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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 Orthodoxie für einen Lärm machen, wenn ein Prediger heutemit der Erklärung aufträte: „Nie .ließ sich die Gottheit auf Erden nieder und nie stiegen Moses und Elia in den Himmel; denn es heißt: „Die Himmel sind die Himmel des Ewigen und die Erde hat er den Menschen gegeben," So sprach "der berühmte Gesetzeslehrer Rabbi Jose in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Rabbi Akiba war anderer Ansicht, aber keiner von beiden verketzerte die Anschauung des andern. Und der größte jüdische Denker des Mittelalters sprach von der blitzartigen Erleuchtung, als welche die Offenbarung zu betrachten sei, während der größte jüdische Dichter des Mittelalters sie mit Bestimmtheit als eine Anlage bezeichnete, die in dem ganzen Volke lebendig war. Israel, sagt Jehuda Halevi, ist das religiöse Herz der Menschheit, das in seiner Gesamtheit die größere Empfänglichkeit für die Gottesidee stets bewahrte. Aber noch ein anderer und nicht weniger tiefer Gedanke geht im Lichte des Festes uns zu voller Klarheit auf: Der Begriff der fortschreitenden Entwicklung ist nicht im Widerspruch mit der Offenbarungsidee, wie man auf rationalistischer Seite immer angenommen hat. Jnr Gegenteil! Jene Lehre wird dadurch noch mehr gekräftigt. So zeigt uns ein Blick in die Geschichte, daß der grobe Götzendienst auf Erden immer mehr verschwindet, daß der Aberglaube immer mehr beseitigt wird, daß die Humanität unzählige Anstalten schafft, nur die sozialen Gegensätze immer mehr auszugleichen, daß Tyrannei und Willkür in der Gesellschaft, die Unterdrückung gewisser Klassen im Staate immer mehr der Erkenntnis des natürlichen Rechts weichen müssen. Sind das keine Entwickelungen des Gottesgedankens in der Menschheit? Sind das keine Resultate dieser Entwickelungen? Es gehört mehr als Kurzsichtigkeit, es gehört geistige Blindheit dazu, um das ableugnen zu wollen und wer nur einen Blick in die Geschichte wirft, muß mit gerechtem Erstaunen den Weg verfolgen von der Verkündigung der Offenbarungslehre bis zur allgemeinen Herrschaft derselben über die ganze Menschheit. Und wie dieser Weg einen allmählichen Fortschritt, eine allmähliche Entwicklung voraussetzt, so hat auch die Idee der Offenbarung eine Entwicklung durchgemacht, die nur der leugnen kann, für den eben die Geschichte nicht existiert. Nach dieser geistigen Auffassung feiern wir unser Wochenfest. Mag die philologische Kritik über die Entstehung und Entwicklung des Festes immerdar ihre Hypothesen aufstellen! Wir werden niemals einen Forscher zur Rechenschaft ziehen, der an den grundlegenden Ideen Kritik übt. Dazu sind wir nicht berufen. Wohl aber soll jeder von uns die Selbstkritik üben, ob er diese Idee sich zu eigen gemacht und die Gebote, die aus derselben hervorgehen, erfüllt hat. Eine solche Selbstkritik wäre ja gerade unserem Geschlecht nötig. Die Schauer der Ewigkeit wehen uns an, wenn wir in der Haftarah des Wochenfestes die Worte des Gebets, das der Prophet Habakuk gesprochen, anhören: „Ewiger, vernommen habe ich Deinen Ruf und ich erschrak. Ewiger, Dein Werk, im Laufe der Jahre beleb' es, im Laufe der Jahre tue es kund." Und den Gang Gottes durch die Weltgeschichte schauen wir dann im Bilde, das der Prophet mit wahrer Künstlerhand uns vorführt. Möchte doch der Eindruck dieser Prophetenrede auf die Gemeinde Israels der gleiche sein wie in den Tagen, da der Prophet gesprochen und da alles Volk mit ihm, erfüllt von Freude und Ergebenheit, ausrufen durfte: „Und doch will ich des Ewigen frohlocken, jubeln in dem Gotte meines Heils. Gott der Herr ist meine Kraft, gleich macht er meine Füße wie die der