Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 unsere Jugend beiderlei Geschlechts, wie sie in Hellen Schuren in das Lager der Andersgläubigen übergeht, wie sie sich nicht genug tun kann in allen sezessionistischen Unarten und vom Buddhismus mehr weiß als vom Judentum. Wenn heute ein Prediger mit Feuereifer seine Zuhörerschaft über Inhalt und Geschichte des Judentums belehrt, dann findet man seine Rede langweilig, dann sagt man — es ist dies eine sehr beliebte Kritik geworden — das habe man schon gehört: Redensarten, Floskeln sind das Zuckerbrod, das man wünscht, weiße Büffchen, zierliche Manschetten, sie machen den Redner. Gegen dieses Ghukkat ha Goi möchten wir energische Einsprache erheben. Gut, legen wir auf die Form Gewicht, aber die Form darf den Inhalt nicht töten. Und nochmals, in religiösen Dingen sollten wirklich nur Berufene das Recht mitzusprechen haben. Wie kommt irgend ein Mann, der zufällig ein Amt in der Gemeinde bekleidet, dazu, über Angelegenheiten des Gottesdienstes und gottesdienstlicher Einrichtungen ein entscheidendes Urteil zu fällen? Hat ihm wirklich der Herrgott zu seinem Amte auch den Verstand gegeben? Er beweise es erst. Nichts kann dem Judentum so schaden, wie sinnlose Herübernahme fremder, ihm ganz fernstehender Bräuche. Geben wir unseren alten Bräuchen eine gefälligere Form, aber verdrängen wir sie nicht durch unjüdische Institutionen. Das ist es, was uns das obenerwähnte Wort so bedeutungsvoll macht. Iwri. Line mm Biographie Spinors. as Leben Spinozas ist in den letzten Jahren Gegenstand eifriger Bearbeitung geworden. Es war dies auch durchaus notwendig. Wenn es sicher unbegreiflich erscheinen mag, daß über einen Mann von Spinozas Bedeutung, der im siebzehnten Jahrhundert lebte, heute so wenig Zuverlässiges bekannt ist, so muß man doch nun einnml mit der unabwendbaren Tatsache rechnen, daß die Quellen, aus denen wir die Kunde von seinen Erlebnissen schöpfen können, nur sehr spärlich fließen. Es ist kaum anzunehmen, daß noch einmal neue Quellen ausgedeckt werden, die mehr und Interessantes bieten. Biographien Spinozas haben wir ja eine ganze Anzahl, aber eine treue Lebensgeschichte des großen Denkers von Amsterdam haben wir bisher nicht besessen. Wir danken sie erst einem Manne, der sich das Studium der Lebensgeschichte und des philosophischen Systems von Spinoza, man kann wohl sagen, fast zur Lebensaufgabe gemacht hat. nämlich Herrn Professor I. Freudenthal!) in Breslau. Ausgehend von der Ueberzeugung, daß alle bisherigen Lebensbeschreibungen Spinozas noch nicht genügende Kunde geben und das Quellenmaterial nicht kritisch gesichtet war, hat Freudenthal seine Untersuchungen zunächst an Ort und Stelle begonnen. Er hat in den Bibliotheken und Archiven Hollands wichtige Schriften und Urkunden studieren können, die allen Vorgängern entweder unbekannt oder von ihnen unbenützt geblieben waren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen hat er in einem Quellenwerk im Jahre 1899 veröffentlicht. Dort wurde das urkundliche Material ergänzt, die Quellenschriften wurden kritisch erforscht, einige schwer zugängliche neu veröffentlicht und viele wichtige Notizen gesammelt. Nun erst konnte Freudenthal es wagen, dem eigentlichen Ziele feiner h „Spinoza. Sein Leben und seine Lehre." Erster Band: Das Leben Spinozas. Von I. Freudenthal, Professor an der Universität in Breslasr. Stuttgart, Fr. Frommans Verlag, 1904. langjährigen Kärrnerarbeit näher 31t gehen und zunächst eine Darstellung des Lebens Spinozas zu unternehmen, die