Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228602--60808-3274596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
In der Tür wandte er sich nochmals um: und rief ins Zimmer zurück: „Die ganze Garnison von Eger wird-Jhnens! zu Füßen liegen, Melittchen. Na — man wird ja sehen l-' Nun lachte sie : „Die ganze Garnison? Das müßte wirklich: ein herrlicher Anblick sein!" v In ihrem Garten aus der Parkstraße unterhielten sich die Frankschen Damen mit ihren Hausgenossinnen aus Prag:: Gräfin Redwitz und deren Tochter. Die Komtesse war eine! Schönheit. Sie hatte eine schlanke, biegsame Gestalt und ein! feingeschnittenes Köpfchen, um das sich das (goldblonde Haar - in schweren, üppigen Defregger-Zöpfen legte. Geradezu frap-; Pierend wirkten bei diesem blonden Typus die nachtschwarzen! Augen, die aus dem marmorweißen Gesicht groß und fragend; in die Welt schauten. Melitta war in gleicher Größe wie die Freundin, aber I etlvas älter als diese und voller in den Formen. Ihr ganzes j Wesen war temperamentvoller, das Auftreten sicherer und ziel-! bewußter als das von Ellen und bei Melittas dunkler Haar-! flut, die hoch aufgesteckt, das Gesicht dennoch umrahmte, über-! raschten wiederum die tiefblauen Augen und der helle Teint! mit den frischen Farben, das sonstige Privilegium der Blon- - dinen. Sie, die einen wahren Schönheitsdurst hatte, fühlte! sich sofort von der vollendeten Anmut Ellens gefesselt, und diese wiederum, eine etwas unselbständige Natur, empfand das! Ruhig-Gefestigte in Melittas Auftreten als -angenehmen Rück-! halt für das Schwankende ihres eigenen Wesens. Zudem 1 hatte die Justizratstochter ein so offenes, liebenswürdiges Ge- * sicht; — Ellen mußte sie lieb haben! Die beiden älteren Damen wurden durch die Töchter bekannt und schienen, wenn auch äußerlich unähnlich. Gefallen aneinander zu finden. : Der Garten bot durch seine schattigen Bäume an den heißesten Tagen prächtige. Kühle, und so blieben Mütter und Töchter oftmals bis gegen Abend zu Haus, um sich erst dann zum Brunnen zu begeben. Auch heute lag die Sonne brütend; aus den Straßen.' Die Damen stickten und tranken ab und zu kühlende Limonade. Die Gräfin, eine elegante schlanke Blondine, hätte für wie ältere Schwester ihrer 19jährigen Tochter gelten können;! während die Justizrätin durch ihr Embonpoint und das bereits graumelierte Haar älter erschien, als sie war. „Also nicht wahr, Frau Rätin", begann erstere, „Sie kommen abends mit uns zur Reunion?! Gar so lang dauert's ja nicht und dann geh'n mer zusammen heim." Sie sprach, wenn sie sich gemütlich fühlte, stets etwas Dialekt. Die Rätin schwankte noch immer, und Melitta blieb auch ebenso gern zu Hause, als sie ging. Aber Ellen bat stürmisch, doch mitzukommen und die Gräfin fügte hinzu: „Ich Präsentier' Ihnen auch den Hauptmann Grittano. Er stand früher in Prag und ich Habs ihm heut früh versprechen müssen, daß wir kommen." „Ich will Ihnen offen bekennen, liebste Gräfin, daß ich die feste Absicht hatte, mich hier allein größeren Verkehr fern zu halten und auch mit Melitta die Reunions nicht besuchen wollte; aber da Sie, verehrte Frau, unser Mitkommen so dringend wünschen, so wollen wir Sie begleiten. Nicht wahr,Litta?" „Gewiß, Mutti!" „Schauen S', das ist.nett; kein Spielverderber sein!" rief die Gräfin und klopfte Melitta die Wange. „Aber woll'n wir nicht jetzt zum Brunnen? Sonst wird's uns zu spät zum Toilette machen!" Man gab ihr Recht und beeilte sich, zur