Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ganz hervorragende Eigenheiten; ist ja auch der „Kain" der Bibel eine gigantisch vorweltliche Sondergestalt. Schade nur, daß sich die moderne Kunst keine edleren Gestalten aus dem alten Testanient aufsucht. Auch die Zahl der religiösen Gemälde in diesem Salon ist ganz bedeutend zurückgegangen; an den Pentateuch lehnt sich nicht ein einziges an. Dieser „Kain" hier ist nach der ruchlosen Tat aus der schrecklichen Flucht vor dem Rächer dargestellt, der tierisch wilde Gesichtsausdruck, der offene Mund, die sich abwehrend krallende linke Hand und die in rasender Angst zur Stirn geführte Rechte versinnbildlichen treffend das Wort der heiligen Schrift: „Unstät und flüchtig sollst du sein auf Erden." Auf der anderen Seite des Saales 13 hat Max Klein (Grunewald) ein entzückendes Werk polychromer Plastik ausstellt. Sein Kinderbildnis in Marmor ist nach unserer bescheidenen Ansicht als eine ideale Perle der ganzen diesjährigen Ausstellung zu bezeichnen. Der sanfte, liebliche Mund des auf grünem Sockel postierten Kinderköpfchens, das schlichte Haar in Naturfarbe wiedergegeben, der edle rührende Ausdruck des Auges — in geistigem Ausdruck sowohl wie in der polychromen Technik ist es ein Meisterwerk. Haben doch auch die auf der Höhe der Kunst stehenden Völker des Altertums ihre Statuen bemalt. Vielleicht wird dereinst in ferner Zukunft der Künstler von einem posthumen kritischen Delitzsch zu hören bekommen, er habe die polychrome Technik den Babyloniern oder den „ollen Griechen" entlehnt Aber .nachmachen sollls erst ein anderer. Vkkrndsrung. Von Gustav Steinert. at Gott dem äußren Sinn sich offenbart, Ob Er zum Geiste sprach nach Geistesart? Ihr Frommen, sagt, ihr Frei'n, was soll der Streit, Da offenbar des Wortes Göttlichkeit. Und öffnete die Schrift, enthüllte sie Der Offenbarung wundersames Wie, Auch die Enthüllung noch den Zweifel ließ, Ob dies das Gotteswort und eben dies. Gott sprach; doch nicht der Glaube dies beweist. — Die Menschheit in Erkenntnis ist ergreift, Und staunend der Verstockteste erkennt Der Wahrheit unverbrüchlich Testament, Der ew'gen Wahrheit, die nur Gottes ist, Auf keinem Blatt des ew'gen Buchs vermißt. So zeugt für seine Echtheit selbst das Wort, Sein eigner Bürge und sein eigner Hort. So zeugt das Buch und kündet Blatt für Blatt: Der Weltengeist zur Welt gesprochen hat. Ihr Frei'n, ihr Frommen, mit der Lehre nicht, Nur niit euch selber gehet in's Gericht. Litersrilchr Mitteilungen. — Lazarus Goldschmidt: Sprüche der Väter. Berlin 1904. S. Calvarh & Comp. Als Sonderausgabe aus seiner Uebersetzung des babylonischen Talmuds hat Goldschmidt die Pirke Aboth in textkritischer Bearbeitung nach den ältesten Drucken ediert, und die Verlagshandlung hat das Büchlein sehr elegant und handlich ausgestattet, in dem Bestreben, weiteren Kreisen einen Einblick in diesen Kanon jüdischer Ethik zu erschließen. Die Uebersetzung ist recht gut; nur hie und da ließen sich Einwendungen dagegen wie auch gegen die erklärenden Noten erheben. Doch sind diese nicht wichtig genug, um das Gesamturteil zu beeinflussen. Der Traktat der „Sprüche der Väter" wird in dieser Ausgabe sicher viele Leser finden, die ihn bisher nicht kannten und keine Ahnung davon hatten, daß die talmudische Ethik immer nur vom „Menschen", nicht vom „Juden" -spricht, also — wie der Herausgeber richtig bemerkt — nicht bloß für den talmudgläubigen Juden, sondern auch allen Andersgläubigen gegenüber bindend sei. — „Thoüghts on Judaism“ by Lilly Montague, London 1904.' In neun Aufsätzen