Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Worden und auch andere edle Frauen rnrd Männer beteiligen sich eifrig an diesem Zweige der Vereinsarbeit. Aus einem Briefe der Frgu Dr. Werner an den Schreiber dieser Zeilen möge folgende Stelle Platz finden, welche erkennen läßt, aus welchen edlen Beweggründen die Errichtung eines Ferienheims entstanden ist. Diese Stelle beweist aber auch gleichzeitig den weitschauenden Blick der Briefschreiberin und die tiefe Einsicht nn. die sozialen Fragen der Gegenwart: Die Stelle lautet r „Ich habe bei unserem Eintritte in die Ferien das angenehme Gefühl, mitgeholfen zu Haben, daß auch einige junge, erholungsbedürftige Kinder eine genußreiche, fröhliche Zeit verleben dürfen. Ich bin 'ganz froh zu wissen, daß auch Sie das Prinzip haben, den Kindern in den Ferien die Schulsorgen ganz fernzuhalten. Für ihr ganzes späteres Leben wird die. Erinnerung an diese sorgenlose, genußreiche Zeit eine sonnige, dankerfüllte sein. — - — — Viel Pädagogisches erreichen kann man in solch kurzen dreieinhalb Wochen nicht, und zu stramm wird man die Zügel auch nicht nehmen, sondern lieber einmal mit Humor die Kinderstreiche behandeln, aber die t re ne Fürsorge, das liebevolle Jnterelse, das die jungen Seelen instinktiv empfinden, wenn sie auch darüber noch kein Bewußtsein haben, schafft den hohen ethischen und sozialen Wert dieser Kolonien neben ihrem sanitärischen. — —-- - In dem idyllischen Hürben, dem alten Stadtteile Kruurbachs, inmitten eines großen gutgepflegten Obstgartens, von allen Seiten frei, aus einer mäßigen Anhöhe in dem mehr als 500 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Gelände /befindet sich die Anstalt. Dicht an dem Anwesen fließt ein ^kleines Flüßchen, die Mindel, in mäßigem Gefälle vorüber. Nach Süden hin fällt der Blick auf die waldbesetzten Vorberge des schwäbischen Jura. Auch der Blick nach Osten und Westen trifft hochbelegene, stattliche Laub- und Nadelwälder. Sind also schon die äußeren sanitären Bedingungen für ein solches Unternehmen wie eine Ferienkolonie erfüllt, so trifft dies noch mehr für die innere Einrichtung des Ferienheims zu. Ein stattliches Gebäude, bestehend aus einen: großen lustigen Mittelbar: und zwei etwas niedrigeren Seitenflügeln, das erst im vorigen Jahre zu Koloniezwecken neuerbaut ist, enrpfängt den Besucher. Das ganze Anwesen ohne die Gebäude wurde von dem Münchener Verein um 7000 Mark erstanden. Im Mittelbau befindet sich ein hoher, lustiger Speisesaal, 'der auch bei schlechtem Wetter den Kolonisten tagsüber zum Aufenthalte dient. Darüber befinden sich Schlassäle. Der linke Seitenflügel enthält im Erdgeschoß das Lehrerzimmer, ein Schlafzimmer für zwei Kolonisten und ein Krankenzimmer, im ersten Stock vier Schlafzimmer. Der rechte Seitenflügel enthält die Verwätterwohnung und die nnrsterhaft und außerordentlich geräumig eingerichtete Küche im Erdgeschoß, im ersten Stock Schlafzimmer und ein Rekonvaleszentenzimmer, im zweiten Stock ein Zimmer für die Dienstboten und einen Speicher. Außerdem befinden sich die nötigen zweckmäßig eingerichteten Wirtschaftsgebäudeauf dem Grundstück. Ein kleiner Gemüsegarten und ein ebensolcher Blumengartenschließen sich unmittelbar an das Ferienheim an. Im Garten sind Turngeräte aller Art und eine Schaukel, welche von den Kolonisten fleißig benutzt werden, sowie eine sehr große gedeckte Laube, welche den Kolonisten auch bei ungünstigem Wetter den Aufenthalt im Freien gestattet und woselbst das zweite Frühstück -und Vesperbrot eingenommen wird. Eine reiche Auswahl von Spielgeräten, sowie eine kleine Bibliothek bieten den Kolonisten Gelegenheit zur . eigenen Beschäftigung, wenn das Wetter den Aufenthalt im Freien verbietet, und eine .kleine