Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228603--60820-3274609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
247 Widerspenstigen durch Androhung des großen Bannes zur Umkehr zu bewegen, aber auch das schreckte Spinoza nicht. Und so wurde denn am 27. Juli 1656 in der Synagoge der große Bann über Spinoza ausgesprochen. Mit Recht wirst. Freudenthal die Frage nach dein sittlichen Wert der Gemeinschaft auf, die einen der edelsten Menschen, der je aus ihr hervorgegangen, so von sich gestoßen habe. Die früheren Biographen gaben sich mit dieser Frage nicht viel ab. Es gehörte ja zum dramatischen Aufbau der Lebenstragödie: Bestechung, Meuchelmord, Anathema und Verbannung auseinander folgen zu lassen, um die jüdische Gemeinde zu Amsterdam im schwärzesten Lichte darzustellen. Mit der Objektivität, die ihn nie verläßt. Prüft Freudenthal die einzelnen Vorwürfe, um schließlich zu der Ueberzeugung zu kommen, daß inan nach reiflicher Ueberlegung doch über die Sache milder urteilen und nicht nach den Gesinnungen der Gegenwart, sondern nach den Anschauungen jenes Zeitalters urteilen müsse. Auch Bert hold Auerbach erklärte freimütig, nachdem er Amsterdam und das jüdische Leben jener Zeit genauer kennen gelernt hatte: Er würde jetzt seinen Roman anders schreiben und die Handlungsweise des Amsterdamer Rabbinats psychologisch erklärlich darstellen. Der Geist religiöser Duldung war eben jener Zeit noch fremd. In Spanien wurden viele Tausende wegen ihres Glaubens verbrannt, in den protestantischen Ländern forderte der Hexenwahn noch seine blutigen Opfer; in den Niederlanden war inan zwar etwas duldsamer, aber auch dort wurden Ketzer oft mit harten Strafen belegt. Selbst die Mennouiten, denen ja Spinoza seine Sympathie zuwandte, unterschieden sich hier nur wenig von bcu anderen Bekenntnissen, und sehr treffend zitiert Freudenthal das Wort eines Begründers der Sekte, der den Bann das „Kleinod der Kirche, ohne den eine Gemeinde, wie eine Stadt ohne Mauern und Tore sei", genannt habe. Da ist es denn nicht zu verwundern, daß auch die jüdische Gemeinde zu Amsterdaur durch gleiche Mittel den Abfall in ihrer Mitte zu unterdrücken suchte. Es kam noch dazu, daß die meisten Mitglieder der Gemeinde aus dem Kreise jener Marannen stammte, die aus ihrem alten Vaterlande geflohen waren, um in einem duldsameren Lande ihre Religion urugehindert ausüben zu dürfen. So wollten sie denn wenigstens diese ihnen so teuer gewordene Religion, für die sie ihr Leben eingesetzt, festhalten für sich und ihre Kinder, die Erben ihrer Zukunft. Auf Spinoza selbst übte der Bann keine Wirkung, und auch als man ihn beim Magistrat verklagte und seine Entfernung aus der Stadt forderte, ja sogar auf einige Zeit durchsetzte, blieb er der gleiche. Er begab sich nun nach dem etwa eine deutsche Meile entfernten Dörfchen Ouwerkerk; doch scheint er dort nur einige Monate zügebracht zu haben und bald nach Amsterdaur zurückgekehrt zu sein. Die folgenden Jahre seines Lebens sind in tiefes Drrnkel gehüllt, das auch der neueste Biograph nicht zu lichten vermochte, denn er. selbst gesteht: „Keine Urkunde und keine Mitteilung der Biographen oder anderer Zeugen gibt uns Kunde von äußeren Begebenheiten dieser Zeit, die auf Spinozas Leben einwirkten, und von seinem Seelenleben, wie es sich nach den voraufgegangenen tiefen Erschütterungen entwickelt hat." Nur einige spätere Aeußerungen Spinozas selbst verbreiten einiges Licht über diese Zeit heißer Seelenkämpse, rnannigfacher Irrungen und Trübungen. Das Ziel seines Lebens steht ihm aber doch fest vor den: geistigen Auge. Er sieht zugleich die Notwendigkeit vor sich, die Mittel für seinen Unterhalt zu erwerben. Dank seiner vorzüglichen Kenntnisse in der Physik und Mathematik brachte es Spinoza in einem Handwerk, das damals von gelehrten