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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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248 politischen Traktat". Die Zeitereignisse beflügelten die Ausführung. So ist der „Theologisch-Politische Traktat" eine der Fackeln geworden, welche dem Zeitalter der Ausklärung vorangeleuchtet haben. Gleichwohl mußte er bei der Veröffentlichung große Vorsicht anwenden. Er nannte weder sich selbst als den Verfasser, noch seinen Freund, den Buchdrucker Rieuwertsz, als den Verleger, noch Amsterdam als den Druckort; ja selbst der Name des Druckers wurde falsch angegeben. Wie Freudenthal nachweist, ist diese Vorsicht keineswegs überflüssig gewesen. Ja, Spinoza tat noch mehr, er verlegte seinen Wohnsitz von dem durch religiöse Streitigkeiteu entzweiten Dörfchen nach dein Haag, wo er unter dem Schutze seines mächtigen Freundes de Witt unangefochten letzen konnte. Jur Mai des Jahres 1671 bezog er die kleine Wohnung in dem unansehnlichen Hause auf der Pavilljoens-Gracht, an dem noch heute mit ehrfürchtiger Bewunderung alle Besucher des Haag vorübergehen. Dort verbrachte Spinoza die letzten Jahre seines Lebens, aber auch da nicht in ungetrübter Rühe. Die Kämpfe um den „Theologisch-politischen Traktat" füllten die letzten Jahre seines Lebens aus. Die Theologen schlugen Lärm, da sie merkten, daß ihre wichtigsten Festungen gefährdet waren. Spinoza aber schliff ruhig seine Gläser, versenkte sich in seine wissenschaftlichen Forschungen und ließ die Feinde toben, ohne sie zu widerlegen. — Einzelne dieser Feinde wußten das Volk und die Behörden so wider Spinoza aufzureizen, daß sie die Veröffentlichung seiner „Ethik" für einige Jahre hintertrieben. Aber alle gegen ihn ergriffenen Maßregeln richteten sich doch nur gegen seine Schriften, nicht gegen seine Person; und ebenso wie die theologischen Streitigkeiten griffen auch die politischen in sein Leben ein. Das schreckliche Ende seines väterlichen Freundes I. de Witt machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Der französische Krieg brachte ihm auch mannigfache Ungelegenheiten. Der Oberbefehlshaber der französischen Okkupationsarmee, Prinz Conde, wollte ihn kennen lernen, und Spinoza entschloß sich nach langem Zögern, ihn in seinem Hauptquartier in Utrecht zu besuchen. Dadurch entstand das Gerücht, daß er französischer Spion sei. Ein Jahr darauf erhielt er aus Deutschland, nämlich von dem Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, den Antrag, eine Professur für Philosophie und Mathematik an der Universität in Heidelberg zu übernehmen. Auch diesen Antrag lehnte er ab, weil er seinen Forschungen und der Freiheit des Philosophierens keine Grenzen setzen wollte. Es ist natürlich, daß namentlich in den letzten Jahren sein Ruhm immer höher stieg und daß hochstehende Männer ihn in seiner Dachstube in der Pavilljoens-Gracht besuchten. Mit scharfem Spürsinn ist Freudenthal den einzelnen Beziehungen Spinozas nachgegangen und hat uns von diesen Freunden wie von den Gegnern des Philosophen treue, zuverlässige und interessante Charakterbilder entworfen. Am interessantesten sind die Beziehungen Spinozas zu Leibniz. Auch die Schriften der letzten Jahre werden sorgsam geprüft unb nach ihren Vorzügen wie in ihren Mängeln geschildert. In einem Briefe an seinen bereits erwähnten Freund Oldenburg, in dein Spinoza diesem mitteilt, daß er, von allen Seiten angeseindet, die Herausgabe der „Ethik" aufschieben müsse, bemerkte er noch, „daß seine Angelegenheit von Tag zu