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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-27 · Heft 22 (27.5.1904) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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lichkeit vertrat, ist der russischen Negierung doch nicht -so ganz -gelungen. Das Blatt bestand aus einer Wochenschrift und monatlichen Heften, die mehr .der Literatur und^der Wissenschaft gewidmet waren, obwohl das Progrmnm der Hefte dem Programm - für die Wochenschrift, vollständig entsprach. Redaktion und Verlag waren so vorsichtig, für die Wochenschrift und sür die Monatshefte je eine besondere Konzession zu erlangen, sodaß jetzt nur die Wochenschrift unterdrückt ist. Die Monatshefte werden weiter regelmäßig erscheinen, nur mit dem Unterschiede^ daß sie viel stärker sein werden und alles das Material in sich aufnehmen, was früher gewöhnlich in der Wochenschrift erschien. Auf diese Weise wird die Zeitschrift ihre mutige und so notwendige Arbeit weiter fortsetzen. Liest man aber die Artikel, die Anlaß zu der Unterdrückung.gegeben haben, so ersieht man daraus mit gerechtem Unwillen, daß die russischen Juden nicht einmal offen in ihrem Organ aussprechen dürfen, wie sehr der schwere ökonomische Druck, der von jeher aus ihnen lastete, infolge des Krieges zugenommen hat. Die über Rußland' hereingebrochene Krisis fand nämlich nn Ansiedelungsrayon einige Millionen überzählige Handwerker, Tagelöhner, Vermittler, Kleinhändler und sonstige „Luftmenschen" vor, die schon in normalen Zeiten schwer ums^ Dasein ringen und sich für gewöhnlich nur halbsatt essen können. Die Krisis setzte als Handelskrisis ein, indem die Banken sofort nach dem ersten japanischen Angriff auf das ferne Port Arthur das Kreditgeben auf das äußerste einschränkten. Die Folge waren zahlreiche Fallissements und Liquidationen, durch welche Tausende von jüdischen Handlungsgehilfen sich plötzlich stellungs- und arbeitslos sahen. Der Handelskrisis folgte unmittelbar eine Jndustriekrisis, welche die Fabrikanten in Lodz und Warschau nötigte, ihre Produktion einzuschränken resp. ganz einzustellen. Die vorgenommenen Arbeiterentlassungen übten sofort einen empfindlichen Druck auf den gesamten Mittelstand aus, der an den Arbeitern seinen besten Kundenbestand verlor. Die Hausbesitzer konnten nunmehr ihre Mieten nicht mehr einziehen. Die Wohnungsmieten fielen rapid und die Folge war eine Krisis im gesamten Baugewerbe. So rief ein Unglück das andere hervor, mit dem Endergebnis, daß Rußland kaum drei Monate nach dem Ausbruch des Krieges schon vor der ökonomischen Katastrophe steht. . . In Lodz sind .bis jetzt 15 000 Arbeiter, darunter 1000 Juden entlassen. Um der ersten Not unter den Juden abzuhelfen, sollen 30 000 Rubel gesammelt werden, von denen aber erst 10 000 Rubel gezeichnet sind. Unter den jüdischen Webern in Bialhstock herrscht eine solche Not, daß die Polizei eingreisen mußte. Ein 15 gliedriges Komitee wurde eingesetzt, das unter Leitung des Polizeimeisters und des Adelsmarschalls sämtliche Juden der Stadt die für andere noch etwas übrig haben, in sieben Kategorien eingeteilt hat. Die Bessersituierten haben für die Arbeitslosen von 1 bis 50 Rubel monatlich zu zahlen. In Odessa ruht die Bautätigkeit gänzlich und die zahlreichen Zahlungseinstellungen haben Hunderte von Angestellten auf das Straßenpflaster geworfen. In Minsk herrscht eine solche Not, daß die hungernden jüdischen Handwerker und Tagelöhner von dem ihnen religionsgesetzlich für den äußersten Notfall zustehenden Recht Gebrauch machen und in allen Synagogen der Stadt den Gottesdienst inhibieren, um so die Gemeinde zu zwingen, Schritte zur Linderung der allgemeinen Not zu tun. Infolge dessen unterlassen die reichen Leute in Minsk