Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1904)
- Date
- 1904-05-20
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 loefcitb waren. Abgesehen von dem literarischen Kommis der Katto-! witzer Judenschaft (Redakteur des „Oberschles. Tagebl.") tat sich der! jüdische Handelsmann Grünpeter als Gratulant hervor. Uebrigens hätte doch Herr Wiener bei seinen Glaubensgenossen Nachfragen - sollen, insbesondere auch beim Besitzer des Cafe Monopol, um den! wahren Sachverhalt zu erfahren. Ganz entschieden muß aber der „Politiker" Korfanth als Zeuge abgelehnt werden. Was von seinen Aussagen zu halten ist, hat erst neuerdings Dr. Voltz im Abgeord-; netenhause zur Genüge dargelegt. Man verschone uns also mit solchen Zeugnissen. Wir lassen gern Korfanth den Juden und umgekehrt zur weiteren Anvetterung. Skowronek, Pfarrer." Herr Stadtrat Wiener gibt nun in dem folgenden Schreiben an uns, das nicht nur wegen des. Herrn Pfarrers Skowronek, sondern noch viel mehr wegen der darin ausführlich darge- : legten Wahltaktik der Juden.Oberschlesiens für weitere Kreise j von Wert und. Interesse ist, eine genaue und sachgemäße! Aufklärung:! Die Antwort auf die zweite Einsendung des Herrn Pfarrers ' Skowronek in der „Bossischen Zeitung" ergibt ein Vergleich mit seiner ersten Mitteilung ohne weiteres von selbst. Herr Skowronek hatte zuerst behauptet, „daß die Kattowitzer Judenschast dem polnischen Reichstagsabgeordneten Korfanth zu seiner; Wahl im Hotel Monopol gratuliert und einen Blumenstrauß überreicht habe." i Die Bezeichnung „Kattowitzer Judenschaft" aus dem antisemitischen j . Jargon in die deutsche Sprache übertragen, dürfte etwa dem Ausdruck! jüdische Gemeinde in Kattowitz, oder jüdische Bevölkerung der Stadt! Kattowitz entsprechen.! Die Behauptung des Herrn Skowronek erschien daher so un-! gehenerlich, daß ihr entschieden entgegengetreten werden mußte.; Daß hingegen der eine oder der andere unter den hiesigen! jüdischen Kaufleuten, welcher mit Herrn Korfanth in Geschäftsj Verbindung steht, oder einer von seinen ehemaligen, jüdischen Schul-! kameraden ihm bei einer'Begegnung zu seinem persönlichen Erfolge! gratuliert hat, erscheint nicht auffällig, oder der Erwähnung wert.! Es kann daher ohne besondere Beschämung zugegeben werden, I daß der Kaufmann Grünpeter, welcher Wäschelieferant des Redakteurs : Korfanth gewesen ist, ihm am Abend der Stichwahl im Cafe Monopol! gratulierend die Hand gedrückt hat. ' i Damit ist aber das Beweismaterial des Herrn Skowronek erschöpft. Der Blumenstrauß scheint nur in seiner Phantasie zu wurzeln, denn er ist jetzt ganz unter den Tisch gefallen. Es gehört aber große Kühnheit dazu, einen unverkennbaren Rückj zug durch eine gewaltige Kanonade zu maskieren, indem Herr Skowronek schreibt: „Da schlägts 13. Man will in Kattowitz das j Blaue vom Himmel herunterlügen rc." Mit Rücksicht auf den redaktionellen Zusatz der „Bossischen Zeitung" i erscheint es angebracht, die vorjährige Reichstagswahl in unseren:; Wahlkreise mit einigen Worten zu beleuchten. Es waren Kandidaten von vier politischen Parteien aufgestellt:! Für die Zentrumspartei, zu deren bisherigem Besitzstand der 1 Wahlkreis gehörte, kandidierte der langjährige Abgeordnete,' Herr * Amtsgerichtsrat Letocha, welcher in der Haupwahl 19992 Stimmen; erhielt. j Der freisinnige Kandidat Bürgermeister a. D. Schneider erhielt! 3033 Stimmen.! Außerdem kandidierte seitens der polnischen Partei der Redakteur! Korfanth und für die Sozialisten der Tischler Morawsky. In der Stichwahl erhielt Amtsgerichtsrat Letocha 22 875 Stimmen.! Sein Stimmenzuwachs gegenüber der Hauptwahl stammte wohl; ausnahmslos aus dem freisinnigen Lager. Der Wahlsieg der Polen hatte seinen Grund in dem Kartell mit; den Sozialisten und ferner in den Krawallen in Laurahütte, drei j Tage vor der Stichwahl, welche merkwürdiger Weise die Stimmung für die polnische Kandidatur verbesserten. Die jüdischen Wähler stimmten in der Hauptwahl zumeist für! den freisinnigen Kandidaten, und in der Stichwahl der Parteiparole! entsprechend, für den Zentrumskandidaten, dem, wie wir oben! gezeigt haben, nur wenig über 100 von den freisinnigen Stimmen! verloren gegangen sind.! Das lohale Verhalten der Freisinnigen in den: Wahlkreise verdient besondere Würdigung angesichts des Umstandes, daß vor der Hauptwahl aus der Zentrumspartei heraus ein sehr gehässiges Flugblatt gegen die deutsch-freisinnige Kandidatur verbreitet wurde. Den jüdischen Wählern wurde darin sogar ihre Angehörigkeit zu der freisinnigen Partei als Provokation der katholischen Bevölkerung angerechnet, welche zu Massakres ä la Kisch in ew Anlaß geben könnte, wie verblümt angedeutet wurde. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß ein derartiges Flugblatt viel böses Blut machte, doch zweifelte man in urteilsfähigen Kreisen nicht daran, daß sein Inhalt nicht den Intentionen der Zentrumspartei entspreche, und schließlich wurde es auch am Tage vor der Stichwahl von den: offiziellen Zentriunswahlkomitee ausdrücklich desavouiert. Die Wahlniederlage des Herrn Amtsgerichtsrat Letocha ist von den jüdischen Wählern recht bedauert worden, und auch die freisinnige Partei hätte, da nun einmal der Wahlsieg für einen Kandidaten ihrer Parteistellung nicht erreichbar, Niemandein lieber den Wahlersolg gegönnt als Herrn Letocha, da dieser, ein kenntnisreicher und verdienter Parlamentarier, noch aus der Windthorst'schen Schule her, von seinen Parteigenossen den Freisinnigen politisch noch am nächsten stand, wie dies Herr Eugen Richter selbst anerkannt hatte, und ferner, da er während seiner langjährigen, politischen Wirksamkeit den Ortschaften des Wahlkreises und den Eingesessenen schon vielfach Gefälligkeiten erwiesen hat und als Mann von humaner Denkungsart bei der Bevölkerung allgemein in hohen Ehren steht. Auch die Synagogengemeinde Kattowitz hat vor Jahren von der Verwendung des Herrn Abgeordneten Letocha in der Ministerialinstanz in ihrem Interesse. Gebrauch gemacht. Es war also in der jüdischen Bevölkerung das Bedauern darüber, daß Herr Letocha Herrn Korfanty in der Stichwahl unterlegen ist, allgemein, und darum hat das von Herrn Skowronek verbreitete Märchen von den: entgegengesetzten Verhalten „der Kattowitzer Judenschaft" uns sehr peinlich berührt. Ich glaube/ daß, wenn die Beanstandung des Korfanty'schen Mandats schließlich zu einer Neuwahl führen sollte, die jüdischen Wähler — trotz Herrn Skowronek — in der engeren Wahl, in ihrer überwältigenden Mehrheit für Herrn Letocha eintreten werden. Daß sie dies aber schon im ersten Wahlgange und in Gegnerschaft zu einer anfgestellten freisinnigen Kandidatur tun, das kann kein gerecht denkender Mann von ihnen erwarten. Hochachtungsvoll und ergebenst Salomon Wiener. * Selbst die „Libre Parole“, die doch den Mund stets so voll zu nehmen pflegt, gibt trauernd zu, daß die Nationalisten bei den eben vollzogenen französischen Munizipalwahlen eine schwere Niederlage erlitten haben. Nicht nur haben sie in Paris 10 Sitze verloren, sie mußten es sogar erleben, daß an ihrer Stelle vielfach — Juden gewählt wurden. So wurde u. a. in Paris Mr. Fribourg, ein sozialistischer Republikaner, mit großer Mehrheit gewählt. In manchen französischen Gemeinden wurden Juden selbst als Bürgermeister gewählt, so Mr. Guggenheim in Ehaumont. In Algier ist der Antisemitismus weiter zurückgegangen. Der famose Max Regis hat in der Hauptstadt selbst eine schwere Niederlage erlitten und in der Provinz haben die Republikaner überall triumphiert. In Constantine sind die Antisemiten so tief gesunken, daß sie bei den Juden um Stimmen betteln gingen. Sie versprachen ihnen alles mögliche, schmeichelten ihnen und bettelten so lange, bis diese sich betören ließen und ihre ehemaligen Schlächter selber wählten. Nur in Oran ist es den Nationalisten durch die unglaubliche Nachlässigkeit der Republikaner gelungen, sich in das Stadthaus einzuschleichen. Bei dieser Gelegenheit kam es zu großen Unruhen, in deren Verlauf ein Jude ermordet wurde. Es ist für den rapiden Rückgang des Antisemitismus in Frankreich bezeichnend, daß nur wenige Antisemiten es bei den jüngsten