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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 257 (sequence 5)
Language
German
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257 Schule ins Leben erblicken. .Ihre Daseinsberechtigung beruht in erster Linie auf sozialen Notwendigkeiten. Wo das Haus dein inr besten Wachstum stehenden Organismus nicht die erforderliche Pflege bieten kann, da ist die Unterbringung in ein Lehrlingsheim eine Wohltat, ein Segen. Und in den meisten Fällen können die Eltern selbst ihre zu Handwerkern bestimmten Knaben Nieder in leibliche noch in moralische Pflege nehmen. Den Lehrlingsheimen ist daher ein weites Feld für ihre erzieherische Tätigkeit zugewiesen. Es wird — um noch einen Augenblick bei der Methodik zu verweilen — einer geschickten Hand, einer sicheren Führung, des feinfühligsten Taktes bedürfen, um in keine Jrrtümer bei der Erziehung zu verfallen. Die Keime zu solchen Jrrtümern sind ziemlich dicht ausgestreut. Zu diesen Jrrtümern gehören vor allem jene aus polizeilich-büreaukratischenr Geiste, geborenen Fesseln, die nur' die Wirkung 'haben, das kraftvolle Sprießen und Werden, das elementare Sich dehnen und Wachsen gewaltsanl zu unterbinden. Ist der gesunde Kern vorhanden — und ohne den ist jede menschliche Mühe vergebens — so werden Licht und Sonnenschein und die sonstigen das freie Enrporstrebeu bedingenden Faktoren schon das ihre tun. Die der menschlichen Seele innewohnenden Kräfte bedürfen keiner Krücken, nur sich aufzuschwingen, und keiner Binden und Bandagen, die eine kernige Natürlichkeit nur einschuürt und ins Puppenhafte zurückschraubt. Für das Aufbrecheu der im tiefinnersten Wesen geheimnisvoll ruhenden Keime und Triebe haben wir nicht zu sorgen; denn dieses Geschäft besorgen andere Mächte, die stärker sind als wir, wenn wir überhaupt imstande wären, von außen her solche Anstöße den seelischen Funktionen mitzuteilen. Aber bewahren wollen wir sie vor allen Störungen und Hindernissen, dazu ist die Hand des Leiters da. Man hat sich vor voreiligen- und allzu häufigen Eingriffen — es handelt sich hier nicht um Unterricht, sondern um Eharaktererziehung — zu hüten. Der Knabe darf in seinen Lebens- und Willensäußerungen nicht zu unfrei sein, man wird ihm darum'ein großes Maß von Spielraum und Bewegungsfreiheit einräumen, null man nicht das hervorsprudelnde Leben eiudänunen. Es ist nicht zu vergessen, daß hier fürs Leben vorbereitet wird, ja, daß das Leben selbst seine gewaltige Einwirkung schon übt. Die aufzustellende Anstaltsordnung im Lehrlingsheim hat mit sorgsamem Vorbedacht auf die Entwicklung zur Selbständigkeit Hinzuzielen, sich aber geflissentlich vor nicht absolut aus Gründen der Disziplin erforderlichen Erschwerungen und Einengungen zu hüten. Nur keine spanischen Stiefel und keine Daumenschrauben! Sie verkümmern nicht nur den Leib, sondern sie verhindern auch die reiche und gesunde Entwicklung und kraftvolle Aufrichtung aller inneren Fähigkeiten und Kräfte. Die jungen Leute sollen, was ihr moralisches Wachstum anbetrifft, nicht bloßen Zufälligkeiten ausgesetzt sein. Schön. Aber ebenso sehr müssen sie bewahrt werden vor drastischen Eingriffen, die ihrer Natur Gewalt antun und diese nach irgend einer Seite verkünnnert und verbiegt, statt den natürlichen und gesunden Anlagen freien und ungezwungenen Lauf nehmen zu lassen. Wir erziehen namentlich in dieser Periode für die Freiheit des Lebens. Aber so wenig man auf dem Lande das Schwinunen erlernt, so wenig erlernt man im Käsig einen vernünftigen Gebrauch der Freiheit. Bor allen: wird ein hermetischer Abschluß gegen die übrige Welt nicht rätlich und heilsam sein, denn die Anstalt erzieht nicht zur Internierung in einer anderen Anstalt, sondern für den breiten, lebendigen, offenen