Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
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238 träumerischer Sanftmut die Hirten vertreiben und für die Töchter Jethros Wasser schöpfen. Dagegen schildert auch er mit dramatischer Leidenschaftlichkeit das Verderben, das die Ahronssöhne, die Anhänger Korahs und den Holzsammler am Sabbat trifft-'-und je einen zornerregt strafenden Moses in den drei Gruppeü seiner „Rotte Korah" in der Sistina. Einen ähnlichen Zyklus wie B. Gozzoli hat Lorenzo Ghiberti (gest. 1455) mit anderen Mitteln und in gehaltvollerer Art geschaffen auf zehn Feldern der Erztüren des Baptisteriums zu -Florenz („Paradiesestüren" nach dem Ausspruch Michelangelos, sie wären würdig, die Thüren des Paradieses zu sein). In malerischer Lebendigkeit führt er uns in frei behandeltem. Reliefstil ganze Epochen vor. Da steigt Eva aus der Seite Adams hervor, dann verleitet sie ihren Mann zur Sünde, der dann den Boden bearbeitet, trübe trauernd, daß er „im Schweiße des Angesichts Brot essen" muß (auch Jacopo della Quercia, gest. 1438, hatte schon diese Seite dargestellt), daneben bläst er zur Erholung wieder die Schalmei. Da hebt Sarah den Vorhang vorbei, um das Gespräch ihres Mannes zu belauschen, und die Israeliten am Sinai sind ganz erschüttert von dem Eindruck; „es bebt alles Volk im Lager". Die Opferung Isaaks hat er hier wie auf einein Rundrelief dargestellt, welches den Preis gegen die Konkurrenzarbeit Brunellescos (gest. 1446) gewann. Letzterer läßt Abraham stürmisch auf seinen Sohn eindringen, so daß der Engel ihn mit Gewalt hindern muß. Das Motiv ist sehr beliebt, aber was von jetzt ab den Geistesgehalt des Gebildes charakterisiert, ist immer weniger die Darstellung einer prototypischen Opferung. Die Freude am Nachbilden des menschlichen Affekts gibt dem Künstler den Schwung, das Linienspiel des jugendlich schönen nackten Körpers neben der greisen Gestalt des Patriarchen darzustellen. Das lernte man aber von der Antike, und indem das formale Schaffen sich von der Antike so belehren läßt, bilden auch^die GehaltselementeZpielfach I Analoga zu antiken Mythen und Vorstellungen; so bildet Andrea del Sarto (gest. 1530) bei dem Isaak seiner „Opferung" den Knaben der Laocoongruppe variierend nach, nachdem sie erst kürzlich (1506) ausgefunden ward, Das Motiv wird auch von Raphael behandelt. Dieser hat in den Stanzen und Loggien des Vatikan biblische Stoffe mit der Anmut seiner Kunst dargestellt oder läßt sie durch seine Schüler in der „Bibel Raphaels" darstellen. Da sind viele Züge belebt, die der Persönlichen Hingabe an den Gegenstand entfließen, neben einzelner typischer Auffassung. Ein ergriffener Moses vor dem Dornbusch, Abraham, der Verheißung der Geburt Isaaks lauschend, während er — dies ist charakteristisch^sür das warm menschliche, das sich geltend macht — Jsmael liebevoll an sich drückt. Wieder Joseph, den seine Brüder kühl verschachern, daneben die Grube mit einem Deckel darauf: die Deutung eines Vorbildes für Judas Verrat und Höllenfahrt hat mitgewirkt. Ein „Uebergang über den Jordan", wo^eine übermenschliche Gestalt die Fluten zur Seite schiebt, und ein lebendiger, motivreicher Zug durch das Meer, wo die einen hinausstürmen, die anderen jauchzen, in Dankgebet^ausbrechen, niederknien, den Boden küssen, während Mose als letzter den Aegyptern mit seinem Stabe bedeutet, daß sie nun ihre Strafe getroffen. Das Größte und Tiefste an Inhalt, das die Renaissancemalerei geschaffen, ist ebenfalls