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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 262 (sequence 10)
Language
German
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- ■ 262 „Ah.! — verzeihen Sie, jnüdiges Fräulein, das ist, — das wäre jradezu, — na, wie soll ich doch sagen?" Verzweiflungsvoll drehte, er den Schnurrbart aufwärts und sie weidete sich an seiner Verlegenheit. ■ „Nein, das jlaube ich einfach nicht!" half er sich schließlich aus aller Kalamität. Sie . gingen gerade an einem Tapisserieladen mit angefangenen Handarbeiten vorüber r Sofakissen, Läufer, Decken, „halt!" dachte Melitta../ „Dir werde ich ein Licht aufstecken!" Sie hatte im Scharckasten ein Striezeldeckchen entdeckt, und da der erste Aerger bereits überwunden war und sie Sinn für Humor befaß, las sie nun dem gänzlich verdutzten Baron die hebräische' Aufschrift desselben vor., Und als sie diese Vorlesung beendet, fuhr sie mutwillig fort: „Eh bien, monsieur' le baron — would you have the kindness“ — und jetzt folgte eine Handbewegung, die Wohl Abraham Lot gegenüber getan haben mochte- und die ungefähr sagte: Gehst du rechts, — so gehe ich^links." Wer aber nicht ging, war" der Baron. Zuerst blieb er stumm und blickte abwechselnd bald die ominöse Aufschrift dieses „Beweisstückes" — bald Melitta an, dann aber sprach er, noch halb benommen : - „Jetzt jlaube ich es, muß ich es jlauben, aber ich habe es wirklich nicht für mSchlich jehalten, daß esauchso jebildete, sympathische Juden jeden könne." /Sie glaubten;atfo, daß auch bei uns in Deutschland meine Glaubensgenossen sämtlich im Kaftan Und die Frauen mit dem Scheitel gingen?" „So dachte ich mir, offen jestanden auch bei uns,-" entgegnete er kleinlaut, „den kleinen Juden, den Händler re.; den andern aber, den Emporkömmling lernte ich immer nur als Protzen kennen,, der auf seine Geldsäcke pocht undjerade so, wie der kleinste Krämer, einen janz elenden Jargon spricht." - „Dieser Jargon existiert eben'mehr in der Einbildung der Antisemiten als in Wirklichkeit. Und gibt es. nicht bei Ihnen auch Emporkömmlinge, Streber, die aus nichts etwas geworden sind? Nur haben Sie' dann vor diesen einen unbedingten Respekte und geben ihnen die'englische Bezeichnung : „self-made man. “ Wenn sich „der Deutsche" gebildet und vornehm ausdrücken will, so-bedient er sich ja zumeist einer fremden Sprache." Sie hatte sich ganz warm geredet und blickte ihn von der Seite streng, fast feindselig an. „Jnüdiges Fräulein sind in der Tat ein jnter Anwalt Ihres Volkes." Sieggewohnt wirbelte er seinen „Es ist - erreicht". — „Wahrhaftig, wer Sie hörte,— Sie führen da Arjumente ins Treffen" — „Und Sie reden nur von kleinen Krämerseelen, — die übrigens auch nicht ans Rosen wandeln — und Parvenüs", fiel sie ihm hastig ins Wort.: „Glauben Sie denn, daß es bei den Juden nicht ebenfalls einen „Adel" gibt?" Er blickte sie erstaunt an. „Einen Adel der Seele nämlich — undder ist tausendmal wertvoller als das Wörtchen „von", — das.mancher Unwürdige vor seinen Namen stellt und sich dann womöglich nicht entblödet, unter der Flagge „christlicher Liebe" öffentliche Hetzreden zu halten, worin von Liebe und Duldung, weiß Gott, nichts enthalten ist. — Sehen Sie, solch einen mittelalterlichen Ketzer zeitigt mitunter „Ihr Adel", und läßt sich doch nur von dem blinden Rassenhaß hinreißen. Weshalb soll nicht auch unsere Geldaristokratie Menschen aufweisen, dievielleicht manchmal unangenehme, — aber wohl niemals gemeingefährliche Elemente sein werden." „Aeh — pardon! — jnüdiges Fräulein, — niemals? Es schwebt mir da so manch ein „Krach" vor, wobei die Alljemeinheit sehr