Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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dieser Schule zu verdanken hat, wie sie sein Denken und Wissen entwickelt und bereichert hat, und endlich führt uns der Autor in die jüdische Familie und zeigt uns, was Spinoza als besten Teil von seinen damaligen Glaubens- und Stammesgenossen empfangen hat. Die Ideen, die dort heimisch waren und die das Unglück in den Gemütern gefestigt hatte, erscheinen als der nie ganz ausgegebene Untergrund der Anschauungen Spinozas. Er hat aber nicht, um Theologie zu studieren, jene Schule besucht, wie man lange glauben mochte, und seine Lehrjahre waren mit der Schulzeit nicht zu Ende. Allein die Frage, ob Spinoza auch nach Beendigung der Schulzeit sich wissenschaftlicher Tätigkeit gewidmet habe, ohne den Sinn auf einen bestimmten Lebensberuf zu richten, hat auch Freudenthäl nicht beantworten können. Er nimmt es aber als wahrscheinlich an, daß er, da er für den Kaufmannsstand Nicht geeignet war, doch für den Beruf eines jüdischen Theologen bestimmt wurde und sich dafür einige Jahre vorbereitet hat. Sein Wissen auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie ist ein umfassendes. Er hat wohl in jenen Jahren die Bibel, den Talmud, die exegetische und religionsphilosophische Literatur des jüdischen Mittelalters eifrig studiert und hier die ersten Antworten aus Fragen gesunden, die ihn während seines ganzen Lebens beschäftigt haben. Freudenthäl führt den Nachweis im einzelnen sehr genau, wie Spinoza in jenen Werken zuerst Aufschluß gesunden über die Formen und Gesetze des Denkens, über die Natur des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele und das Wesen der Gottheit, über das Verhältnis Gottes zur Welt, Offenbarung und Prophetie, endlich über die Ziele menschlichen Handelns, über die Prinzipien der Sittlichkeit, wie tief also das Judentum auf ihn eingewirkt habe. Von der Religionsphilosophie kam er sicher auch zur Kabbala, die ihm aber nur wenig bieten konnte und die er entschieden mißbilligte. Danebengab ihm ein deutscher Student und später der Exjesuit Franziskus van den Endens gründlichen Unterricht im Lateinischen. ' Mit der Kenntnis des Lateinischen hatte sich Spinoza den Weg zu den anderen Wissenschaften gebahnt, und er säumte nicht, sich auch diese anzueignen. Er studierte Mathematik, Physik, Mechanik, Astronomie. Chemie, später sogar Medizin und endlich die philosophischen Systeme der griechischen Denker und der Scholastiker. Die Einwirkung, welche die Philosophie von Descartes auf Spinoza geübt, wird von Freudenthal mit besonderem Nachdruck behandelt. Am Ende der fünfziger Jahre des Jahrhunderts ist seine Bildung im wesentlichen vollendet. In dieser Zeit hat er auch seine Schrift, den kurzen Traktat, verfaßt. Die Darlegung von Spinozas Studiengang ist mit das glänzendste Kapitel in der Biographie Freudenthals, obwohl sich gerade dieses doch nur aus bta dürftigsten Quellen stützen konnte. Auch das vierte Kapitel, welches seine Ablösung vom Judentum schildert, ist ohne jede Voreingenommenheit und mit einer lobenswerten Objektivität geschrieben. Die einzelnen Phasen seiner Entwicklung sind leider zugleich die seiner Ablösung von: Judentum. Seine biblischen Studien haben Spinoza zuerst in den Konflikt zwischen Glauben und Wissen gestürzt. Bedenken schwerwiegender Art schlossen sich an, die ihn der Theologie entfremdeten und den unvermeidlichen Bruch mit der Religion seines Volkes herbeiführten. Auch das Zeremonialgesetz des Judentums betrachtete er als unverbindlich. Dies erschien natürlich seinen Glaubensgenossen nach ihrem damaligen Bildungsgang als das schwerste Vergehen.