschseld wegen seiner großen persönlichen Liebenswürdigkeit und wegen seiner steten Hilfsbereitschaft gegen alle, denen er förderlich sein konnte, außerordentlich beliebt Hirschfeld, ein geborener Königsberger, lebte seit Anfang der 1870 er Jahre in Berlin. Während der letzten beiden Jahrzehnte beschäftigte er sich ganz besonders mit Studien über Entwicklung und Stand der Großindustrie und des Großhandels in Deutschland. Sein Hauptwerk ist die groß angelegte Darstellung von Berlins Großindustrie. Andere Werke Hirschfelds handeln über die Großindustrie und den Großhandel Württembergs, Hannovers, Schleswig-Holsteins und Leipzigs. Die Beisetzung Paul Hirschfelds fand heute in Weißensee statt. — Marienwerder, 19. Mai. Zu der Konitzer Mordsache schreiben die „N. Westpr. Mitteil.": Wie wir auS ganz zuverlässiger Quelle hören, enthalten die von vielen Zeitungen neuerdings, gebrachten Mitteilungen über die Konitzer Mordsache neben einzelnem Zutreffenden sehr viel Unrichtiges und Unerwiesenes. Von der zuständigen Behörde wird die Veröffentlichung dieser Mitteilungen im Interesse der Erforschung des Sachverhalts tief beklagt. Ob die jetzt von neuem eingeleiteten Ermittelungen irgend welches Licht in die bisher dunkle Sache bringen werden, läßt sich noch gar nicht übersehen. -sch. Gorau, 17. Mai. In der letzten Sitzung der hiesigen Stadtverordneten stand u. a. auch eine Magistratsvorlage zur Beratung betr. Einführung des Schächtverbots auf dem städtischen Schlachthof zur Beratung, da auf Grund eines Gutachtens des Schlachthofdirektors „das Schächten des Viehs als eine denGesetzen der Humanität direkt widersprechende Schlachtmethode zu erachten und zu verwerfen sei." In einer Eingabe bat aber gleichzeitig die hiesige Shnagogengemeinde, von einem Verbot abzusehen, da dadurch religiöse Vorschriften verletzt und die Einnahmen der Schlachthofkasse vermindert bezw. mehrere Fleischermeister geschädigt würden. — Die Stadtverordnetenversammlung hielt es denn auch für ein Gebot der Gerechtigkeit, zunächst noch diejenigen in dieser Angelegenheit zu hören, die anr meisten von dem Verbot betroffen werden würden. Deshalb wurde beschlossen, die Vorlage an den Magistrat mit dem Anheimgeben zurückgehen zu lassen, den Vorstand der Shnagogengemeinde zunächst protokollarisch zü vernehmen. — Hannover, im Mai. Aus dem Bericht über die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem für das Jahr 1903 interessiert uns zunächst das Referat über die Feier des zehnjährigen