geschädigt wurde." ' „Wenn bet solche einem Krach," erwiderte sie voll Wärmei „hie und da ein Jude beteiligt, war, so können Sie danach kein Exempel statuieren. Die Juden sind eben zum großen Teil in kommerziellen Gebieten tätig, da ihnen manch' andere,' wie z.. B. die Osfizierskarriere in Preußen verschlossen ist. v Und wie oft wird ein Kaufmann, der sein Leben hindurch redlich gearbeitet hat, schließlich ohne sein Verschulden durch die wirtschaftliche Krisein den Strudel hineingezogen, ü Hierbei ist es aber nicht von Belang, ob derselbe Jude oder Ehrist ist; — bedenken Sie den geringern Prozentsatz, der eben von letzteren im Handel steht!" „Na — ja, — ja" — warf er dazwischen und da er noch etwas hinzufügen wollte, fuhr sie voll Eifer fort: „Und gibt es denn - keine verkrachten Offiziere? Wie viele von ihnen würde es schänden, ein Kaufmann zu sein, aber nicht, zwei Drittel ihrer Zeit beim „Jeu" und Schlimmerem zu vergeuden. Da werden Väter und. Onkel systematisch ausgesogen, tun die Unsummen, die das Hazard verschlingt, aufzubringen, und wenn schließlich derartige „Ehrenschulden" ungedeckt bleiben müssen, zieht dann solch ein „Harmloser" des Königs Rock aus und flüchtet ins Ausland, oder schießt sich eine Kugel vor den Kopf. Diejenigen Offiziere sind wohl nicht zu viel, die nach dem - gänzlichen Ruin ehrliche Arbeit nicht als Schande betrachteten. Ja, es gibt eben verschiedene Ehrbegriffe." Hierbei waren sie am Kiosk, worin die Stahlquelle entspringt, angelangt, was Baron v. Tertzky mit sichtlicher Befriedigung begrüßte. Das Gespräch fing nachgerade an eine Richtung einzuschlagen, die ihm höchlichst unbequem wurde. „Gestatten jnüdiges Fräulein,. Ihr. Glas," verbeugte .er sich dienstbefliffen, „ich'hole Ihnen den zweiten Becher heraus". Während Melitta draußen wartete, kamen die Gräfinnen mit ihrer-Mutter. . . „Nun mein Kind, wo bist Du denn geblieben?" rief ihr die Justizrätin schon entgegen. „Ich habe dem Baron einen sozialen Vortrag-gehalten." Inzwischen kehrte dieser mit dem. gefüllten Glase zurück, vorsichtig trippelnd, um nichts vom Inhalt zu verschütten. Da die Komtesse nur die leichtere Quelle trinken durfte- und auch ihr „zweiter Becher" inzwischen füllig war, schleuderten nun alle miteinander die Allee wieder hinunter. Im Gehen schlürfte Melitta langsam ihren Brunnen, während Ellen und der Baron neben ihr eine leichte Konversation über Badeerlebnisse,^die Kurmusik und die Garnison führten. Die Offiziere der letzteren schienen heute vollzählig zu sein. Bald grüßte der eine, bald der andere — nie ohne ein besonderes, teils neugierig-interessiertes,- teils devotes Lächeln gegen Melitta. Und nun nahte er — Grittano. Melitta fühlte, wie ihr ein heißer Blutstrom zum Herzen schoß und es nachher einen Schlag aussetzte. Und als er nun vor ihr stand, mit dem Leuchten in den guten blauen Augen, die Hacken zusammenschlug und die Hand an die Mütze legte, reichte sie ihm halb mechanisch ihre Rechte, die in der seinen leise erzitterte. Dasselbe Beben empfand sie auch in den Knieen. „Ah! Die Frau Mutter!". Erst jetzt. gewahrte er . diese und blieb nun zurück, um die Justizrätin und Gräfin Redwitz zu begrüßen. , Doch bald wendete er sich wieder Melitta zu und ging an deren Seite den älteren Damen voraus. „Nun, gnädiges Fräulein, bte; Reunion gut bekommen?" „O — sehr gut!" . > „Ich hatte inzwischen strammen Dienst.. So gern ich auch herübergekommen wäre," hierbei sah er sie mit zärtlichem Blicke an — dann folgte ein bedauerndes Achselzucken, „es ging eben nicht." ' -;!. Sie sind nicht freier Herr Ihrer Zeit."

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