legt die Verfasserin ihre Gedanken über Judentum dar; sie ist eine in der englisch-jüdischen Welt bekannte Dame, die sich durch ihren Roman „Naomis Exodus“ und andere Schriften einen Namen gemacht. Ihre Gedanken über Judentum sind tief durchdacht und geben uns einen klaren Einblick irr die geistige Werkstätte dieser jüdischen Denkerin. Obwohl die Tochter des Sir Samuel Montague, ' eines äußerst orthodoxen Vertreters des Judentums, tritt sie doch für ein niehr durchgeistigtes Judentum ein und redet ihm warm das Wort. Dem Buche ist eine deutsche Uebersetzung zu wünschen. Bradford. Dr. Strauß. Mrechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! err Dr. Levy weiset mich zurecht, aber gar nicht mit Recht. Das strittige in Leviticus V, 17 konnte ich ja schon einfach darum nicht übersehen haben, weil ich doch in. dem Richtigstellen der Bernfeld'schen Auffassung (in Nr. 7) durch seinen eigenen dortigen Hinweis darauf aufmerksam gemacht war. Daß ich darauf nicht reagierte, geschah blos darum, weil in allen solchen 'textuellen Diffikultäten Schärfe und Kürze die beste Würze ist. Leviticus V, 17 ist, wie schon sein Vorgänger im Vers 1 beweist, eine von den halbdutzend Ausnahmen, welche in dieser idiomatischen Eigentümlichkeit blos die Regel um so klarer stellen. Gibt doch Herr Dr. Levi selbst zu, daß sich dort das 'p# in'der Gesellschaft des synonymen befindet. „Sc^e mir mit wem du umgehst rc." Vers 1 mit seinen: DiÄT" spricht nur zu deutlich für meine Behauptung, daß anderswo im ganzen biblischen Schrifttum „Nässo ävon" das Verzeihen der Schuld bezeichnet! — Nichts für ungut Ihrem ergebenen Des Moines, Iowa, 26. April. S. H. Sonneschein. ’ $ Sehr geehrter Herr Redakteur! 3^"n dem in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Nummer 18 veröffentlichteu interessanten Aufsatz „Chemisches in der Bibel" von Professor Dr. A. Pinner kommt der geehrte Forscher nach einer Untersuchung über die chemische Tätigkeit des Färbens bei den alten Israeliten zu dem Ergebnis, sie ^hätten der: goldgelben, gelbgrünen und roten Farbstoff gekannt. „Aber für das Blau, das ihnen der Himmel zeigte, hatten sie keinen Namen." Wie mir scheint, befindet sich hierin der Verfasser mit der Tradition wie mit den bedeutendsten hebräischen Sprachforschern in direktem Widerspruch. Professor Pinner nimmt an, daß rtori ein aus einer Purpurschnecke gewonnener rotbrauner Farbstoff wäre, während das altjüdische Schrifttum, sowie die neuesten hebräischen Sprachforscher unter der Bezeichnung Leebeletd die blaue Himmelsfarbe verstehen. Der Talmud will sogar die Schnecke kennen, voll der die blaue Farbe gewonnen wurde. Er nennt sie "pf^n und gibt über diese eine genaue Beschreibung. Siehe Sabbath 26, Menachoth 44 und Pesikta Beschalach). Der Tradition zufolge soll in der Amtstracht des Priesters der Gürtel mit blauen Fäden dllrchwirkt, und das Ephod, das Oberkleid des Hohenpriesters, ganz himmelblau gewesen sein. Daß die talmudischen Weiseir, wahrscheinlich einer alten, noch voll der biblischen Zeit datierenden Ueberlieferung gemäß, uilter leebeletb die himnlelblaue Farbe verstanden haben, geht aus folgender markanten Talmudstelle hervor (Chulin 89 a): HDl*! D'l ö'b HETT ♦TSD pW? HÖH Dpn »Das Techeleth gleicht der Farbe des Meeres, die Farbe des Meeres der des Himmels, die des Hünmels der des Saphirsteins." Bekanntlich ist der Saphir ein blauer Edelstein, und den Himmel haben die talnludischen Weisen gewiß nicht durch eine „rotbraune" Brille gestehen. Hamburg. S. Meisels. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.