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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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—- 244 -' ‘ ' Wahlen gewagt haben, sich offen und unumwunden als solche zu bekennen. Judenfeindliche Proklamationen kamen nur sehr selten vor, und der Fall Dreyfus schien für die Judenfresser nicht mehr zu existieren. Die Republikaner sind sehr glücklich darüber, denn der Niedergang des Antisemitismus beweist, daß die französische Nation auf dem besten Wege ist, sich aus dem Stäube zu erheben. Der durch den Antisemitisnrus bekundete Tiefstand ist endgiltig überwunden und die im Jahre 1906 stattfindenden Neuwahlen zur Deputiertenkammer werden hoffentlich Reaktion und Antisemitismus vollends vernichten. * Der englische Premierminister Mr. Arthur JamesBalfour tritt in einem Schreiben der in England weitverbreiteten Ansicht - entgegen, die jetzt dem Unterhanse vorliegende Fremdenbill sei nichts weiter als eine Konzession an den auch dort in Zunahme begriffenen Antisemitismus und wäre ausschließlich gegen die Juden gerichtet. Das vom 9. d. M. datierte Schreiben lautet: „Hochgeehrter Herr! Ich glaube die in einem mir zugestellten Zeitungsausschnitt aufgestellte Behauptung, „England wird von der überall wütenden antisemitischen Epidemie ergriffen" als absolut unwahr hinstellen zu müssen. Die Fremdenbill ist dazu bestimmt, das Land nicht vor der Invasion der Juden, sondern der unerwünschten Einwanderer überhaupt, gleichviel welcher Konfession und Abstammung sie sind, zu schützen. Ich würde das Auftauchen des Antisemitismus in England als ein sehr ernstes nationales Unglück ansehen. Ich verbleibe rc. Niemand hat Veranlassung, Mr. -Balfour für einen Antisemiten anzusehen oder an der Ehrlichkeit seiner Worte zu zweifeln. Die Fremdenbill ist in der Tat keineswegs gegen die Juden „bestimmt". Nichtsdestoweniger wird das Gesetz mit seinem Führungsattest, dein verbotenen Rayon und der Stellung der Einwanderer unter Polizeiaufsicht unbedingt leider zumeist die Juden treffen. Lriek aus Neltrrrrich. Ende April. muß Ihnen, Herr Redakteur, wohl von mir nicht erst versichert werden, daß ich kein Orthodoxer bin. Aber manche Anschauungen unserer „Rechtgläubigen", wie sie sich selbst nennen, haben mir immer einen gewissen Respekt einzuflößen vermocht, so auch die, welche ,Okukkad-1ia-6oi" benamset ist. Sie verstehen mich wohl. Auch ich perhorresziere nicht manche Neueinführung in unserem religiösen Leben, nur aus dem Grunde, weil sie sich bei den Andersgläubigen findet. Aber, was mir wirklich lächerlich erscheint, das ist die oberflächliche, leere Nachahmung fremder Bräuche, die als ganz unjüdisch bezeichnet werden müssen, das Streben, dem alten Judentum ein neues Antlitz zu verleihen, und das Ehrwürdige in ihm durch äußerliche, fremdartige Formen zu ersetzen. Ich hätte z. B. nichts dagegen, wenn man ein. „Chukkat-ha-Goi“ in unseren Synagogen einführte, nämlich die Ruhe während des Gottesdienstes, besonders wenn gepredigt wird. Kein Orthodoxer wird sich gegen diese Neueinführung sträuben. Unsere Vorfahren, sie waren ja auch während des Gebetes etwas unruhig. Aber diese Unruhe entstammte einer eigentümlichen Auffassung der Andacht. Sie drängten und bestürmten die Gottheit, sie schrieen, weinten und jammerten. Das ist heute anders geworden. Man kritisiert, disputiert, politisiert und diskutiert, während man beten und aufmerksam zuhören sollte. Und die Herren mit den frisch geplätteten Zylindern, und die Damen mit Hüten von staunenerregenden Dimensionen tun dies am meisten. Führt also den