den Shnagogenbesuch.... Sie wollen augenscheinlich warten, bis sie von der Polizei gezwungen werden, .etwas für ihre armen Glaubensgenossen zu tun. Wir wollen von ganzem Herzen wünschen, daß die Krisis in Rußland sich nicht weiter verschärfe,- da -sie andernfalls zu einer fluchtartigen Emigration führen muß, welche.die .ganze jüdische Gesamtheit' in Mitleidenschaft .ziehen würde. . . ... . r * - Sehr wertvoll ist gerade in diesem Augenblick der Bericht,, den das Organ der russischen Regierung, der „Prawitelstwenny Wjestnik" (Regierungsbote), publiziert, und den der Minister des Innern, Staatssekretär v. Plehwe, an den Kaiser von Rußland über das Ergebnis der im Jahre 1903 vorgenommenen Rekrutierung von Militärpflichtigen.erstattet hat. Aus den in diesem Berichte enthaltenen offiziellen Daten ergibt; sich nach der „Welt" neuerdings die Tatsache, daß der Prozentsatz der rekrutierten Juden viel höher ist als bei den anderen Konfessionen in Rußland.. Nach der Volkszählung von 1897 bildet die jüdische Bevölkerung in Rußland 4,13 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches. Im Jahre 1903 wurden zur Erfüllung der. Militärpflicht 320 832 Personen einberusen. Unter normalen Verhältnissen müßte die Zahl der jüdischen Rekruten. 4,13 Prozent der Gesamtzahl der Einberufenen, d. h. 13 250 Personen, betragen. Aus dem offiziellen Bericht geht jedoch hervor, daß in Wirklichkeit im Jahre.1903' nicht weniger als 17 941 Juden, d. h. "um 4691 Personen mehr rekrutiert wurden. Und dennoch konstatiert der Bericht, daß die Juden im Jahre 1903 noch an. 1970 Rekruten rückständig geblieben sind, was soviel bedeutet, daß durch die unregelmäßige Belastung der Juden aus dem Gebiete der Wehrpflicht die Zahl der im Berichtsjahre zur Rekrutierung einberufenen Juden 19 911 betrug, um 6661 Personen mehr, als die Norm es gestattet. Ein so großes Kontingent vermochte die jüdische Bevölkerung nicht zu liefern, weil sie physisch nicht imstande war, die ganze Zahl von 19 911 aufzutreiben. Sie gab dem Staate überflüssig 4691 Soldaten, während sie für die „fehlenden" 1970 Rekruten den Betrag von 300 Rubeln Strafe für jeden einzelnen, d. h. ungefähr 600 000 Rubel, wird bezahlen müssen. Die offiziellen Daten des Ministers des Innern berichten aber noch etwas: Von den einberufenen 959 045 Nichtjuden wurden 286 351, d. h. 29,86 Prozent, von den einberufenen Juden wurden aber 17 941 Personen, d. h. 30,59 Prozent, rekrutiert. Mit einem Worte: Von tausend Nichtjuden wurden 298, von tausend Juden aber 305, d. h. um 7 Personen mehr genommen. Und. die antisemitischen Blätter Rußlands haben noch die Gewissenlosigkeit, zu behaupten, das; die Juden sich der Militärpflicht entziehen.! Ueber die Lage der jüdischen Flüchtlinge in M a r'o k k o, welch e infolge eines Ueberfalles eines räuberischen Stammes sich nach Darailbada flüchten mußten, liegt ein Bericht des englischen Konsuls in Tanger vor, den das auswärtige Amt der Londoner Anglo Jewish Association übermitteln ließ. Darnach werden die Flüchtlinge schon im Monat April. — das Schreiben ist vom 13. April datiert — nach Stat zurückkehren können.. Mr. Maclean, englischer Konsul in Darailbada berichtet nämlich, daß das Hilfskomitee in Darailbada selbst keine Unterstützungen verteilt und seine Mittel nur dazu verwendet, um den nach Styt zurückkehrenden Flüchtlingen die Niederlassung zu erleichtern. Obgleich die Zahl der Flüchtlinge 970 betrug, kam doch kein emziger Todesfall unter ihnen vor. Dieses günstige Ergebnis haben die Juden in erster Reihe der ebenso schnellen wie reichlichen Unterstützung zu verdanken, welche ihre englischen und französischen Glaubensgenossen ihnen gewährt haben.. Mr. Maclean scheint nicht zü

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