Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir dürfen uns keiner Täuschung hingeben. Das Handwerk im alten Sinn hat keinen goldenen Bodenmehr. Was die mechanische Energie -anlangt, so -kannsie in tausend Formen durch Maschinen bequemer geliefert werden als durch die menschliche Hand. Und wenn die menschliche Hand nicht mehr vermag als die tote Maschine, so - wird ihr Besitzer nur eine kümmerliche Existenz fristen. Nur die menschliche Intelligenz kann ihr einen Vorzug verleihen, die jene nicht hat: Nur technische Vervollkommnung und Anwendung gesunden und geschulten Menschenverstandes kann dem Handwerker ist dem Zeitalter des Danrpfes und der Elektrizität seinen Wert noch geben. Wenn er nichts sein eigen nennt als Kraft Und schablonenhafte Kenntnis seines Faches, dann , kann er keiste die Maschinentechnik übersteigende Bedeutung beanspruchen. Diese feinere Ausbildung kann der ostdeutsche Jude nur in Berlin suchen. - Darum lausen unzählige Meldungen in der Berliner Anstalt ein, die aber aus- Mangel an Mitteln meist unberücksichtigt bleiben müssen. Biele der Aermsten sehen sich in ihren Hoffnungen auf die ersehnte Aufnahme und eine tüchtige berufliche Ausbildung getäuscht. Das ist besonders betrüblich, wenn man erfährt, daß unter den Zurückgewiesenen vielfach sich Kinder von Witwen und Erwerbsunfähigen befinden, die durch diese bittere Erfahrung besonders schwer getroffen werden. Für die Kinder der Armen — und andere drängen sich ja selten zum Handwerk — ist die Obhut, Bewahrung und Fürsorge im Lehrlingsheim eine ideale Versorgung in diesem Alter. Es ist durch seine bewußte, er? zieherische Einwirkung, durch Fernhaltung schädlicher Einflüsse einer für die sittliche Erstarkung ungeeigneten Umgebung, durch die in technischer Hinsicht erstrebte Vervollkommnung und Gewandtheit und nicht zuletzt durch Hebung der leiblichen Qualitäten des künftigen Geschlechts ein soziales Heil- und Versöhnungsmittel ersten Ranges. Es leistet nicht blos ErsaA für das elterliche Haus, sondern bietet so viele Vorteile vor diesem, als es sich Ziele steckt, die jenes nicht ins Auge fassen kann. Um so unverständlicher ist es aber, daß solche Instituts nicht derart solide materielle Grundlagen erhalten, daß ihre Leistungsfähigkeit den Erfordernissen und an sie herantretenden Ansprüchen vollauf gerecht werden kann. Unsere Zeit hat uns sozial fühlen gelehrt oder uns wenigstens das Gewissen für unsere sozialen Pflichten geschärft. Wir sehen heute in einem Volke nicht eine unendliche Zahl von vereinzelten Personen, die eine gesonderte, von einander losgelöste Existenz führen, sondern wir wissen, daß ein Volk — und unter modernen Gesichtspunkten weiterhin sogar die ganze Kulturmenschheit — ein zusammenhängender sozialer Körper ist, dessen Organe und Glieder die Klassen und Berufsstände sind. - Diese Klassen und Glieder sind aufeinander angewiesen und in ihrem Befinden untereinander bedingt, wie die Organe eines menschlichen Körpers. Leiden einzelne Teile, so ist der ganze Leib, der ganze soziale Bau eben krank. - Auch das Judentum bildet dank einer Mauer von Voreingenommenheiten und einer großen Anzahl von nicht aus dem Papier stehenden, aber tatsächlichen Ausnahmegesetzen einen besondern sozialen Bau, und es kann unmöglich gut um diese stehen, solange viele seiner Glieder, die mechanische Verrichtungen zu erfüllen haben, nicht die Möglichkeit finden, die hierzu notwendige Uebung und Geschicklichkeit zu erlernen. Lin Merk praktilcher Nächstenliebe. Von Hermann Becker. ' . / on unreifen