der Bibel entnommen: Die Deckenmalereien der Sistina-Kapelle von Michelangelo. In kraftvoller Individualität erfaßt er selbst seine Gestalten, denn so, wie er sie geschaffen, konnte nur er sie gesehen haben; er duldet keine Anleitung, keine Beeinflussung, die Werke sind nur Ausdruck der schäumenden Kraft dieses Großen unter den Großen. Diese Gebilde sprechen seine Sprache, sie atmen einen anderen Geist, als er bisher geweht. Er verweigert einem Julius II. den Eintritt während der Arbeit; erst bei halber Vollendung darf der Papst eintreten, und er schaut die Erschaffung des Lichtes, des Menschen, des Weibes; die Sündigung und Vertreibung — -— itt ungeahnter Beleuchtung. Neben diesen Hauptteilen sitzen in dem Gewölberahmen ein Jesaias „aus königlichem Geschlecht", Jeremias in sinnender Trauer, die immer tiefer wird in der Betrachtung, und alle/ diese Gestalten sind erfüllt von „Gedanken, über die sich Jahrtausende brüten ließe." In der Skulptur gibt er seinem David die Kraft eines Jünglings, der „Zehntausende schlägt" und zugleich den Adel eines künftigen Königsgeschlechts, und aus seinem Moses strömt eine Fülle von Geistesgröße heraus, daß man hinwankt vor der Schwere des Eindrucks. Die Hörnchen' am Kopse hat er der Vulgata entnommen („cornuda - - facies sua“), aber die innern Stücke hat seine Seele erschaut, und was er bilden wollte, war nicht ein Moses schemenhafter Allegorie, sondern „ein Moses, der am Horeb gestanden!" Mehr als bei allen Bildern seiner Zeit haben seine Gestalten die kirchliche Starrheit abgelegt. „Alles.Typisch-Feste zerschmilzt in den weichen Linien naturwahrer Schönheit." Wo die Erklärer und Forscher Trübes gesehen neben dem Lichte, weil vorgefaßte Meinung einen Flor um ihr Auge gebreitet, und das Große klein geschienen in der Fernsicht ihres Standortes, da sieht der Künstler durch wundersame Kraft künstlerischen Schauens die Größe der Erscheinung, seine unmittelbare Intuition ist stärker als Neigung und Beeinflussung Er muß der Stimme lauschen, die ihm geheimnisvoll flüstert, und was er geschaut, muß er bilden aus innerem Drang. Und der Kunst ist die Volksseele verwandt, diese nimmt willig, was sie ihr gibt; die Menschheit blickt dann hin auf ein Volk, das früh in der Geschichte am Berge gestanden, .und sie sieht sein uralt Denkmal und den Schimmer, der um es glänzt, still und rein und ewig. Jftiijr Holländers Thomas Truck. Von A. Halberthal. roßes gewollt hat Felix Holländer in seinen: jüngsten Roman: „Der Weg des Thomas Truck." Das Leben eines bis ins einzelne in Gesühlsreslexionen ausgehenden und in Empfindungswelten differenzierten Menschen wollte er uns vorführen. Wie er liebt und lebt, kämpft und ringt, fehlt Und irrt, begehrt und will, sucht und sehnt . . . . Das alles in einem Buche — in einem Lebenslauf. Die Meinung beruht entschieden auf absoluter Wahrheit, welche die Möglichkeit einer solchen Schilderung in ihrer tiefen, lückenlosen Vollendung bezweifelt. Entweder der Dichter sieht auf den organischen Zusammenhang, geht dem Schicksal seines Helden nach — seinen Tücken und seinen Bösartigkeiten — da verliert er nur allzu leicht die Nebenumstände, die Zufälle, die unbekannten Fäden des Schicksals aus dem Auge. Oder aber, hält er diese stramm und bedächtig in Händen — verliert er das Einheitliche, den Gesamtcharakter seiner Hauptperson. Die Episoden überwuchern die Haüpthandlung. Nun kann allerdings der echte, gottbegnadete Künstler diese Klippe in gewisser Hinsicht umgehen, indem er die