- Ob er sich völlig aus eigener Kraft von den Fesseln des Ueberlieferten befreite, oder ob er hierzu von anderen angeregt wurde, ist nicht bekannt. In jener Zeit waren in der Amsterdamer Judengemeinde schon viele Ketzer und Abtrünnige. Von Josef del Medigo erzählt Freudenthal ausführlicher. Er weist auch nach, daß Spinoza die Ansichten dieses Mannes gekannt habe. Ob er auch die Schriften Uriel d'Acostas gelesen hat, ist ungewiß, aber seine Ansichten wird er wohl ebenfalls gekannt haben, und sein Schicksal hat jedenfalls einen tiefen Eindruck aus Spinoza gemacht. Aber so lange der Vater lebte, scheute er noch einen offenen Bruch mit dem Judentum. Selbst längere Zeit nach dem Tode des Vaters betrachtete er sich noch als Mitglied der jüdischen Gemeinde und besuchte hin und wieder die Synagoge. Erst als das Trauerjahr zu Ende war, trat er mit seinen Ansichten offener hervor. Es wird erzählt, daß zwei junge Leute, die sich seine besten Freunde nannten, unter dein Vorgeben, sich von ihm über ethische Religionsfragen belehren zu lassen, ihn'ausgeforscht Hütten. Anfangs habe er ihnen ausweichend geantwortet, dann aber doch Aeußerungen getan, die einen deutlichen Zweifel an den herrschenden Anschauungen erkennen ließen. Aber dies hätte seine Glaubensgenossen noch nicht gegen ihn aufgebracht, wenn er sich nicht ganz von ihren: Umgang zurückgezogen hätte. Die Häupter der Gemeinde fürchteten einen nachteiligen Einfluß Spinozas auf die Jugend und auch auf die Gemeinde. Es ist nachgewiesen, daß er, anstatt dem jüdischen Gottesdienst beizuwohnen, anden Religionsübungen christlicher Gemeinden teilnahm. Es gab damals in Holland viele christliche Sekten. Spinoza schloß sich namentlich den Mennoniten und Kollegianten an, die eine freiere Auffassung der christlichen Glaubenslehre gestatteten. Je größer die Hoffnungen waren, die die jüdische Gemeinde auf ihn gesetzt hatte, desto tiefer war die Erbitterung, die sich ihrer bemächtigte, als sie befürchten mußte, daß aus dein Manne, von dem sie glaubte, er sollte eine Säule des Judentums werden, ein Zerstörer desselben hervorgehen würde. Dennoch bot sie alles auf, um ein öffentliches Aergernis zu vermeiden. Man wollte die schlimmen und aufsehenerregenden Ereignisse, die der AbfallUrielAcostas hervorgerufen, nicht wiederhole::. Man ging deshalb so weit, ihm einen lebenslänglichen Gehalt. von eintausend Dukaten anzutragen gegen die Verpflichtung, sich wenigstens äußerlich noch zum Judentum zu bekennen, die Synagoge auch fernerhin zu besuchen und die öffentliche Verletzung des Gesetzes zu unterlassen. Spinoza wies das Anerbieten zurück, denn er suchte nicht Geld, sondern Wahrheit. Man ging mit Mahnungen und Drohungen gegen ihn vor. Das Attentat allerdings, von den: alle früheren Biographen wie von einer festen Tatsache berichten, scheint Freudenthal nicht ganz ernst zu nehinen. Und mit Recht! Denn die Berichterstatter sind nicht zuverlässig. Einer derselben will nämlich von Spinozas Hausgenossen gehört haben, daß ein Angriff auf ihn geinacht worden, daß aber nur sein Rock getroffen und durchbohrt worden sei, den er dann zun: Andenken an die ruchlose Tat aufbewahrt habe. Die Geschichte ist sehr unwahrscheinlich; sie wird aber doch als das gewaltsame Beginnen eines „jüdische:: Fanatikers" und als Sympton der Aufregung m der Gemeindegenossenschaft immer und immer iviederholt. Auch schwere Konflikte mit den Verwandter: hatte Spinoza in jener Zeit zu bestehen. Bei der Erbschaftsteilung kan: es zu einen: Kampf in der Familie, da beide Schwestern alles aUfgeboten haben sollen, ihn: seinen Anteil an den: väterlichen Erbe vorzue'nthalten. Spinoza aber bestand aus seinem Recht; erst als ihm dies von den Gerichten ungeschmälert zuerkannt worden, verzichtete er selbst zu Gunsten der Schwestern darauf und begnügte sich mit einigem Hausrat, den er gern als Andenken besitzen wollte. Nachdem alle Versuche, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen, vergeblich waren, entschloß sich das Rabbinat, den