Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. Seite 261

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228604--60839-3274629
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Verständnis für die hehren Schönheiten ihrer Werke, wie von einem Taumel ergriffen sich bestrebtediese Werke voll und ganz in sich aufzunehmen und wohl selbst sich auch in eigenen zu versuchen? Denn schon früh hatte er erkannt, daß das, was ihm als seine Lebensaufgabe vorschwebte — die Regeneration der synagvgalen Gesänge — nur unter Zuhilfenahme der neueren deutschen Musik möglich sei. Die Ehre der ihm schon in so jungen Jahren zugefallenen Lebensstellung machte ihn nicht eitel und lässig, er ruhte nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern arbeitete unablässig an seiner Vervollkommnung aus musikalischem Gebiete. Bei den besten Lehrern nahm er Unterricht im Kontrapunkt und in der Kompositionslehre, so daß er schließlich die schwierigen musikalischen Formen leicht bewältigte. Nach etwa 20 Jahren rastlosen Strebens fühlte er die Kraft in sich, das zu beginnen und zu vollenden, was ihm eilte heilige Aufgabe erschien: die Neubelebung der gottesdienstlichen Gesänge. Und so schenkte er seinem Volke das klassische, noch heute unübertroffene und gültige Werk „Schir Zion“- Von wie idealen Gesichtspunkten er sich bei der Abfassung desselben leiten ließ, und eine wie feine, vielseitige Bildung er dabei bekundete, das erkennen wir am besten aus seinen eigenen Worten, die er vorausschickt und die erst kürzlich in diesem Blatte reproduziert wurden. Es war in der Tat ein neues und kühnes Unternehmen, vor allem Ordnung und dann Schönheit in die bis dahin formlosen Gesänge zu bringen. Nur ein wirklicher, nachsch affen der Musiker war dazu imstande. Das Ueberlieferte mußte verwertet, aber auch weiter ausgeführt, durchgeistigt werden; ein bloßes Registrieren und Aufschreiben des Vorhandenen hätte nichts gefördert. Sulzer hat seine Aufgabe glänzend gelöst. Selbst der strengste Fachmusiker muß mit höchster Befriedigung auf die 400 Seiten des Buches blicken; die feinste und sorgfältigste thematische Arbeit, der kunstvollste musikalische Saß tritt überall entgegen. Vollkommen auf der Höhe des Musiklebens seiner Zeit stehend, verschmäht es Sulzer nicht, diesem rein konfessionellen Werke auch Kompositionen neuerer Musiker beizugeben; von besonderem Interesse ist es, daß die erste Veröffentlichung eines von Franz Schubert komponierten hebräischen Psalms in Sulzers „Sohn- Zion“ erfolgt ist. Das, was Sulzer selbst geschaffen hat, bewegt sich völlig in den Bahnen Mendelssohns, mit dem ihn auch eine warme persönliche Freundschaft verband. Die sanfte Schwermut in der Melodienführung, das wehmütige Klagen ist für beide Meister ebenso charakteristisch, wie die Filigranarbeit des technischen Satzes, die bei aller Strenge der Form doch klar und durchsichtig ist. Besonders deutlich werden Ihnen diese Eigentümlichkeiten durch den Dortrag des auf meine Ausführungen folgenden Musikstückes „Adon olam“ werden, Um solch schwierige Aufgaben, wie die von ihm bearbeiteten Gesänge, durchzuführen, dazu bedurfte Sulzer eines geschulten Chors. Seine reiche organisatorische und pädagogische Begabung zeigte sich hier, indem er den ihm unterstellten Chor durch unablässiges Studium zu hoher Blüte führte. Der geistige Mittelpunkt war und blieb natürlich er selbst mit seiner prachtvollen, gewaltigen Stimme, an welche die noch heute Lebenden mit Bewunderung zurückdenken. Hat doch auch kein Geringerer als Franz Liszt sich in dem Zauberbanne dieser Fülle von Wohllaut und Ausdrucksfähigkeit befunden und in seinen: berühmten Werke „Die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn" diesen Empfindungen in blumenreicher Sprache begeisterten Ausdruck verliehen.