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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 263 (sequence 11)
Language
German
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- „Einmal ' vorgestern abend jedoch —" er stockte und wurde verlegen wie ein Knabe — „da ritt ich an Ihrem Hanse vorbei — mehrmals vorbei — Wohl eine halbe Stunde lang, immer' auf und ab. Aber es war schon nach 9 Uhr; eher konnte ich eben nicht abkommen!" Er atmete wie erleichtert auf, daß er sich dieses Geständnis abgerungen habe. Und sie durchrieselte es mit seligem Wonneschauer. Also er war gekommen — ihretwegen gekommen— er fühlte das Gleiche wie sie.. ■ „Ja> um 9 Uhr machen wir hier Nacht," entgegnete sie, und fügte mit komischem Seufzer hinzu: „Das soll sehr gesund sein!" Also vorgestern abend, rumorte es in ihrem Köpfchen, wenn sie doch das geahnt hätte! Und er stellte im stillen fest, daß ihre Erscheinung bei hellem Sonnengtanze von ganz derselben bestrickenden Anmut war, wie beim Schein der Kerzen. - In dem Prallsitzenden Promenadenkostüm kam ihre hohe, schön geformte Gestalt noch besser zur Geltung, als in dem duftigen, etwas losen Spitzenkleide, und der prachtvolle Teint mit den frischen Farben brauchte das grellste Tageslicht nicht zu scheuen. „Uebermorgen ist also wiedernml die Neunion fällig, Fräulein Melitta." Sie sah halb erschrocken, halb überrascht auf, wie er zu dieser vertrauten Anrede komme. „Pardon, gnädiges Fräulein!" Auch er schien bestürzt. „Wes das Herz voll ist, geht eben der Mund über! Genuß, — ich habe kein Recht, Sie so zu nennen. Wir sind heute erst das zweitemal beisammen und — gesprochen haben wir eigentlich noch gar nicht so viel miteinander. Es ist eben ein eigenes Ding um die — Sympathie auf den ersten Blick." — Sie wußte, daß er zuerst „um die Liebe" sagen wollte. Ihre einzige Antwort war ein Seufzer. Gewiß, sie hatten noch nicht besonders viel miteinander gesprochen, und speziell sie selbst war fast wortkarg in seiner Gegenwart. Sie die Weltgewandte, die „gute Gesellschafterin" fand all die Unterhaltungsthemen plötzlich diesem Einen gegenüber unzulänglich. War er da, so wurde sie fast unbeholfen, linkisch, — eine weibliche Schwäche überfiel sie, die ihr gänzlich fremd bisher war. — „Er soll Dein Herr sein". — Jedes seiner Worte, selbst das unbedeutendste blieb in ihrer Seele haften, nur lauschen wollte sie — und schweigen. Mit Baron von Tertzky konnte sie reden, ihm womöglich, wie manchem andern imponieren, — diesen: gegenüber versagte ihr die Sprache. Jedes Wort mußte sie sich gleichsam abringen, weil das Herz ihr zu übervoll war. Oder schwieg sie, daß ihr nicht wie ihm —, des das Herz voll ist, der Mund überging? Aber eine um so beredtere Sprache führten ihre Augen, die sie nicht, wie den Mund im Zaune halten konnte. Seligkeit, Glück, Mut — und Verzweiflung, ja auch letztere — leuchteten ihm hieraus entgegen. Und er gelobte sich im stillen alles zu tun, was er tun konnte, um ihr das Leben zu verschönern. .Niemals sollte sie's fühlen, daß sie einst verschiedenen Glaubens waren, — wenn, — ja wenn sie sich entschloß, die Seine zu werden, — und feinen eigenen Glauben anzunehmen. Aus diesem Gedankengange heraus fragte er nun zaghaft und leise: „Sind Sie eine sehr gläubige Jüdin?" Die Frage kam ihr ganz unvermittelt und unerwartet und blitzschnell zog »das Gespräch, das sie vor einer halben Stunde mit Tertzky geführt, wieder an ihrem Gedächtnis vorüber. Sollte/ sich dasselbe ein zweitesmal wiederholen? Mit nervösem Lachen fragte sie kurz: „Sie sind also auch Antisemit?" „Durchaus nicht! Ich achte jede Ueberzengung." Ein wohliges Aufatmen hob ihr die Brust.. Sie merkte es