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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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ein nach alter Art eingebundener Foliant. Mit mildem Ernst schaut der würdige Greis, in den prächtig bordierten Gebetmantel gehüllt, ausgezeichnet durch die hohe Stirn, von der das Käppchen etwas zurückgewichen ist, zwar klugen, freundlichen Auges, aber Prüfend aus die strahlenden Myrten des religiösen Feststraußes. Ein Jüngling mit einer einfachen Mütze, von einem älteren Angehörigen unterwiesen, hat soeben den Lulaw vorschriftsmäßig in die rechte Hand, den Eßrog in die Linke genommen und spricht mit offenem .klugem Blick seinen Segensspruch. Ein Kabinettsstück feinen Humors aber sind die beiden Alten mit dem gemütlich - klugen Blick ganz im Vordergründe; hier ist der Lulaw zur Seite gelegt, und während der eine mit der Mütze sehr scharf kritisch den Eßrog prüft, ob er nicht etwa „poßel" ist, hat er beschwichtigend dem lächelnd weiter betenden Freunde die Hand auf die Schultern gelegt. Die am meisten zu Herzen gehende, weil andächtigste Gruppe hat der Maler aber ganz in den Hintergrund der kleinen „Schul" verlegt; ein Beter sitzt hier bleichen Antlitzes mit halbgeschlossenen Augen in tiefe Andacht versunken, nur die Lippen bewegen sich an dieser fromm-ekstatischen Erscheinung, während der einfach gekleidete, unendlich rührend und sympathisch aussehende Greis den Lnlaw zur Hand nimmt. Es ist über die ganze- Szene, die nichts gemacht und affektiert Religiöses zur Schau trägt, ein Hauch inniger reiner Herzensfreude ausgegossen, wie sie, Gott sei Dank, in Israels Gotteshäusern nicht nur zur Zeit des Hüttenfestes noch zu finden ist und wie sie ein im. Eingänge dieser Ueb erficht erwähntes Geschlecht, das an ,Marasmus juvenilis“ leidet, nicht mehr — überall leider, auch in Israels Häusern — kennt. Das bezeichnende Fremdwort kommt uns hier schon wieder in die Feder, weil leider jetzt auch viele Künstler unseres Glaubens so haltlos schwankend allen Neigungen und ewig wechselnden Strömungen des Tages preisgegeben sind. Es ist nun doch wirklich keine Prinzipienreiterei, sondern Tatsache, daß unsere jüdischen Künstler, sobald sie sich von der klaren, reinen Lehre der Väter, wenn auch nur bildlich, abwenden, ins Extrem und sehr leicht geradezu in Decadence verfallen. Max Fabian (Berlin) hatte auf den letzten Ausstellungen einen bei seiner Jugend überraschend großen Erfolg; einmal mit einem rein und wahr empfundenen Genrebilde aus dem Schifferleben und einmal mit seinem genialen „Ahasver", der jüdische Auswanderer auf der notgedrungenen Wanderung ergreifend darstellt. Heute kommt uns Fabian einmal in moderner proletarischer Maske, aber sie kleidet ihn wahrlich nicht. Jede Richtung hat natürlich " künstlerisch ihre Berechtigung, aber dieses in Saal 30 ausgestellte Bildnis eines Malers mit jugendlich verlebten Zügen, decadenten abstehenden Ohren und dem schrecklich grell gemalten roten Shlips ist wahrlich weder „bezaubernd schön" noch technisch auf der Höhe, wie es der „Ahasver" im Vorjahre war. Etwas besser schon ist das die „Mutter" benannte Genrebild in dem Saal 25 gemalt. Die Idee des Bildes, eine junge Frau in ärmlicher Tracht gibt ihrem Kinde die Brust, während ein kleines, in ein verwaschenes Grün gekleidetes Mädchen vor dem Ofen Posiert, ist an und für sich schön; die Durchführung aber bleibt doch zumteil in einem Ansatz von Sentimentalität stecken. Um ein gerade in solchen Stoffen exzellierender Joseph Israels zu werden, wird der junge.Künstler doch noch ernster an sich arbeiten müssen. Der holländische Meister hatte allerdings das ideale Glück, nicht durch allzu frühzeitige Erfolge auf dem Kunstmarkt verwöhnt zu werden. Doch nichts fürungut! Aber gegen die Farbenzusammenstellung auf dern oben