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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 Die Herren in Uniform und Zivil stoben durcheinander, - .wie eine' aufgescheuchte Vogelschar. Kurz daraus erklang die Fledermausquadrille und Hauptmann Grittano kommandierte, — mit . einer Selbstverständlichkeit, der man einerseits den ständigen maltre de plaisir, andererseits die. Gewohnheit des Kommandierens anhörte. Aber das war keine schreiende Exerzierplatzstimme, sondern ein klangvolles Organ und für Melitta von unendlichem Wohllaut. Mit welcher Liebenswürdigkeit' er rief: „Erster Herr — zweite Dame, — demie 'promenade, -- chaine anglaise", hell und deutlich, und doch so verbindlich, so durchaus kavaliermäßig. Und als er sie schließlich wiederum zun: Platze führte, sagte sie sich, auch eine derartige Quadrille in ihrem Leben noch nicht getanzt zu haben. Sie kannte sich selbst nicht mehr. Alle vernünftige Riche, alle Besonnenheit war ihr abhanden gekommen; sie lebte wie in einem Rausch, — einem Taumel, — sie lebte doppelt. „Noch niemals sah ich ein derartiges Feuer in blauen Augen," flüsterte ihr Grittano nun ganz leise zu. Er hatte den Platz neben ihr wieder eingenommen. „Jnüdige sind mir das Urbild der Aristokratin," hörte sie im selben Augenblick an ihrer anderen Seite Baron von Tertzky zu Ellen sagen. „Schlank, — zart, — blond. — —" Kein Laut ging ihr verloren, so geschärft waren ihre Sinne. „Wie lange bleiben Sie noch in Franzensbad?" fragte sie der Hauptmann, im selben flüsternden Tonfall, wie zuvor. Wie diese Stinnne ihr gut tat! Sie erregte — und beruhigte zugleich. „Noch einige Wochen." Ein befreites Aufatmen und ein glücklicher Blick war hierauf seine Erwiderung. Dazwischen hörte sie wieder Tertzky sagen: „Ich war, bevor ich hierher kam/in Karlsbad; aber nur zwei Tage." Hieraus Ellen: „Weshalb nicht länger?" „Einfach ekelhaft, was es dort für polnische Juden gibt, — äh — scheußlich!" Nun sah Melitta, daß Ellen einen ängstlichen Blick zu ihr yerumsandte und leise zu dem Baron etwas sprach, worauf erden Kopf schüttelte und immer wiederholte : „Janz nmnöjlich, — bei dieser Erscheinung und diesen Allüren, — janz unmöglich!" Es hielt für Melitta nun nicht schwer, den Zusammenhang der Auseinandersetzung zu erraten, weil Tertzky sie hierbei scharf fixierte. - Die Antwort der Komtesse verklang in den Ansangstakten eines Rheinländers, dem nur noch eine Polka folgte. Melitta und Ellen tanzten bald mit diesen:, bald mit jenem der Offiziere, und als die Damen gegen 11 Uhr den Heimweg antrateu, reichte Baron von Tertzky Ellen und Hauptmann Grittano Melitta den Arm. So gingen sie paarweise, — die Mütter voran. Es war eine linde Mondnacht, kein Lufthäuch regte sich. Die Heliotrope sandten vom Kurpark betäubenden Duft herüber und die Sterne/ in zahllos flimmernder Pracht, wie eingewebt auf schwarzsamtenem Grunde, leuchteten friedlich nieder. Täuschte sie sich? Es war Melitta, als hielte Grittano ihren Arm, je länger sie gingen, desto fester in dem seinigen. Und wieder fühlte sie sich so unsagbar geborgen und sicher. Was sie sonst vielleicht mit Entrüstung erfüllt hätte, empfand sie heute als etwas Natürliches. — War sie's noch — oder war sie eine völlig andere geworden? — Sie sprachen fast gar nichts miteinander, doch diese Stille, — und um sie her, die laue Nachtlust, die sich wie eine beruhigende Hand auf die heiße Stirn legte, tat ihr unendlich wohl. Wozu auch Banalitäten schwatzen? Daß sie beide