Hindinnen und läßt mich einherschreiten aus meinen Höhen." Dir Woche. Berlin, 17. Mai. . en Parteien der Rechten ist es in dieser Woche gelungen, das Abgeordnetenhaus mit einem Antrag förmlich zu — überraschen, der auch für uns von großer Wichtigkeit ist. . In der Sitzung vom 13. d. M. wurde ein Antrag des Abgeordneten Freiherrn von Zedlitz eingebracht, der mitunterzeichnet war von den Abgeordneten v. Hackenberg (nl.) und Dr. v. Heydebrand (kvns.). In. diesem Antrag finden sich folgende Sätze: ' I. Die Regierung ist aufzusordern, ohne Verzug, spätestens irr der nächsten Tagung einen Gesetzentwurf betreffend die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen, auf folgender Grundlage vorzulegen: I. Die Unterhaltung der Volksschulen liegt den bürgerlichen Gemeinden oder Verbünden solcher unter ergänzungsweiser Beteiligung des Staates an den Kosten ob; II. in Ausführung des Art. 24 der Verfassung, wonach bei der Einrichtung der öffentlichen Volksschulen die konfessionellen Verhältnisse möglichst zu berücksichtigen sind, iverden nachstehende Grundsätze sestgelegt: a) in der Regel sollen die Schüler einer Schule derselben Konfession angehören und von Lehrern ihrer Konfession unterrichtet werden. d) Ausnahmen find nur aus besonderen Gründen, insbesondere aus nationalen Rücksichten oder da, wo dies der historischen Entwicklung entspricht, zulässig. Lehrer, welche zur Erteilung des Religionsunterrichts für konfessionelle Minoritäten an Schulen anderer Konfessionen angestellt sind, dürfen voll beschäftigt werden. c) erreicht die Zahl der schulpflichtigen Kinder einer konfessionellen Minderheit eine angemessene Höhe, so hat diese Minderheit den Anspruch auf Einrichtung einer Schule ihrer Konfession. Der Antrag des ' Abgeordneten Freiherrn v. Zedlitz zu I wurde angenommen, Punkt II ging an die Unterrichtskommission. Die Freisinnigen hatten fast gar keine Gelegenheit, sich darüber auszusprechen. Nur der Abgeordnete Ernst bemerkte, daß sie gegen den Punkt c unbedingt stimmen würden, aber bereit seien, einen neuen Punkt dafür einzufügen, nach dem Minder- " Heiken besonderen Religionsunterricht verlangen können. Ueber die Bedeutung des ganzen Antrags brauchen wir zunächst kein Wort zn verlieren. Der Pfarrer Sko w r o n e k in Bvgutschütz ist ein streitbarer Mann. Bekanntlich hatte er in erneut Briese an die „Vossische Zeitung" bestimmt erklärt, daß die „Kattowitzer Judenschaft dem Abgeordneten Korfanty nach dessen Wähl Ovationen verschiedener Art dargebracht habe." Hierauf hat Herr Stadtrat Wiener aus Kattowitz in Nr. 18 unseres Blattes die verdiente Antwort erteilt, indem er die ganze Geschichte energisch dementierte. Die „Vossische Zeitung", hat diese Antwort äbgedruckt und der Herr Pfarrer widmete ihr abermals eine Zuschrift und zwar folgenden Inhalts: „An die Vossische Zeitung, Berlin. Da schlägt's 13! Man will in Kattowitz das Blatte vom Himmel herunterlügen. Das geht aber tücht an! Es ist eine bekannte Tatsache, daß der „polnisch-sozialdemokratisch-jüdische" Reichstagsabgeordnete Korfanty eint Abende der Stichwahl im Cafe Monopol von zahlreichen Juden zu seinem Wahlsiege beglückwünscht wurde. Augenzeugen dieser merkwürdigen Vcrbrüderungsszene waren unter anderen die Herren Rektor Kirsch aus Bogutschütz, Rektor Klimas aus Zawodzie und Kreissekretär Borzinski aus Kattowitz. Der Kattowitzer Stadtrat bestreitet nun zwar dieses für das Verhalten der Kattowitzer Judenschaft recht bezeichnende Vorkommnis, gestützt auf das Zeugnis des „artigen" Korfanty. Herrn Wiener ist ohne weiteres zu glauben, daß er nicht dabei war. Das schließt aber nicht aus, daß viele seiner Glaubensgenossen an-

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