nichtjüdischen Brauch ein, ruhig zu sein bei allen frommen Handlungen, und wer es nicht fein will,' der gehe in sein Kaffeehaus oder auf die Promenade — der Gottesdienst aber bedarf der Rühe und Andacht. Nun aber möchte man gewisse fremde Einrichtungen bei religiösen Funktionen, z. B. bei Trauungen und Leichenbegängnissen eingeführt wissen. Wir sind der An- ' schauung, daß diese Funktionen würdig abgehalten und dnrchgeführt werden müssen. Vor allem muß bei ihnen vollkommene Ordnung herrschen. Aber nun kommen wir zu einem wunden Punkte: muß von dem Prediger wirklich bei jeder derartigen Funktion gesprochen werden? Was soll man reden, wenn Herr Krethi oder Frau Ploni-Almoni in die Ewigkeit eingegangen sind, oder wenn der Herr Bräutigam Plethi das Fräulein Braut Penina zum Altäre führt? Herr Krethi hat zum Exempel im Leben nichts getan, als daß er — selbstverständlich — geboren wurde, selbst einer Zahl von Kindern das Leben schenkte, für diese in ausgiebiger Weise sorgte, indem er das angeheiratete Gut seiner liebevollen Gattin, sagen wir aus eine Million vermehrte, und nun seinen Kindern die Banknoten hinterlassen hat, damit sie diese so rasch als möglich in Theatern, mit schönen Frauen, in Seebädern oder im edlen Turf ver—putzen. Wie erhebend wirkt es, eine Trauungsrede zu Hörem Da steht der Rabbiner, spricht von Liebe und Treue, und im Auditorium kichert es leise, manchmal auch laut, denn das unbarmherzige Auditorium weiß, Herr Plethi hätte Fräulein Penina nicht geheiratet, wenn sie nicht aus eine stattliche Anzahl von Mark oder Kronen, von Talern oder Gulden als ihr Eigen Hinweisen könnte. — Man mißverstehe uns wieder nicht. Rede, wem die Gabe der Rede gegeben wurde, aber man rede auch nur dort, wo wirklich etwas zu sagen ist. Da waren sie nach meiner Ansicht doch konsequenter, unsere oft verlästerten Altvorderen. Eine Grabrede, einen Nekrolog (Hesped) hielt man nur über würdige, meist gelehrte Männer, heute redet man über jedermann — für den gezahlt wird. Wir verstehen auch diesen Standpunkt. Aber, wenn über jeden eine Leichenrede gehalten werden muß, der geboren wurde, Kinder zeugte, Geld, viel Geld verdiente, dann , starb, nachdem er für des Leibes Wohl ausgiebig besorgt gewesen, darf man sich nicht wundern, wenn Allgemeinheiten, ja oft Plattheiten gesagt werden. Und erst die Trauungsreden! Der Bräutigam steht unter dem Trauhimmel im Frack und Cylinder und tadellosen Lackschuhen (in Wien sagt man: Frack, Claque, Lack), die Braut fühlt sich ob des nach der neuesten Mode angefertigten Brautkleides bewundert und beneidet von ihren Freundinnen, die sie auch wegen der Mitgift und des „aufgedrehten" schönen Schnurrbartes ihres Bräutigams mit scheelen Augen betrachten, und der im Pastorentalar steckende Rabbi spricht von Gottesfurcht, von Religion, Liebe und Treue, von allem, was das Menschenherz bewegt, vor Leuten, die oft zum erstenmal die Synagoge betrachten, und denen der Theater- und Konzertsaal viel vertrautere Räume sein werden als das Familien- — oder gar das Gotteshaus. Eine große Lüge geht durch unser religiöses Leben und macht selbst am Traualtar, selbst an der Bahre nicht halt. Das ist es, was ich als „Gigerljudentum" bezeichnen möchte. Mit solchen schönen Funktionen rettet man das Judentum nicht. Mehr Innigkeit wünschen wir und weniger Aeußerlichkeiten. Wie hat man es durch derartig aufgeputzte Kasualien verhindert, daß dem Abfälle vom Judentum Einhalt geboten wurde? Betrachtet doch, Ihr Vertreter des Judentums, die Ihr leeren Formen das Wort redetbetrachtet

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