Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-20 · Heft 21 (20.5.1904) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 21 (20.5.1904)
Date
1904-05-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228603--60814-3274603
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68. Jahrgang. No. 21. Berlin, 20. Mai 1904. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesses Diese Zeitung , erscheint wöchentlich. A b o n n e m e n ts. p r e is: Durch -Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet vsn Rabbiner D*- Ludwig Philixpsoii VeilggL-LrpöMoll: Berlin, Jerosalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8V/., Jerusalemer Straße Htz/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Lum Mochenkellr. .. - ... Berlin, 18. Mai. ie Geschichte unserer Feste ist vielleicht das wichtigste und wertvollste Zeugnis für die Theorie der Entwicklung innerhalb des Judentums. Wer diese Geschichte aufmerksam verfolgt, muß zu der Ueberzeugung kommen, daß die Idee des Judentums in beständiger Entwicklung sich befunden. Nur der Orthodoxie, die vor der Geschichte die Augen schließt, ist diese Einsicht bisher noch nicht aufgegangen. Am klarsten erscheint uns der Gedanke beim Wochenfeste. Ursprünglich war es ein Erntefest und nichts anderes. „Sieben Wochen sollst du dir zählen: Wenn die Sichel anhebt in der Saat, sollst du anheben sieben Wochen zu zählen und sollst dann feiern ein Fest der Wochen dem Ewigen, deinem Gotte, eine Darbringung der -freiwilligen Gaben deiner Hand, die du geben magst, wie dich segnen wird der Ewige, dein Gott. Und freue dich vor dem Ewigen, deinem Gotte, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levite, der in deinen Toren, und der Fremdling, und die Waise und die Witwe, die in deiner Mitte, an dem Orte, den erwählen wird der Ewige, dein Gott, daselbst seinen Namen thronen zu lassen." So heißt es in der Verordnung für das Schabuothfest. Es war also ein Schnitt- oder Erntefest und außerdem eines der drei Wallfahrtsseste, wo alles Männliche vor Gott erscheinen sollte. Während und nach dem zweiten jüdischen Staatsleben wurde es wegen seines Zusammenhangs mit dem Passahfest, von dem es durch die Zählung der sieben Wochen abhängt, auch Schlußfest genannt, also das Schlußfest der Ernte, die am ersten Passahfest durch die Darbringung von zwei Erstlingsgaben den Anfang genommen hatte. Aber wie falsch die Ansicht der modernen Bibelkritiker ist, daß die altisraelitischen Feste unter dem Einfluß der Zentralisation des Kultus eine wesentliche Umwandlung erlitten haben, ersieht man schon daraus, daß in demselben Kapitel und unmittelbar nach dem Gebot von Altar und Opfer es ausdrücklich heißt: „An jeglichem Orte, wo meines Namens gedacht wird, werde ich zu Dir kommen und Dich segnen." Die Loslösung der Feste von ihrer natürlichen Grundlage und damit die Verwischung ihrer ursprünglichen Bedeutung waren durch die .Zeitverhältnisse geboten. Die Feste mußten ja durch den Untergang des Staatslebens ihren individuellen Anlaß verlieren und einen ausschließlich religiösen Charakter annehmen. Erst etwa im dritten Jahrhundert, als die Juden ans Palästina immer mehr ausgewandert waren, wurde das Wochenfest als das Fest der Gesetzgebung auf Sinai, die nach der Tradition mit dem Wochenfest zusammenfiel, bezeichnet und diese letztere Bedeutung hat im Laufe der Zeit allmählich aber sicher die erstere völlig verdrängt. Die Synagoge feiert das Wochenfest sowohl als Tag der Gesetzgebung wie als Fest der Erstlinge; im Gottesdienst gedenkt sie beider Auffassungen, im Volksbewußtsein hat sich aber nur der Gedanke an das Offenbarungsfest wach und rege erhalten. Und wer von uns wollte diesen Gedanken missen? So zeigt sich gerade in der geschichtlichen Entwicklung der Segen des religiösen Bewußtseins stärker und kräftiger als in aller Tradition. Das Fest der Offenbarung ist im Lause der Jahrtausende zu einer Bedeutung gelangt, die es zu einem dev höchsten und erhabensten unter den Festen des Jahres macht. Und gerade die Kämpfe, die wir gegen die zu führen haben, welche den Gedanken der Offenbarung zu einem grobsinnlichen verflüchtigen und die Idee des Monotheismus Israel rauben wollen, gerade diese Kämpfe machen uns das Schabuothfest heilig und teuer. Der Gedanke der geschichtlichen Entwicklung tritt aber merkwürdigerweise gerade an diesem Fest sichtlich in den Vordergrund. Wir haben es schon damals, als der denkwürdige Brief des deutschen Kaisers über die Vorträge des Professors Delitzsch erschien und zu lebhaften Debatten über das Wesen der Offenbarung Anlaß gab, mit Genugtuung hervorheben können, daß diese Idee der Offenbarung, wie sie immer inehr ins allgemeine Bewußtsein dringe als die innige Berührung des Einzelgeistes mit dem Allgeist, das Hineinleuchten der alles erfüllenden Kraft in die einzelnen Geister, so daß sie ihre endlichen Schranken durchbrechen, daß diese Idee, sagen wir, welche jetzt Gemeingut der gebildeten Menschheit zu werden beginnt, in der jüdischen Religionsphilosophie von jeher ihre Heimstätte gefunden hat. Das Judentum will auch keineswegs ein Werk einzelner fein, sondern das der Gesamtheit. Und sehr treffend hat ein neuerer Lehrer hervorgehoben : „Es wird nicht gesprochen von dem Gotte Mosis oder von dem Gotte der Propheten, sondern von dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jacobs, von d^m Gotte des ganzen Stammes, der Urväter, in denen sich gleichfalls diese Anlage, der hineinschauende Blick, Vorsand: es ist die Offenbarung, die in der Gesamtheit verborgen lebte und in den einzelnen (nämlich den Propheten) den vereinigenden Mittelpunkt fand." Man darf das Wort nur nicht in dogmatischer Weise beengen und begrenzen. Es. mag verschieden aufgefaßt werden, aber in seinem inneren Wesen bleibt es dasselbe: die Berührung der menschlichen Vernunft mit dem tiefen Urgrund aller Dinge. Auch die alten Lehrer in Israel haben über die Offenbarung sehr verschieden gedacht und manchmal sehr freimütige Aeußerungen laut werden lassen. Was würde die moderne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.