Hausapotheke mit sachverständig gewählten Mitteln für den ersten Gebrauch bei. Krankheiten' und den bekanntesten Kinderunpäßlichkeiten ergänzen die Einrichtung des Speisesaales. Jeder Kolonist hat sein eigenes Bett, Feldbett mit Matratze, Laken, Kopfkissen und leichte Decke, seinen eigenen Waschständer mit allen nötigen Bedürfnissen bis aus Zahnbürste, Waschlappen und Nachtgeschirr. lieber jedem Bette ist auf einem steifen Karton der Name des Kolonisten zu lesen, während der Name des Zimmer- oder Stubenältesten noch besonders unterstrichen ist. Jeder Kolonist muß nach der Hausordnung sein Bett selber ausmachen, das nötige Waschwasser aus-und eingießen, sowie — mit Ausnahme des Sabbats — selber täglich sein Schuhwerk putzen. . Eine ständige Kontrolle dieser Kolonistenarbeiten seitens des Leiters der Kolonie ist selbstverständlich. Um xkT Uhr früh läutet die Hausglocke zum Aufstehen. Für die obenbezeichneten Arbeiten und für das'Morgengebet ist eine Stunde Zeit gegeben. Um V2 8 Uhr früh wird alsdann zum ersten Frühstück geläutet, das alle Kolonisten gemeinsam mit dem Lehrer oder Leiter der Kolonie im Speisesaale einnehmen. Es besteht aus einer oder mehreren großen Tassen Milch bezw. Kaffee, je nach dem Alter der Kolonisten und ihrem Gesundheitszustände und einer großen Semmel. Vor dem ersten Frühstück betet der Lehrer mit. den Kolonisten ein kurzes Morgengebet, und nach dem Frühstück werden je nach Bedarf innere Angelegenheiten der Kolonisten von dem Lehrer zur Sprache gebracht, Gerichtssitzungen abgehalten, sowie die Tagesordnung bekannt gegeben. Alsdann werden die Kolonisten in den Garten geschickt, wo sie zunächst zwangslose Spiele unter Aufsicht des Lehrers treiben. Um 10 Uhr wird das zweite 'Frühstück eingenommen, das aus einem oder mehreren Stücken gesunden, mit Butter gestrichenen Schwarzbrots und fast inzmer etwas Obst besteht. Danach spielt der Lehrer mit den Kolonisten bis zum Mittagbrot, welches um 12 Uhr - eingenommen wird. Es besteht aus zwei, am Sabbat aus drei Gängen nebst Kompott: Suppe, Gemüse und Fleisch, am Sabbat noch eine Speise. Das Essen ist gut, reichlich und sauber hergerichtet. Vor dem Essen können die Kolonisten im Speisesaal ihre Hände waschen, nach dem Essen, ebenso nach dem Abendbrot wird ^das Tischgebet verrichtet. . Nach Tische treten wiederum zwanglose Spiele im Garten, bezw. Lesen ein, bis zur Vesperzeit um 3 Uhr. Zur Vesperzeit erhalten alle Kolonisten Milch, an einigen Tagen Kakao. Nach dem Vesperbrote, bei heißem Wetter auch vorher, baden die Kinder unter Leitung des Lehrers. Nach dem Baden ziehen alle mit Sang und Klang in die herrlichen, umliegenden Wälder, die dann von dem Jauchzen und Toben der jungen Schar weit und breit widerhallen. Zum Abendbrot, '.V27 bezw. 7 Uhr Abend, erfolgt der Heimweg. Mit gesegnetem Appetit wird das'Nachtessen, bestehend aus Schwarzbrot, einer Suppe, Mehlspeise oder Kakao, .auch Eier, in. wechselnder Folge eingenommen, Tisch- und Abendgebete werden verrichtet, und alsdann die junge Schar im'Garten sich selbst — jedoch immer unter Aufsicht des Lehrers — überlassen. Um V-O, bezw. 9 Uhr wird zur Nachts ruhe geläutet, das Nachtgebet verrichtet und zu Bette gegangen. Das ist der regelmäßige Verlauf eines Tages in der Ferienkolonie München. ' Es ist klar, daß bei einer solchen Kost und Lebensweise oie armen Kinder der Großstadt aufs beste gedeihen müssen, und die Gewichtsfeststellung ergibt auch beim Schluffe der Kolonie, ganz überraschende. Resultate. Die meisten Knaben ' der diesjährigen Kolonie wiesen eine Gewichtszunahme von 4 bis 5 Pfund auf, ja ein Knabe zeigte sogar 8 Pfund Zunahme in ZH2 Wochen! Ebensohoch als die gesundheitliche .Förderung ist aber auch die erziehliche anzuschlagen. Die