idealistischen Träumereien, welche der unverwüstliche Optimismus gegenwärtig in so großer Menge zu Tage fördert, und die sich dann bei dein ersten Versuche zur Verwirklichung als ^Utopien erweisen , wissen unsere jüdischen Zeitschriften in einem fort zu melden. Einzelne und ganze Vereine, Männer jedes Standes und Berufes find an der Arbeit, um zü den vielen Plänen, die sich als aussichtslos erweisen, immer wieder neue zu schmieden, die zur Besserung unserer religiösen, nationalen und sozialen Verhältnisse dienen sollen und nicht minder aussichtslos sind als die bereits abgetanen. Da ist es denn eine Freude, auch einmal von einem Werke zu melden, das trotz seines kürzen Bestandes schon Heute als ein gesichertes und zweckentsprechendes zu bezeichnen ist und wohl geeignet erscheint, auf Grund seiner praktischen Anlage recht viel und recht bald Nachahmung zu finden. Wer von München nach Nordwesten fährt, kommt in wenigen Stunden nach der alten Veste Augsburg. Von dort führt uns die Bahn ins schöne Schwabenland bis Günzburg. Daselbst nimmt uns . die sogenannte Lokal- oder Vizinalbahn auf, die an Schnelligkeit nur noch von einem flotten Pferde übertroffen wird, um uns endlich nach Krumbach-Hürben. zu bringen, wo wir nach einer achtstündigen Fahrt von München landen. Die ganze Strecke könnte, nebenbei bemerkt, von dem Personenzuge einer Vollbahn tit höchstens vier bis fünf Stunden zurückgelegt werden. Krumbach ist eine der jüngsten Städte Deutschlands, denn sie besteht kaum zwei Jahre als solche und ist aus der Vereinigung der beiden Marktflecken Hürben und Krumbach entstanden. Die jüdische Bevölkerung wohnt zum größten Teile in Hürben, das zu den ältesten und ehemals größten jüdischen Gemeinden Bayerns gehörte. Heute zählt die Gemeinde kaum 50 jüdische Familien, und die öffentliche jüdische Volksschule, an welcher einstmals drei jüdische Lehrer wirkten, hat gegenwärtig elf Schüler. Trotz der ständigen Verminderung wird die Gemeinde noch musterhaft verwaltet, alle kultuellen Einrichtungen sind in gutem Zustande und -- was die Hauptsache ist — sie werden fleißiger benutzt als die modernen und mit großen Kosten geschaffenen Veranstaltungen der Großgemeinden. Der Stolz eines jeden Krumbachers und. Hürbeners ohne Unterschied des Bekenntnisses ist aber die Ferienkolonie München, von der ich heute den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" erzählen will. In München wirkt seit einer Reihe von Jahren recht segensreich der „Verein zur Bekleidung armer Schulkinder und für Ferienkolonien. Eingetr. Verein." Die Vorsitzende dieses Vereins ist Frau Rabbiner Dr. Werner, eine echte „Esches chojil“, welche nicht allein in diesem Verein, sondern überall/ wo es gilt. Arme zu unterstützen. Kranke zu pflegen und Trauernde zu trösten, zu finden ist. Diese Liebestätigkeit hat so viel Arbeit zur Folge, daß in ihrem Hause buchstäblich der eine dem änderen die Türe in die Hand gibt, wie man zu sagen pflegt, den ein Anliegen, - einen guten Rat-, Trost und. Hilfe braucht. Obwohl diese edle Frau noch Sekretär ihres Mannes, des bekannten Rabbiners Dr. Werner in München, ist, findet sie doch für jeden Hilfesuchenden Zeit, der an ihre Türe klopft, Nur derjenige, der, wie der Schreiber dieser Zeilen, das Glück hatte, in ihrem Hause Zutritt zu finden, kann die Unsumme dieser Arbeit würdigen und die Nerven' aufreibende und anstrengende Tätigkeit ' im Dienste der wahren menschlichen Nächstenliebe. Die Fürsorge für Ferienkolonien ist erst später in den Kreis der Vereinstätigkeit ausgenommen