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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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249 Justizrütin, beigewvhnt und waren durch Hauptmann Grittanv mit den anderen Offizieren bekannt geworden. Natürlicherweise gehörten die Fränkischen Damen, als ihre Freunde, nunmehr demselben Kreise an und die' Gräfin stellte ihnen die einzelnen Offiziere vor. Nun sagte sie in der ihr eigenen, herzgewinnenden Liebenswürdigkeit: . „Sie gestatten, meine Herrschaften: Herr Hauptmann Grittano, unser Freund aus Prag, Frau Justizrat Frank und Fräulein Tochter, unsere lieben Hausgenossen." Er verbeugte sich tadellos und als er den Kopf wieder hob, blieb sein Blick in Melittas Augen hasten, — sekundenlang, — wie in schwülem Bann. Und ihr Herz begann zu klopfen, so unsinnig, — so unerklärlich rasch, — bevor er noch ein Wort an sie gerichtet hatte. Als er sie fragte, ob sie gestatte, den Platz neben ihr einznnehmen, konnte sie nicht sprechen. Sie nickte nur und fühlte, daß sie erblaßte. Wie durch einen Schleier getrennt, sah sie den Saal, die Menschen und Lichter, und was er sagte, klang wie aus der Ferne an ihr Ohr, kaum, daß sie den Sinn seiner Worte richtig erfaßte. "Als er um den nächsten Walzer bat, — er mußte das zweimal wiederholen, — flüsterte sie nur: „bitte," — so leise, wie hingehaucht. — Ohne ihn anzusehen, fühlte sie's, daß diese Augen, vor denen sie eine wahre Angst hatte, nicht von ihr ließen und sie empfand dies fast als physischen Schmerz. Sie bohrten sich fest in ihr Gesicht und sie konnte sich von dem hypnotischen Bann, der sie gefangen hielt, nicht befreien. Ganz plötzlich war sie unfrei geworden, nicht mehr Herrin ihres Willens. „Ist Dirkalt, inein Kind?" flüsterte ihr die Mutter zu, die an ihrer Rechten saß. „Weshalb?" „Du bist blaß, Littachen, und das bin ich an Dir so gar nicht gewöhnt!" sprach die Rätin in besorgtem Tone. Während der weiteren Unterhaltung mit ihrer Nachbarin, der Gräfin, verlor sie Melitta nicht aus den Augen und aus dein Gefühl des Beobachtetfeins heraus suchte sich diese zu bezwingen. Sie durfte die Mutter nicht erschrecken oder sich verraten. — Rein keinesfalls! — Der geheime Bann würde schon wieder von ihr weichen, — er mußte weichen! Und mit dieser festen Vornahme wurde sie zuversichtlicher und ruhiger. Die Tanzpause war vorüber. Die schmeichelnden Klänge des Lunawalzers klangen von der Galerie hernieder und Hauptmann Grittano legte seinen Arm um ihre Taille. Ja, er verstand zu tanzen. So geborgen fühlte man sich und so sicher. Da gab es keine Taktverschiedenheit, keinen Zusammenstoß mit anderen Paaren — ach, — bis in alle Ewigkeit hätte sie so in seinem Arm dahingleiten mögen. Tönten Aeolsharfen? Der Walzer wurde ihr zu einer überirdischen Musik, sie fühlte keinen Boden mehr unter den Füßen, - so frei, so leicht, so — gleichsam körperlos wiegte sie sich nach den Klängen. Nun führte er sie zmn Platze zurück und beim Anblick der ihr vertrauten Gesichter ward sie der Wirklichkeit zurückgegeben. „Das war ja ein Dauertanz," ries ihnen die Justizrätin gutgelaunt entgegen und der Hauptmann erwiderte voll Ueberzeugung: „Das gnädige Fräulein schwebt, anstatt zu tanzen, da ermüdet sie nicht." Und während er, wie selbstverständlich, seinen vorherigen Platz wieder einnahm, wechselten sie einen zweiten Blick, wobei sie im selben Moment die - gleiche Wahrnehmung machten, daß die Augen des andern tiefblau waren. Melitta wußte es nunmehr mit erschreckender Klarheit: dieser Mann, den sie noch vor einer Viertelstunde nicht gekannt, war ihr Schicksal geworden. Wie