Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Eltern der Kolonisten gehören den ärmsten Volkskreisen an. Jur täglichen mühsamen Erwerbe finden sie selten Gelegenheit oder haben auch keine Lust, ihre Kinder vor den Verführungen und schlechten Einflüssen der Großstadt zu bewahren und zu erziehen. Wie nachhaltig wirkt alsdann die erziehliche Aussicht in der Kolonie, und wie dankbar erweist sich der größte Teil der Kolonisten durch Bescheidenheit, Gehorsam und Dienstfertigkeit, um auch im nächsten Jahre die Wohltaten der Kolonie genießen zu dürfen! Und sollte in den jugendlichen Kinderherzen der Gedanke, daß gute Menschen so viele Opfer bringen, um armen Kindern Gesundheit und Kräftigung, Erziehung und gute Gesellschaft zu verschaffen, nicht nachhaltig genug wirken, um auch den oft schädlichen Einflüssen des Elternhauses und der Großstadt widerstehen zu können? Und welch ein Stück sozialer Versöhnung wird durch solche teilnahmsvolle Liebe für die Kinder der Aermsten zustande gebracht. Neben Frau Rabbiner Dr. Werner sind in der Vorstandschaft die angesehensten Personen der Münchener Gesellschaft, während die wohlhabendsten Gemeindemitglieder zu den Förderern der Kolonie gehören und durch Geschenke an Kleidungsstücken, Wäsche, Einrichtung von Schlafzimmern, Spielgeräten, Büchern und Eßwaren ihre lebhafte Teilnahme beweisen. Auch die religiöse Erziehung wird nach dem oben Mitgeteilten nicht vernachlässigt, und regelinäßig^besuchen die Kolonisten unter Leitung des Lehrers am Freitag Abend und Sabbat die Synagoge. Kein, Münchener oder sonstiger Glaubensgenosse, den sein Weg nach Krnmbach führt, verabsämnt es, das Ferienheim zu besuchen, und ein Damen-Lokalkomitee in Krumbach erweist dem Heim besondere Fürsorge durch ständigen Besuch der Anstalt, der Küche und etwaiger Kranker. Dreißig arme Knaben und dreißig arme Mädchen genießen schon jetzt die Wohltaten der Kolonie, und es ist Platz für je 50 Knaben und Mädchen. Schon hat Nürnberg den Antrag gestellt, gegen Entgelt gleichfalls arme Kinder in die Kolonie zu schicken, und das Anwesen ist groß genug, um durch Anbau noch viel mehr bedürftige Kinder den herrlichen Sommeraufenthaltgenießen zu lassen. Einstweilen fehlen noch die Mittel zur^Verwirklichung. dieses echt jüdischen Liebeswerkes, aber wir hoffen, daß für dieses praktische Judentum ebenso viel Teilnahme bei unseren wohlhabenden Glaubensgenossen zu finden sein wird, wie für die Utopien, die heute oft mit so großer Beredsamkeit gepriesen werden. Das walte Gott! Sulzer. Ein Vortrag, gehalten im „Verein zur Pflege hebräischer Musik" von- Dr. Leopold Hirschberg. ur aus dem alten Sprich- und Mahmvort „Irren - ist menschlich" ist der Irrtum eines der genialsten Menschen unserer Zeit, Richard Wagners, zu erklären, der in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik" denr jüdischen Volke völlig jede Produktivität auf künstlerisch ein Gebiete abspricht. Selbst Wagners heiße Bewunderer wissen mit diesem haßerfüllten Pamphlet nichts rechtes anzufangen; und so zeigt es sich inmitten des strahlenden Spiegels seiner übrigen, wahrhaft klassischen Abhandlungen wie ein häßlicher, unangenehmer Fleck, den man gern wegwischen. möchte. Dichter wie Musiker, Maler wie Bildhauer hat es inaner unter den Juden gegeben. Nur in einem einzigen Punkte der Wagnerschen Ausführungen, wiewohl auch hier Uebertreibungen und Verzerrungen gröbster Art vorliegen, ruht ein Körnchen Wahrheit. Ich meine die Stelle, gn der er über den synagogalen Gesang spricht. Nach diesem Schmerzenskinde der gottesdienstlicheil Verrichtungen die Kunstbestrebungen des