nun in einem stattlichen Bande vorliegt. Eine unbefangene Prüfung dieser Arbeit muß zu dem Ergebnis gelangen, daß hier nicht eine, sondern die Biographie Spinozas vorliegt. Alle bisherigen Arbeiten auf diesem Gebiete treten in den Hintergrund gegenüber dem Werke Freudenthals, das fortan die grundlegende Quelle für die Kenntnis ' der Lebensverhältnisse des großen Philosophen bildet. Freudenthal war für eine solche Arbeit besonders befähigt. Er ist ein feiner Kenner der Geschichte und Religionsphilosophie der Juden in Spanien. Die Kenntnis dieser Verhältnisse ging so ziemlich allen bisherigen Biographen ab, und darum mischte sich in ihre Arbeiten viel unwahres und ungenügendes; außerdem ist er ein philosophischer Forscher von besonnenem Urteil, von großer Klarheit der Anschauung, endlich aber auch ein Schriftsteller, der es versteht, in lichtvoller und gewandter Darstellung auch scheinbar fernab liegende Themata einen: jeden Leser annehmbar und angenehm zu gestalten. So ist seine Arbeit eines jener Meisterwerke der modernen philosophischen Literatur geworden, die uns zeigen, daß es nicht unmöglich sei, wie Kuno Fischer in seiner „Diotima" sagt, „philosophisch auf die Geister zu wirken, ohne sie zu schulen, und daß man sie von dem Höchsten unterhalten könne, ohne sie bloß damit zu vergnügen." - Eine kurze Analyse wird darum sicher auch für weitere Kreise von Interesse sei. Schon das erste Kapitel, welches die Zustände der Juden in Spanien und in den Niederlanden schildert, beruht auf wissenschaftlichen Forschungen, die so ziemlich allen Vorgängern unbekannt geblieben waren. Von der Entwicklung der jüdischen Neligionsphilosophie in Spanien hatten sie keine Ahnung, während Freudenthal bis zu den Originalquellen vorgegangen ist. Auch die Geschichte der Marannen war ihnen fremd, und ebenso die damalige Lage der Juden in Holland, wo Milde und Strenge, Duldung und Unduldsamkeit beständig miteinander äbwechselten. Wir lernen hier erst genau den Boden kennen, dem Spinoza entsprossen ist. Dann führt uns Freudenthal in das Ghetto im Süden Amsterdams, wo Baruch d'EsPinoza am 24. November 1632 geboren und die ersten vierundzwanzig Jahre seines Lebens zugebracht hat. Ueber die Eltern wissen wir nur wenig, etwas.mehr über die Familie, die bei den Marannen Amsterdams in hohem Ansehen stand. In jedem Falle dürfen wir annehmen, daß sie streng religiös waren. Der Vater des Philosophen, Michael, wurde oft mit.den Ehrenämtern betraut, welche die jüdische Gemeinde zu vergeben hatte. Michael d'Espinoza war also sicherlich ein Mann von Rechtschaffenheit, Klugheit und Frömmigkeit, aber bei aller Gottesfurcht war er doch ein Feind der Frönunelei, und seinen Haß gegen Heuchelei und Scheinheiligkeit hat er auch den Kindern einzuflößen gewußt. Kaum zehn Jahre alt, soll Spinoza eine alte Heuchlerin, die unter vielen frömmelnden Worten und Beteuerungen seinen Vater um zwei Dukaten betrügen wollte, entlarvt haben. Die Mutter Spinozas starb früh. So fehlte ihn: denn gerade in den Jahren der Entwicklung ihre Liebe und Fürsorge. Sobald es ging, wurde der Knabe in die berühmte Lehranstalt der Amsterdamer Gemeinde gebracht. Auch über dieses Institut erfahren wir zuerst von Freudenthal Authentisches. Die bisherigen Biographen faseln immer von einer „Rabbinerschule" und wissen auch über die Lehrer nur sehr weniges. Und dieses wenige ist meistens falsch. Erst durch Freudenthal werden uns die drei Männer vorgeführt, welche damals die Leiter jener Anstalt waren. Wir erfahren genau, was Spinoza