ist das nur möglich gewesen? Er war ihr ja fast noch ein Fremder, und sie doch kein gar so junges Ding mehr, das bei dem ersten Blick Feuer fing, uni wieder bei einer nächsten Gelegenheit in einem anderen ihr „Ideal" zu erblicken. Wie viele schöne, geistvolle Männer hatte sie schon zu Hause in ihren Kreisen kennen gelernt, die überdies — ihres Glaubens waren. „O Gott, .wie furchtbar!" — dachte sie voll Herzensangst. Aber sie durfte sich nicht verraten. Auch ging es doch nicht, ihn immer nur allein reden zu lassen und so fragte sic, nur um überhaupt etwas zu sagen: „Wieso, Herr Hauptmann, heißen Sie Grittano? Der Name klingt so italienisch!" „Ich bin auch Italiener!" erwiderte er, verbindlich lächelnd, „meine Heinrat ist Rom, und meine nächsten Verwandten sind noch heute dort ansässig. Ich bin aus strenggläubig katholischem Hause; mein Onkel, ein Bruder meiner Mutter, ist Kardinal in: Vatikan. — Aber ich zog dann gen Norden und stehe in österreichischen Diensten." „Jetzt höre ich auch," entgegnete sie, „daß Ihre Aussprache einen fremdländischen Accent hat." „Schon möglich, mein gnädiges Fräulein, Heimat und Herkunft lassen sich eben niemals verleugnen." „Gestatten, Herr Hauptmann, daß ich das jnüdige Fräulein um eine Tour bitte?" „Selbstverständlich, Herr Baron!" Baron von Tertzky, Rittergutsbesitzer aus der Mark Brandenburg, verneigte sich vor Melitta und tanzte nun mit ihr, noch immer nach denselben Klängen des Lunawalzers. Aber ihr erschien derselbe ein anderer. Das war jetzt wieder die richtige Ballmusik, wie sie sie von früherher kannte. Sie legte nur eine Ronde zurück und ließ sich zu' ihrem Platze geleiten. Grittano hatte inzwischen Ellen engagiert, die schon recht betrübt ob seiner heutigen Vernachlässigung war. Nun bat einer der Offiziere nach dein andern Melitta um einen Tanz, und aus der Aeußerung des einen ersah sie, weshalb sie sich bisher fern gehalten hatten. Leutnant Fischer sagte nämlich: „Jetzt können meine Kameraden und ich doch an die Gnädige heran, — vorher durften wir unfern Hauptmann nicht um das Vergnügen Ihrer Unterhaltung bringen." — Sie verstand: Subordination. Aber erstreckte sich diese auch auf den Ballsaal? Es war wohl mehr der natürliche Respekt vor dem allgemein beliebten Vorgesetzten, als eine direkte Vorschrift. Indes der Umstand, daß der den Frauen gegenüber stets sehr reservierte Hauptmann so sichtbares Gefallen an der jungen Deutschen gefunden, machte sie schnell unter den Offizieren! populär und interessant, sodaß sie beständig von einer Corona umgeben war. Den neben ihr stehenden Stuhl hielt nun abwechselnd bald der eine, bald der andere der Marsjünger besetzt, und Grittano benutzte dies zu diversen Pflichttänzen. Darüber verging eine längere Zeit. Als er jetzt wieder auf sie zukam, die Offiziere ehrerbietig zur Seite wichen und er Melitta bat: „Nicht wahr, gnädiges Fräulein, die Quabnfte bekomme ich doch?" wechselten die Kameraden einen bedeutsamen Blick, der soviel sagte wie: „Aufgemerkt!" Und sie überboten sich ihr gegenüber in Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. „Das Mädchen aus der Fremde," nannte sie Oberleutnant Zöllner, nnd den Namen behielt sie bei. „Sie sieht gar nicht wie eine Deutsche aus," meinte ein anderer, „die Deutschen sind meistens fade und blond, — aber unsere Frau Vorgesetzte in spe hat Nasse, Temperament." „Vielleicht ist sie südländischer oder französischer Herkunft," erwog ein anderer. „I wo, — sie hat ja ganz hellen Teint und blaue Augen!" Aber darauf, daß sie Jüdin sei, kam niemand! — „Zur Quadrille antreten!"

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