jüdischen Volkes zil beurteilen, war aber völlig unberechtigt, da eine ordnende Hand hier noch nicht eingegriffen hatte. Dies Problem gelöst zu haben, ist. das Hauptverdienst des trefflichen Mannes, zu dessen Gedenkfeier. Sie sich heute versammelt haben. Eine auffallende Aehnlichkeit der frühesten Lebensschicksale Salomon Sulzers mit denen Felix Mendelssohns tritt ebenso hervor, wie die in der musikalischen Richtung beider Männer, von der wir noch zu sprechen haben werden. Beide Knaben hatten das Glück, aus wohlhabendem Hause zu stammen, beiden wurde eine ausgezeichnete Erziehung zu teil, bei beiden zeigte sich schon frühzeitig eine ausgesprochene Begabung für Musik, beide endlich werden frühreife Wunderkinder. Und ebenso wie der vom Zauberstabe der Tonkunst berührte Felix Mendelssohn alt und jung durch sein staunenwertes, seelenvolles Klavierspiel Tränen der Rührung entlockte — bekannt ist ja, wie Altmeister Goethe von niemand anderem Bach und Beethoven spielen hören wollte, als von dem Knaben — so stand auch schon der 15 jährige Jüngling Salomon Sulzer begeistert vor der Beterschaft seines Volkes und trachtete damals schon, den halb erloschenen Funken des Glaubenseifers zu entflammen. Seine Singstimme, die in der Tat hinreißend schön gewesen sein muß, hatte die trefflichste Ausbildung erhalten; sein eigner musikalischer Instinkt und Geschmack ließen ihn die liturgischen Gesänge mit frommer Innigkeit durchdringen. Der Rühm seines seltenen Könnens drang schnell über die Mauern seines Heimatstädtchens Hohenems in Oesterreich hinaus; im Alter von 21 Jahren erhielt er den ehrenvollen Ruf, in der neuerbauten Wiener Synagoge als Kantor zu ' wirken. Bis ans Ende seines langen, reichgesegneten Lebens ist Wien sein dauernder Wohnsitz geblieben; weit über das Alter des Psalmisten hinaus ist es ihm vergönnt gewesen, die Früchte seiner Arbeit zu pflücken, im Gegensatz zu dem ihm fast gleichaltrigen Mendelssohn, den der Tod in der Blüte der Jahre dahinraffte. Als Sulzer, fast 86 Jahre alt, am 18. Januar 1890 abberusen wurde, da war er nicht allein schon 16 Jahre Ehrenbürger von Wien — von Wien, in welchem ein Lueger heute Männer und Weiber zum Haß gegen die Juden aufreizt — da war seine Brust nicht allein mit Orden und Ehrenzeichen mächtiger Fürsten geschmückt; nein, auch die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, die nur wenigen Auserwählten zu teil wird, und den Titel eines Gesangsprofessors am Konservatorium konnte er sein eigen nennen. Gestatten Sie mir nun. Ihnen die Ursachen dieser seltenen Ehrungen in den Leistungen des Mannes kurz vorzuführen. Kaum konnte es für einen begeisterten Jünger der herrlichen Tonkunst im Jahre 1825 einen geeigneteren Platz geben als Wien. In aller Herzen lebte noch in unversiegbarer Frische und Schönheit das Andenken an den Götterjüngling Mozart, der zu kurze Zeit auf Erden geweilt ' hatte, um seine Zeitgenossen die ganze Große seines Wesens ahnen zu lassen. Erst jetzt, nachdem 30 Jahre seit seinem Hingang verflossen waren, nachdem pietätvolle Hände den Nachlaß des Unvergeßlichen geordnet und das bei seinen Lebzeiten bereits Gedruckte leichterzugänglich gemacht hatten, erkannten die Menschen, welch ein Genie, in sorgloser Freude Blumen und Blüten überall hin verstreuend, unter-ihnen gewandelt war. Noch lebte, schon von der Mitwelt ob seiner titanischen Größe ehrfürchtig angestaunt, Beethoven; noch schüttete Franz Schubert das Füllhorn seiner Lieder und Gesänge aus. Was kann es uns Wunder nehmen, wenn auch Sulzer, obwohl nicht im entferntesten an jene Unsterblichen hinänragend, aber doch voller