Promenade zu gelangen. Die Kapelle hatte, als sie hinkamen, das -Nachnnttagsprogramm säst beendet, aber das Wogen der Kurgäste in der „Lästerallee" stand noch in voller Blüte. Eine Fülle an weiblicher Schönheit, Eleganz und Pracht, worunter nur ~ ganz vereinzelt hie und da ein Mann - auftauchte. Das richtige Gepräge eines Damenbades. . Die seltenen Männererscheinungen waren teils ihre Frauen begleitende, teils nur auf Tage-besuchende Gatten, oder „der Schwerenöter", der für seine Ferien gerade das Dämenbad wählte, um ein freies Feld für seine Flirts, die ihm das Leben erst erträglich machten, zu finden. Außerdem erblickte man fast nur „österreichische Uniform"; — die Egerer Garnison. Und auch Hauptmann Grittano ging mit Kameraden vorüber, stoppte, schlug die Hacken zusammen, daß die Sporen klirrten und legte die Hand an die Mütze. - „Wer war der links gehende der drei Offiziere?" fragte Melitta ihre Freundin. Die beiden Mädchen gingen den älteren Damen voraus. „Unser Bekannter aus Prag, Hauptmann Grittano," entgegnete Ellen; „nit wahr a fescher Mann?" „Unstreitig eine sehr interessante Erscheinung!" „Und so ein lieber Mensch!" versicherte Ellen voll Begeisterung, „streng im Dienst und doch zu seinen Untergebenen wie ein Vater. Denken . Sie, sein Pferd traut er zur Pflege dem Burschen nicht an, sondern füttert es selbst." . . „Da hat er gewiß ein gutes Gemüt," meinte Melitta. „Er sieht übrigens noch auffallend jung als Hauptmann aus." „Er avancierte zugleich mit seiner Versetzung nach Eger. Jetzt ist er" — Ellen sann einen Moment nach — „32 Jahre." Jene sah ihr mit einem großen, lächelnden Blick ins Auge : „Wie genau man das weiß!" Sie wurde etwas verlegen, was bei der Marmorweiße ihres Teints sofort auffiel, aber es klang doch vollkommen ruhig, als sie erwiderte : „Nun ja -- man weiß es eben.! _ Wir hatten doch in Prag reichlich Verkehr mit Offizieren. Er hieß immer ,der schöne Grittano'; aber Sie werden erstaunt sein, wie bescheiden sein Auftreten ist. So gar nichts von Einbildung!" „Bei dem müssen ja alle guten Feen zu Pate gestanden haben," entgegnete mit leisem Spott Melitta. Nun spielte die Musik die Schlußnummer, einen Galopp und in sichtbarer Haft stürmte nach den Klängen desselben alles davon. Als der letzte Ton verklungen war, sah die lange Allee, die noch vor kaum einer Viertelstunde solch buntes, bewegtes Bild geboten, wie gefegt aus, und auch Gräfin Redwitz und die Justizrätin mit ihren Töchtern holten nur noch „ihr zweites Glas" vom Brunnen und traten den Heimweg an. (Fortsetzung folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. — Soeben erschien Heft II der Sammlung „Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden. in den Posener Landen", von Rabbiner Dr. Heppner-Koschmin und Lehrer Herzberg-Bromberg. Koschmin, Verlag von Israel Tuch. — Heft I enthält die Schicksale der Juden in Polen bis zum 13. Jahrhundert, Heft II. vom 13. bis 16. Jahrhundert. Wir erfahren aus demselben von König Kasimir und Esterka, von den Judenverfolgungen zu Posen in den Jahren 1367 und 1399, von Capistrano, der „Geißel der Hebräer", von dem Posener Juden Gaspar da Gama, dem Zeit- und Reisegenossen der Seefahrer Vasco da Gama, Cäbral und Amerigo Vespucei, von der „Ländershnode" und verschiedene andere sehr -Interessante Mitteilungen geschichtlichen Jnhalts. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin: Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz ln Berlin.