besprochenen „Bildnis" würde Israels wohl energisch im Interesse der Kunst und des Malers selbst mit dem Worte Protestieren : Solch eitle Grimasse malt kein „Sohn des alten Volkes". Da taucht zum Glück in dem benachbarten Saal 24 das vornehm durch geführte Selbstporträt unseres Glaubensgenossen Leopold Horovitz (Wien) vor uns auf. Das treue kluge Auge, der ganze Adel der Erscheinung zeigt den auf moderner kultureller Höhe stehenden treuen Glaubensgenossen;v alles Herausfordernde, nach oben sich brüstender Stolz, ist trotz des durch Leistungen berechtigten Selbstbewußtseins vermieden. Unsere Zeit kokettiert ja sehr arg mit dem herausfordernden Selbstbewußtsein nach unten, das oft der wirklichen Berechtigung durch entsprechende Leistungen entbehrt. Wird man einstdiese „heldenhaft" verzerrt Posierenden, modernen Jünglingsbilder neben die durch die Jahrhunderte anerkannten Meisterporträts der alten Kunst zu hängen wagen? Das Bildnis des Kaisers Franz Josef I., das Leopold Horovitz hier ausstellt, ist ja vielleicht ein wenig idealisiert, aber ein solches Bild macht einen sympathischen Eindruck; es ist der edlen Gestalt des greisen Fürsten würdig. Etwas in Verlegenheit bringt uns dagegen ein Teil der Kollektiv-Ausstellung Franz Lenbachs in Saal 14 c, gerade nämlich jener Teil, der hierher gehört. Neben einigen bekannten, oft gesehenen Meisterwerken' hängt da auch zum Teil Bizarres. Interessieren dürfte unter den besseren Porträts noch das Bildnis des Herrn Rudolf Mosse. Man muß weiter zurücktreten von diesem Bilde, um den nachdenklichen Blick und die Wiedergabe der geistigen Individualität zu würdigen, die ja mehr als technische Einzelheiten des jüngst verstorbenen Lenbachs Stärke ist. In Wirklichkeit hat der Schreiber dieser Zeilen von dem Verleger der Allgem. Ztg. des Judentums, wie ich ihn vor Jahren in der Nepräsentantenversammlung der Berliner Gemeinde sah, einen weit frischeren Eindruck in Erinnerung — aber Lenbach liebte es ja seit Jahren, über seine Porträts einen elegischen Schimmer zu verbreiten. Die abwehrend ausgespreizten Hände der Frau Lily von Poschinger (geborenen Landau) -dagegen wollen wir lieber hier nicht eingehender behandeln: Hände gut zu malen, war ja nie Lenbachs Sache, aber hier ist auch das Gesicht und die ganze Erscheinung lediglich eine gewollte Bizarrerie .... Es sei gestattet, bei diesem flüchtigen Rundgang auch gleichzeitig einige der über die ganze Ausstellung verstreuten plastischen Bildwerke zu besprechen. Unser bekannter Jakob Pleßner (Berlin) hat eine ganz hervorragende Brunnenfigur, ausgestellt, die der junge Künstler bescheiden „Studie" betitelt. Der Katalog hat dazu die Bezeichnung „Bronze" gefügt und als Ort der Aufstellung Saal 30 angegeben. Leider steht das künstlerisch ausgezeichnete Werk dieses Bildhauers aber nicht in Saal 30, wie der Katalog angibt, sondern in einem benachbarten, halbversteckten Kabinet, auch ist es nicht aus Bronze, sondern aus Gips. Besonders zu rühmen ist aber die Schlichtheit dieses Werkes. Das gut modellierte junge Weib, keine schablonenhafte Nymphe, hält die rechte Hand ernst sinnend hinten am Kopf; über die ganze, sich zur Brunnenfigur hervorragend eignenden Figur ist poesievoll ein Hauch edelster Keuschheit ausgebreitet. Gerade die Plastik vertrügt in der Tat die aufdringliche bizarre Pose und das innerlich leere gespreizte Getue am wenigsten — möge es dem Künstler bald vergönnt sein, sein wirklich von biblischer Reinheit umstrahltes Werk, wie der Katalog meldet, in Bronze auszuführen. Wen:: alles wahrhaft Große aber einfach und schlicht ist, wie uns gerade die Bibel lehrt, so hat der „Kain" von Fritz Heinemann (Charlottenburg), diese in Saal 13 an hervorragender Stelle plazierte Kolossalfigur in Bronze, doch auch künstlerisch

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