dasselbe empfanden,wußten sie doch mit hellseherischer Klarheit. So schwiegen sie lieber, um nicht zu viel zu sagen und tauschten nur ab und zu einige Worte, zumeist aus Rücksicht auf das vor ihnen gehende Paar. In dieser Nacht fand Melitta keinen Schlaf. . (Forts, folgt.); - Der Salon 1904 Von M. Friedeberg. ährend im Osten die Kriegsfurie rast und unter der Herrschaft des Mars die Völker allenthalben in Waffen starren, erfreuen wir -uns im Frühling wieder ohne Störung auch in diesen: Jahre der Blüten der Kunst. Ein zwar mit einem sogenanten „Judennamen" ausgezeichneter, aber doch nichtjüdischer Literarhistoriker hat jüngst als Devise für unsere Zeit, oder wenigstens für die vielen Zeichen jener mitten im Frieden den Bürgerkrieg führenden Decadence unter den sich mit Vorliebe so nennenden „christlichen" Völkern, die sich zunächst in der leichten Neigung zu Rückfällen in' mittelalterlichem Verfolgungswahn aüsprägt, das hübsche Wort vom „maräsmus juvenilis“ geprägt. Wenn es nicht so'tief traurig wäre, könnte lustig sein, was dieses nichtjüdische „Wörtchen" bedeutet, — nämlich eine Jugend, die greisenhaft denkt, empfindet und handelt. Da ist es denn-noch eine wahre Freude, in dem jetzt neu umgewandelten Ausstellungspalast am Lehrter Bahnhof dem Frühlingstreiben der ewig jugendlichen Kunst nachzugehen und in ihren heiligen Hallen den Hader des Tages möglichst auf einige Stunden zu vergessen. Ebenso bezeichnend wie das Wort von den altklugen, raffinierten „Jugendgreisen" ist, ebenso tröstlich ist aber Gott sei Dank die Tatsache, daß in unseren Tagen oft die Alten, diese Sekenim, die geistig frischen „Jungen" sind. So begrüßen wir denn im diesjährigen Salon mit wahrer Herzensfreude auch das Bildnis eines solchen jugendrüstigen Führers aus unseren, die Geisterschlacht durchkämpfenden Reihen, das Porträt des jetzt einundsechzigjährigen Professors Hermann Cohen. Der jugendliche Maler Hermann Struck (Berlin) hat den Philosophen, der die harmonische Sammlung kritischen scharfen Denkens und eine Weltbildung aus der Höhe der Zeit mit inniger Treue für den Glauben der Väter vereint, in einer geradezu prächtigen Originalradierung ausgestellt. Das kluge Auge, wie es durch die Brille des unermüdlich in seiner Denkarbeit tätigen Gelehrten schaut, die Denkerfalten auf der Stirn sind in der Tat gut wiedergegeben. Noch im Alter blühen sie in den Vorhöfen unserer Gottesstätten. Solche wirklichen Greise, den Jahren nach, aber daher durchleuchtet von inniger Frömmigkeit, und darum zufrieden und jugendfrisch im Herzen, und .zum Teil auch trotz aller Furchen, welche ihnen die Zeit ins Antlitz gegraben hat, in ihrer äußeren Erscheinung hat der Maler Leopold Pilichowski (Lodz) in diesem Salon auf seinem Bilde „Freudezeit" dargestellt. Ob die jetzige Leitung der Kunstausstellung oder der bekannte Maler diesen eigentümlichen Namen für das Bild gewählt hat, mag dahingestellt Bleiben. Das in Saal 40 (unmittelbar an dem Eingänge von der Stadtbahn) leicht zu besichtigende Bild stellt nämlich in sehr ansprechender Weise einfach das Lnlaw- Benschen am Laubhütten feste dar,, in einer polnischen Synagoge wie es scheint, jedenfalls aber in einer entweder sehr wohlhabenden oder sehr frommen kleinen Gemeinde. Wir sehen nämlich acht Lulawim unter einem Minjan- Glaubensgenosse::. Dem silbernen Kästchen hat der im Vordergründe stehende Rabbiner soeben den Eßrog entnommen, — daneben liegt

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