Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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239 Episode in engstem Konnex, in straffster Wechselbeziehung zu der Ideenwelt der Helden hält. Er hat dann Nur noch die Gefahr des Langweilig- oder' Breitwerdens zu vermeiden. Inwiefern es in dieser Hinsicht Holländer geglückt ist, die Zeitspüren zu verwischen, sei dahin gestellt. Uns interessieren seine jüdischen Episoden, seine jüdischen Gestalten. Und in der Tat : Wir finden Interessantes genug in diesem Buchet Schon die „Nachtlichtgesellschaft" in ihrer ersten ' Nächtsitzung bietet uns einige jüdische Typen. Wir wollen sie kennen lernen. „Lissaüer spricht über Zionismus . . Wer ist Lissaüer?. „Ein kleiner, buckliger Mann mit einer mächtig ausgearbeiteten Stirn und fanatisch glühenden Augen und einem dünnen, schwarzen Schnurrbart unter der semitisch gebogenen Nase und pechschwarzen Haaren, die platt zurückgekämmt sind." . ' Er klagt über die Vergewaltigung und Unterdrückung der modernen Juden. .. „die als Fremde in fremden Staatswesen leben ..." Dieser russische Jude klagt aber nicht nur. Er hat auch ein Ideal. Als er einst im Moskauer Krankenhause dem Chefarzt eine „Theorie zur Behandlung des Carcinoms" überreichte, rissen die Professoren die Augen auf. „Er sollte sich Lausen lassen, man würde für seine Ausbildung sorgen und ihm eine glänzende Karriere sichern . . ." Er wollte es nicht. Er schlug'es nicht nur stolz aus, sondern verließ noch siech und krank das Krankenhaus, „um keinerlei Versuchung aus sich wirken zu lassen ..." Aber ein bitteres< Gefühl blieb in seinem Innern haften. Eine düstere Stimme rief ihmzu: „Warum konnte er sein Glück nur machen, wenn er sich taufen ließe, wenn er dem Glauben seiner Eltern, der Ueberzeugung seiner Urahnen entsagen würde . . .? Warum'. . .?" „In ihm, dem verkümmerten Menschen, wucherte verletztes Ehrgefühl und der ganze Groll der mißhandelten und getretenen Juden . . . Er haßte bitter alles Bestehende — er haßte diese emporgekommenen, westeuropäischen Juden, die in ihrem Wohlleben und Schlemmerdasein die Sache der Glaubensgenossen verkuppelt hatten ..." ■ Er verkümmerte, weil er ehrlich, weil er stark, weil er fest war, weil er seinen Glauben nicht wie ein Kleid wechselte, weil er mit der ihm überkommenen Religion nicht Schacher treiben wollte. Eine nie geahnte Bitterkeit überkam ihn. . . Wo ist Recht? Er suchte nach neuem Halt. . . Der Zionsgedanke nahm von seiner Seele und von seinem Hirn Besitz. Hier winkte Erlösung. Im Staate war kein Recht zu finden. Im Lande wo er geboren war, war er ein Fremder, dem man keine Gleichberechtigung angedeihen ließ . ... Er wollte seine Kräfte nicht ganz verkümmern lassen . . . Er wollte leben. . . Und er raffte seine Energie zusammen. . . Iw „Nachtlicht" gab er seine Ideen zum Vesten. Sie wurden als Sonderbestrebungen zurückgewiesen. „Nicht das unterdrückte Judentum, sondern der unterdrückte und zur Freiheit sich erhebende Mensch nehme unsere Anteilnahme in Anspruch" — erwrderte ihm die Korona. Lissaüer schränkt eine Thesen ein. Er fühlt seinen Haß zunehmen gegen alles Bestehende. Mißverstand überall. Aber auch Zustimmung erregte ihn. Er sehnt sich nach etwas Ganzem, Hohem, Harmonischem. Und wenn ihm der stud. theol. Bechert — ein Typus des „seinen" Antisemitismus — sagt: „Mir sind die Juden sympathisch, die die Fahne von Zion hoch halten," blickte er ihn spöttisch an: „Es wäre Ihnen Wohl angenehm, uns loszuwerden?" Er wütet gegen die ganze Welt und kann doch seine feine, verinnerlichte, zarte Natur nicht verleugnen. - Ihm ist Hilfe verfügt worden — er hilft: „Brose muß geholfen werden," sagt er, trotzdem seine Frau ihn fast mit den ' Blicken durchbohrt. Die Begründung ist der Zug des edlen - Herzens: „Sonst geht er kaput . ." y: Er sträubt sich gegen das „Weichwerden", aber seine Natur ist stärker wie das Sträuben. Er sinkt zum Politischen Dogmatiker herunter^ Ich sage: sinkt. Mit Absicht. Dieser Mensch wird zum agitatorischen ' Doktrinär, mit seiner weichen, zarten Seele. Die Kaltblütigkeit der Partei wird ihm zum Verderben. Er ist heißtemperamentvoll. Solche Männer — und wenn sie noch Juden, russische ' Juden dazu sind — werden leicht vom Halse geschafft. ' Und so geht er dahin, abgestumpft durch erlittene Qual, abgehärtet durch Haß, zertrümmert durch Vorurteil. Er wollte an Menschen glauben, er hatte das. Bedürfnis nach Freiheit — es würde ihm versagt; er sinkt dahin — ein Opfer seines Volkes ein Opfer des Rechts . . . . Und seine Lippen zucken in unsagbarem Schmerz; seine bleichen, blutleeren Lippen fragen leis: „Warum?" „Glaube und Liebe". Novelle von Clara Vaumbach. - lso, meine Damen, es bleibt, wie gesagt, bei Franzensbad. Weshalb sind Sie eigentlich so dagegen?" Dr. Steinberg putzte seine Brillengläser und sah bald die Mutter, bald die Tochter fragend an. „Es ist so weit, — eine fast zweitägige Reise," — meinte i: Frau Justizrat Frank. „Da wird mein Mann uns während! der Kurzeit gewiß nicht besuchen können." „Und weder Berge noch Wälder sind dort," sekundierte! Melitta. „Wir verlassen die Großstadt und tauschen eine andere dafür ein. Auch habe ich gehört, daß durchaus' keine gute Luft in Franzensbad sei, und die dortige Damenwelt einen riesigen Luxus treiben soll."; „Na, na, Fräulein Melitta," drohte der Hausarzt, „wer sich so chic wie eine gewisse junge Dame zu kleiden versteht, kann den Kampf mit den dortigen Toile'ttenkünstlerinnen getrost anfnehmen." „Will ich aber gar nicht!" versetzte sie halb mutwillig, halb ärgerlich. „Ach Doktorchen, schicken Sie uns lieber in irgend ein Nest, aber lassen Sie mich in den Wäldern tummeln und auf den Bergen herumkraxelm Was, Mutti?" „Ja wirklich, das zöge ich auch vor. Ich werde ohnehin i so sehr stark, und bei Gebirgstouren Hütte ich mehr Aussicht zum Abnehmen." „Laufen Sie nur tüchtig in Franzensbad, gnädige Frau, da sollen Sie sehen, daß Sie auch magerer werden, und den Spaziergang von dort nach Eger kann ich Ihnen ganz besonders empfehlen. Mir liegt nun mal speziell daran, daß Sie die Moorbäder gebrauchen. Bei Gelegenheit kann dann unser Kind" — mit einem Blick auf Melitta.— „Stahlquelle -naschen." > „Also wirklich?" seufzte diese. : „Wirklich-!" — sagte schmunzelnd der alte Doktor, wünschte; gute Reise, besten Erfolg und empfahl sich.