Männern nicht selten betrieben wurde, bald zu großer Vollkommenheit. Er erlernte nämlich das Schleifen optischer Gläser für Brillen, Mikroskope und Teleskope. Schnell erwarb er sich den Ruf eines ausgezeichneten Optikers, und seine Gläser wurden sehr gekauft. Bei seinen bescheidenen Ansprüchen an das Leben, bei seiner Mäßigkeit und Bedürfnislosigkeit konnte er von dem Ertrage seiner Arbeit zur Not leben; aber seiner Gesundheit war sie nicht eben förderlich. Er hatte wahrscheinlich von seiner frühverstorbenen Mutter die Anlage zur Schwindsucht geerbt, und der seine, während der Arbeit unaufhörlich eingeatmete Glasstaub hatte dann Wohl den Keim zu der schrecklichen Krankheit, die seinen vorzeitigen Tod herbeiführte, zur Reife gebracht. Treffliche, kenntnisreiche und wissensdurstige Männer schlossen sich damals Spinoza an. Einige von ihnen wurden ihm treue Freunde, andere sind auch als Schriftsteller hervorgetreten und haben insbesondere seine religiösen Ideen verbreitet. Sie bildeten die einzige Verbindung zwischen ihm und der Außenwelt; sie besorgten den Druck seiner Schriften und den Verkauf seiner Gläser. Zu Anfang des Jahres 1660 nahm Spinoza seinen Aufenthalt in Rijnsburg, in einem sauberen Dorfe, wo er abgeschieden von der Außenwelt einzig und allein seinen Studien leben wollte. Drei Jahre brachte er dort unter armen Handwerkern und Bauern zu, und eine fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit hat er wahrend dieser drei Jahre entfaltet. In dieser Zeit schlossen sich einige seiner Freunde zu einer festen Vereinigung zusammen. Doch ist darüber nichts sicheres zu ermitteln. Neue Freunde traten hinzu, vor allem Heinrich Oldenburg, der auf Spinozas Leben einen tieferen Einfluß ausgeübt hat. Im April 1663 verließ Spinoza wieder Rijnsburg und zog nach Voorburg. Die zudringlichen Besucher vertrieben ihn auch wieder von dort, denn er hatte auch da nicht die Ruhe gefunden, nach der er sich so heiß sehnte. Mehr als sechs Jahre lebte er nun in Voorburg in dem Hause des Malers Tydemann. Aber auch dort fehlte es nicht an Besuchern. Mit philosophischer Geduld ertrug jedoch Spinoza alle Belästigungen von Fremden und Freunden. Sind es doch gerade die besten Männer Hollands, die es in dieser Zeit zu ihm zog. Diplomaten, Naturforscher, Philologen, Handelsherren, an ihrer Spitze der mächtige Staatsmann, der 20 Jahre lang die Politik seines Landes geleitet hat, Jan de Witt, der Spinoza bis zu seinem Tode treu blieb. Aber auch an Feinden fehlte es ihm nicht. Komisch genug trat diese Feindschaft zuerst bei der Pfarrerwahl im Dorfe 1665 hervor. Sein Hausherr hatte einen freisinnigen Kandidaten vorgeschlagen, und die Gegner bezeichnten seine Eingabe als „das Machwerk eines gewissest Spinoza aus Amsterdam, der von jüdischen Eltern geboren, ein Atheist, Religionsspötter und schädliches Werkzeug in dieser Republik ist, wie viele gelehrte Männer und Prediger bezeugen können." In Voorburg sind die beiden Schriften entstanden, die vor allem Spinozas Namen berühmt gemacht haben: „Die Ethik" und der „Theologisch-politische Traktat". Mit Recht weist Freudenthal die Ansicht eines neueren Forschers zurück, daß das angeblich durch Theologen herbeigeführte traurige Geschick des Philosophen Geulincx Spinoza zu dem Kampfe gegen die Theologen seiner Zeit geführt hat. Hier waren ganz andere und wichtigere Gründe ausschlaggebend. Der Kampf zwischen Staat und Kirche, der die Völker Europas im Mittelalter aufs tiefste erregt hat, ist auch den Niederlanden nicht erspart geblieben, die doch eine gewisse Freiheit des Glaubens von jeher betätigten. Gerade in der schlimmsten Zeit des Kampfes mehrten sich die Versuche der Orthodoxie, diese Freiheit immer mehr zu beschränken. In dieser Zeit entstand in Spinozas Geist der Plan zu einem- „Theologisch-