^) h Den ganzen Hymnus Liszts hier wiederzngeben, verbietet der Raum. Er ist zu finden in „Liszt, die Zigeuner und ihre Musik in Ungarn. Deutsch bearbeitet von Peter Cornelius", Pest 1861, p. 26—29. 261 — „Schir Zion“ ist, wie gesagt, nicht bloß vom Standpunkt des Kompilators, sondern auch von dem des musikalischen Kunstwerkes aus betrachtet von bleibendem Werte. Sulzers künstlerischer Takt, sein feines Gefühl für das, was zu leisten ihm gegeben war, verleugnete sich aber auch nicht bei seinen selbständigen Arbeiten. Immer blieb er in den Kreisen seines Könnens; er wußte wohl, daß die ganz großen Formen ihm verschlossen waren, weil diese Pforten nur den Höchsten der Kunst geöffnet sind, und so liegen uns die kleineren Musikstücke als wirklich abgerundete Kunstwerke vor, die hinsichtlich der Melodik und der thematischen Bearbeitung vor dem strengsten Richter bestehen können. Ebenso wie Mendelssohn hat auch Sulzer aus dem ihm von der Natur Gegebenen gemacht, was er irgend imstande war; stets ist ihm seine geliebte Kunst ein Heiligtum gewesen. Und so möchten wir wohl die feierlich-prophetischen Worte, die Adolf Bernhard Marx in seiner berühmten Beethoven-Biographie aus den Meister der Meister anwendet, auch mit Allein Rechte von Sulzer gelten lassen: „Es stirbt keiner, ehe denn er sich vollendet und sein Lebenswerk abgeschlossen hat. Dann stirbt er." „Glaubt und Lirbk". Novelle von Clara Baumbach. III. „Hören Sie nur, liebste Rätin, wie prachtvoll sie spielen!" -Hiermit war die Kapelle gemeint, und das augenblickliche Interesse galt dem „Tannhäuser", der bei der Frühkur laut und feierlich über den Kurplatz klang. Das Rundell, worin die Musikanten postiert waren, wurde umlagert von Musikenthusiasten im allgemeinen, und Wagnerianerinnen im besondern. Gräfin Redwitz und die Komtesse lauschten mit angehaltenem Atem und die Justizrätin mußte, wollte sie die Damen nicht tötlich beleidigen, ebenfalls aufmerksam znhören. Melitta war der Ansicht, daß sie den Tannhäuser schon mal besser habe spielen hören, und nun sagte Baron v. Tertzkp zu ihr in komischer Selbsterkenntnis: „Ob das nun Wagner, — oder: Die Sänger aus Finsterwalde — meinetwegen auch: „Der lustige Ehemann" ist, das ist mir janz ejal!" Diese bedingungslose Offenherzigkeit machte ihr Spaß. Die meisten suchten doch da, wo absolut kein künstlerisches, oder auch nur musikalisches Empfinden vorhanden war, imnter noch zu posieren, — wenn nicht mindestens: sich in Schweigen zu hüllen. Hier konnte sie entschieden noch interessante Wahrnehmungen machen. Diesen märkischen Heiligen, den der Anblick einiger Polen nach zwei Tagen aus Karlsbad vertrieb, mußte sie noch näher kennen lernen! So wanderte sie nun an seiner Seite ziellos und planlos, wie , es auf einer jeden Kurpromenade nun mal Sitte ist, hin und her. Da und dort blieben sie an einem Schaufenster stehen, während die anderen sich keinen Ton des Tannhäuser entgehen ließen. „Die Komtesse Redwitz hat sich da neulich, bei der Rennion, - mit mir einen faulen Witz erlaubt," lachte Tertzky, „sie sagte : nämlich — ha—ha—ha, — Sie wären Jüdin!" „Und ich bin Jüdin. Herr Baron!" Ihre hohe Gestalt straffte sich, die Augen blitzten und sie maß ihn von Kopf bis Fuß, halb hochmütig, halb verächtlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.