nicht. „Weshalb fragen Sie, Herr Hauptmann?" Zitternd, bange Frage im Blick, sah sie ihn an. - - „Würden Sie, gesetzt den Fall, Sie liebten einen Mann, der andern Glaubens wäre, als Sie selbst, sich dazu entschließen können, den seinen anzunehmen?" - In atemloser Spannung erwartete er ihren Bescheid. „Nein! — — —" Kurz, rauh, klanglos war ihre Antwort. Und „nein" hallte es in ihrem Innern wieder. Aber dabei empfand sie einen Schmerz, da ganz innen irgendwo — stechend. Ein Gefühl zum Umsinken und doch tat ihr eigentlich nicht direkt etwas weh. Wo schmerzte es nur? — In der Seele.- (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Strack, Hermann L.: Die Sprüche Jesus, des Sohnes Sirachs. Der jüngst gefundene hebräische Text mit Anmerkungen und Wörterbuch herausgegeben. Leipzig, A. Deichert, 1903. Preis 1,50 Mark. Unstreitig den größten Fortschritt aus dem Gebiet der Bibelwisseuschaften, der seit Jahrzehnten zu verzeichnen ist, bedeutet die Wiederentdeckung des hebräischen Originals der Weisheit Sirachs. Seit dem Jahre 1000 etwa fehlt in der Literatur jede Spur des hebräischen Textes, die Wissenschaft hatte die Hoffnung aus sein Vorhandensein längst aufgegeben und nur noch mit den alten Uebersetzungen gerechnet, besonders mit der griechischen, aus der auch die modernen Uebertragungen (z.. B. die deutsche von Cassel, in dessen als Anhang zur Zunzschen Bibel übersetzten Apokryphen, und die hebräische von Äensew) meist beruhen. Unr so größer war die Ueberraschung, als plötzlich S. Schechter 1896 ein Blatt aus Sirach veröffentlichte, und als eine.Reihe weiterer' glücklicher Entdeckungen — über die die Leser dieses Blattes zur Zeit unterrichtet wurden — größere Partien des Werkes zur Kenntnis brachte. Augenblicklich besitzen wir bereits die Kap. 3,6 bis 16,26; 30,u bis 33,5; 35,n bis 38,2?; 39,i5 bis 51,80 (Ende) und 21 einzelne Sprüche aus den Kap. 18 bis 20, 25, 26, im ganzen also etwa zwei Drittel des ganzen Werkes. Einzelne Stücke sind sogar in mehreren Handschriften vorhanden; dieser Reichtum bedeutet zugleich einen Mangel, da die lleberlieferung sehr stark voneinander abweicht und es fast unmöglich ist, die ursprüngliche Fassung wiederzuerkennen. Die für den Herausgeber in einen: solchen Falle erforderliche weise Mäßigung, aus offenbare Verderbnis hinzuweisen und durch möglichst getreue Mitteilung des Textbefundes dem Leser die Selbständigkeit des Urteils nicht zu beeinträchtigen, ist von Professor Strack aufs ^vortrefflichste geübt worden. Der überlieferte Wortlaut wird unverändert wiedergegeben, und in den zahlreichen Anmerkungen, die in knappster Form eine große Fülle von gelehrtem Material enthalten, wird auf die alten Uebersetzungen sowie auf mögliche und wahrscheinliche Verbesserungen verwiesen. Die Bedeutung des Sirach-Fundes wird °erst dann recht gewürdigt, wenn wir Text und Stil dieser mit ziemlicher.Sicherheit datierbaren Schrift mit den anderen 'Büchern der heiligen Schrift vergleichen; die vielen Anklänge an biblischen Sprachgebrauch, und Parallelstellen fordernzu einer solchen Gegenüberstellung direkt heraus. Mit der Treffsicherheit des - bewährten Fachmanns hat der gelehrte Herausgeber auch.diese Arbeit in seinen Anmerkungen, zum Teil auch im Wörterbuch der vielen neuen Worte, die sich im Sirach finden, oder der auch, in der Bibel seltenen Ausdrücke, geleistet und dadurch das Verständnis und Studium der Spruchsammlung wesentlich erleichtert. — Der außerordentlich billige Preis der neuen Ausgabe ist der Verbreitung des hebräischen Sirach durchaus förderlich Erst jetzt wird die neue Entdeckung weitesten Kreisen von Bibellesern

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