Tag eine schlimmere Wendung nehme". Niemand weiß, worin diese schlimme Wendung bestand. Nur einer seiner Biographen behauptet, es sei kein kleines Glück für Spinoza gewesen, durch den Tod dem Sturin entgangen zu sein, den seine Feinde vorbereiteten. Ein trauriges Schicksal stand ihn: bevor, der Tod hat ihn davon befreit. In der Blüte seiner Jahre, im Vollbesitze geistiger Kraft ist Spinoza, 44 Jahre alt,- gestorben. Nur einer feiner Freunde stand an seinem Sterbebett. Freudenthal schließt seine Lebensdarstellung mit den Worten: „Wie jung er auch gestorben ist, die Aufgabe, die das Schicksal ihm gestellt. hatte, war gelöst, als er von der Erde schied; denn die Hauptwerke seines Lebens waren geschrieben." Nachdem der Biograph den Helden in seiner Entwicklung von der Wiege bis zum Grabe begleitet hat, versucht er es noch einmal, die hervorstechendsten Züge seines Wesens zu' einen: Gesamtbilde von glänzendster Charakteristik zusammenzufassen. Jeder Auszug wäre hier verfehlt. Man muß dieses Kapitel im ganzen lesen, um zu würdigen, welch ein großes Verdienst sich Freudenthal um die Lebensgeschichte Spinozas dadurch erworben hat, daß er diese von Fabeln und Mythen, von Lügen und Verleumdungen, von einseitiger Bewunderung und glühendem Haß gereinigt und mit vornehmer Objektivität dargestellt hat. Er wird seinem eigenen Lebenswerk die Krone aufsetzen, wenn er uns nun trt einen: zweiten Bande auch das System Spinozas ausführlich darlegen wird. Denn Freudenthal ist sicher nicht der Meinung, die ein anderer Biograph Spinozas kurz und klar darin zusammengefaßt hat, daß das System Spinozas „bei vortrefflichen Einzelheiten auf psychologischem und ethischem Gebiete nunmehr ein bloß sachliches Interesse habe". O nein, Spinoza war mehr als ein Heros der Gedankenfreiheit, wie jetzt vielfach gesagt wird. Seine Werke werden dauern, „so lange Menschen sich bemühen, für die Rätsel des Daseins eine Lösung zu finden, und in dem Gedenken der Vorzeit Anregung zu eigenem Denken suchen." Und es bleibt eine Ehre für das jüdische Geistesleben, daß Spinoza aus demselben hervorgegangen, aus ihm so wichtige Anregungen hat schöpfen können, wie weit ab auch von den Wegen dieses Kulturlebens die großen Resultate seiner philosophischen Weltanschauung liegen mögen. G. K. „Glaube und Liebe". Novelle von Clara Baumbach. II. man schon an dem Brunnen Gelegenheit fand, die Eleganz mancher weit hergereisten Schönheit zu bewundern, so mußte man hier bei der Reunion in Zweifel sein, welcher der mit auserlesenem Geschmack, teils in verschwenderischer Pracht gekleideten Schönen man die Palme zuerteilen sollte. - Blonde Aristokratinnen, feurige Ungarinnen oder Polinnen, die man des, dunklen Haares und der ausdrucksvollen Augen wegen alle für Jüdinnen halten wollte und als Gegensatz zu diesen kühle, reservierte Engländerinnen oder blasierte Amerikanerinnen. Der Stil der Kleidung war, wenn auch der heutigen Mode entsprechend, doch meistens der Persönlichkeit und Nationalität ihrer Trägerin angepaßt. Wie dies bei einer so bunt zusainmengewürfelten Gesellschaft, die sich aus aller Herren Ländern zusammengefunden, nur natürlich war, hatten sich mehrere Zirkel und Cliquen gebildet, die nur untereinander mit ihresgleichen tanzten und sich unterhielten und diese einzelnen kleinen Kreise umgaben sich mit einer zwar unsichtbaren, aber trotzdem bemerkbaren Mauer, die nicht durchbrochen wurde. Gräfin Redwitz mit Tochter hatten schon der vorigen Neunion, vor Ankunft der

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