Strom der Wirklichkeit. „ Nur so wird die Entfaltung individueller Eigenart ermöglicht werden, aus die eine tiefere Pädagogik unendlich viel Gewicht legen muß. Wenn hier durch mechanische Ordnungsschablonen schlummernde und ins Dasein drängende Keime erstickt würden, würde die Anstalt weit mehr Schaden als Nutzen stiften. Gerade die Lehrlingsjahre aber bilden das Alter, wo die feineren Differenzierungen ans Licht treten und eine besondere Aufmerksamkeit und Förderung statt Abschreckung 'verlangen. Diese Besonderheiten sind oft nicht die Grundlage für das innere Glück und eine dauernde Befriedigung, sondern geben auch noch den Fels ab, auf dem sich eine bessere materielle Existenz erhebt. Es gilt: Fähigkeiten wecken, nicht unterdrücken, es gilt Persönlichkeiten durch Beseitigung aller ihrer Bildung hemmenden Einflüsse zu schaffen und ihre Entwicklung nicht durch unangebrachten Zwang zurückzuhalten. Dazu ist die Gewährung einer ausgiebigen individuellen Bewegungsfreiheit unerläßlich. Hören wir, was ein großer Denker unserer Zeit über das Problem der Freiheit sagt: „Man könnte auf die Frage, ob es gut sei, den Menschen trotz ihrer gegenwärtigen Unzulänglichkeit eine möglichst vollständige Freiheit zu geben, die Antwort erteilen: Jawohl, alle die, deren Gedanken der bewußtlosen Masse voranseilen, haben die Pflicht, alles zu zerstören, was die menschliche Freiheit behindert, gleich als ob alle Menschen die Freiheit verdienen; wiewohl man doch weiß, daß sie erst lange nach ihrer Befreiung der Freiheit würdig sein werden. Der harmonische Gebrauch der Freiheit läßt sich nur durch langen Mißbrauch ihrer Segnungen erwerben...." - Richtig geleitete Lehrlingsheime sind schon jetzt ein Segen für zahlreiche jüdische Knaben, und immer größer wird die Zähl der Aufnahmelustigen. Das jüdische. Herz folgt einem schönen Zuge, wenn es seinen sozialen Eifer in der Errichtung von solchen Lehrlingsheimen betätigt. Das künftige Geschlecht soll in seinen unteren Stünden für den Lebenskampf besser ausgerüstet werden, und dazu gehört eine über alle Faktoren der Erziehung ausgedehnte Fürsorge, nicht zuletzt eine die Kräftigung des leiblichen Menschen bezweckende Pflege und zweckmäßige Ernährung. Was auf diesenr Gebiete bereits geschehen ist, ist anerkennenswert und bewegt sich in durchaus richtigem Geleise. Allein gegenüber dem tatsächlichen Bedürfnis reichen die bisherigen Leistungen nicht aus. Inr Westen Deutschlands bestehen meines Wissens zwei jüdische Lehrlingsheime von müßiger Größe. Für Nord- und Ostdeutschland dagegen mur ein einziges: das zu Pankow, eine Berliner Schöpfung, die der gesunderen Lage wegen in diesenr Vorort ihr Heim aufgeschlagen hat. Der Wirkungsbereich für dieses Lehrlingsheim ist fast ein unbegrenzter. Es dient keineswegs blos der Berliner jüdischen Bevölkerung, sondern ebenso der der nördlichen und östlichen Provinzen Preußens. Die östlichen Landstriche entbehren eines derartigen Instituts und wenden sich mit ihren Aufnahnregesuchen an die Berliner Anstalt. ■ Berlin hat für das Judentum seit langem die Führerrolle oder wie die jüdische Bezeichnung treffender lautet: die Mutterrolle, namentlich für den Osten. Die Mutter hat zu sorgen. Und Berlin ist von den Mutterpflichten ebenso durchdrungen, wie der Osten von der Berechtigung seiner kindlichen Ansprüche, die er stellt. Er ist zur Schaffung sozialer Institutionen zu schwach' und auf Berlin angewiesen, wie die sonstigen Organe auf die Mithilfe des Herzens. Berlin ist besonders für die Juden des deutschen Ostens die Zentrale. Der Ollen wäre auch ohne die finanzielle Schwäche nicht in der Lage, für sich zu sorgen. Er ist industriell und betriebstechnisch rückständig,

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