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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-05-13 · Heft 20 (13.5.1904) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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Kirche, welche die heiligen Väter vorgeschrieben.haben; ihnen gebührt die. Konrposition, dem Maler nur die Ausführung." Also nicht allein der Inhalt, die Auffassungauch die Charakteristik, die Anordnung' sind an bestimmte Direktiven. gebunden. Der Künstler ist nur der technische, die Kirche der gestaltende Faktor. Wie dadurch die Frische und Lebendigkeit künstlerischer Intuition der' Darstellung von Natur und Geschichte mangeln mußte, liegt nahe. Die Wasser der Schöpfung durften weder brausen noch fluten, denn sie sollten ein Sinnbild der Taufe sein;, die Verbindung von Himmel und Erde sollte Leib und Seele bedeuten. Wie die Erde trocken wird am dritten Tage, so wird der Mensch frei von Leidenschaften; die Pflanzen, die sie hervorbringt, sind Liebeswerke des Menschen, und die Gestirne deuten auf erleuchtende Predigt. In der Stiftshütte ward die Architektonik der Kirche versinnbildlicht, und bei der Sintflut und der Arche Noahs,' die späteren Zeiten eine Fülle künstlerischer Motive der Darstellung des Körpers, der Elemente, der Affekte gab, mußte die Rettung der Kirche aus der Verwüstung dargestellt sein. Gemäß der Hermeneutik zeigt sich nun in erster Linie auch in der Darstellung der Kunst das Bestreben einer Parallelisierung von altem und neuem Testament. Wo eine , solche nicht durchführbar ist, wird angedeutet, daß die Gestalten und die Ereignisse nur Vorstufen für das Kommende bilden, daß erst ein Hauch kommen soll, der sie belebe. So hastet ihnem etwas Unvollkommenes, Werdendes an, sie scheinen in keimhaftem Bewußtsein zu schlummern und tragen den Ausdruck des Sehnens, Erwartens. Es fehlt der Darstellung alle Charakterisierung, der Affekt, das treibende Motiv. Die Gegenwart dieser Gestalten ist ohne Bedeutung, und so fehlt ihnen die Lebendigkeit, der warme Pulsschlag des Lebens; sie tragen die Blasse des Vorfrühlings. Da zertrümmert Mose die'Gesetzestafeln in träumender Dämmerung der Seele und tötet den Uegypter mit einem stillen Lächeln der Wehmut. Gr schlägt Wasser aus . dem Felsen (schon Calixt-Katakomben, 3. Jahrh.) nicht vor dem Volke und für das dürstende, leidempörte Volk, sondern als vordeutendes Gegenstück späterer Unterweisung. Aehnliche Symbolisierung erfahren das Passah, der Zug durchs Meer, die Trauben der Kundschafter u. ähnl. (San Vitale zu Ravenna, Armenbibel u. a.). Ahron wird natürlich als Vertreter der Kirche dargestellt und ist mit Pectorale, Rauchfaß und gekrümmtem Hirtenstab versehen. Anachronismen sind zwar im allgemeinen ein durchgehendes Merkmal mittelalterlicher Kunst und häufen sich noch mehr in der Renaissance. Da wird das Zeitkolorit dem freien Spiel der Phantasie überlassen, und dies wird dann mit Vorliebe so gegeben, daß man das historische Ereignis in die eigene Zeit und Umgebung versetzt. Da wird mit liebenswürdiger Naivität erzählt, wie vor König David durch die Straßen Jerusalems Landsknechte vorüberziehen, oder man kann die elegante Haltung junger Nobili bewundern, die dastehen und beschließen, den Turm — zu Babel zu bauen. Was aber später einer kindlichen Unbefangenheit der historischen Betrachtung entsprang,, war hier bedingt durch bewußte und unbewußte Normen. Wenn auch andererseits die Darstellung der Lebendigkeit und Wirklichkeit an dem unentwickelten Können ihre Schranken fand, so hätte doch vielfach dieses dämmernde Traumleben einem volleren, ganzen Sein weichen müssen,' hätte nicht die ganze Auffassung dieser Gestalten die Neigung begünstigtjenen Schimmer des Traumhaften um sie zu breiten. Ueber die festen Umrisse, die sich in der Nähe abhoben, . blickte man hinaus über Sehweite, wo die Linien zerflattern, und so bekleidet man die Gebilde mit unbestimmter Sentimentalität. . Mit der Entfaltung'freieren Schaffens in der Renaissance läßt sich auch eine Befreiung aus den Grenzen dieses Geheges beobachten. Während-noch in der Frührenaissance Adam und Eva mit einer unwilligen Wehmut sündigen, haben sie doch das vorahnende Gefühl, daß sie jetzt die „Erbsünde" begehen, tun sie es bei Raphael mit dem spielenden Leichtsinn unerfahrener Naturen, läßt Titian (Prado-Museum) seine Eva in neugierigem Begehren nach dem Apfel langen, während Adam bange zurückhaltend ihren Arm berührt; und gibt Correggio seiner Eva (Zeichnung, Lonore) den Ausdruck leidenschaftlichen Hingezogenwerdens, während wieder Palma Vecchio (Braunschweig) das Motiv dazu benutzt, jugendschöne Menschenkörper zu malen und sie mit wärmen Farben, zu umleuchten. Die Schlange hat nach herkömmlicher Auffassung in der Regel den Kopf eines Weibes (dagegen den eines vogelartigen Tieres- Särkophag des Junius Bassus, 4.-Jahrhundert, ähnlich Palma), so bei Raphael, mit gigantischem Körper bei Michel Angelo, den Kopf eines lockenden Kindes bei Titian. Eine Verschmelzung von verblaßter Allegorie mit sinnlicher Wirklichkeit? läßt die Kunst wie im Erwachen begriffen erscheinen aus den Wandbildern des Benozzo Gozzoli (gest. 1485) im CaMpo Santo zuPisa. Sie erstrecken sich aus die Erzählungen von Noah bis Joseph und gehen durch Zutaten nnd Aenderungen weit über den gegebenen Stoff hinaus. Da trinkt Noah seinen Wein mit einer gewissen Andacht, deren es bedarf, damit der Nimbus auf seinem Kopfe sich mit dem Rausche versöhne, Abraham zieht als junger Held nach Aegypten, läßt daneben seine Knechte das Tier satteln vor dem Gang nach Moria; wieder sitzter mit seinem Schein um den Kops nachdenklich da, während sich vor ihm Sarah entrüstet, daß Jsmael ihren Sohn schlägt, wogegen sich Hagar darüber sehr erfreut zeigt. Man sieht, wie da der realistische Plauderton das Symbolisierend-Erbauliche zn verdrängen beginnt. Die heidnischen Geschlechter der Sintflut läßt er in wildem Durcheinander untergehen, und in florentinischem Realismus spottet eine Besucherin über den behaarten Körper des neugeborenen Esau. Dabei liebt er es, seine Landschaften entgegen dem übererdenhaften Charakter der früheren Zeit mit Windspielen, Jagdhunden und phantastischen Tieren zu beleben. Auf einem Fresko ist die Erzählung der Hagadah von dein Kohlenbecken dargestellt: Mose hatte dem Pharao die .Krone vom Haupte gerissen, als dieser das Kind auf dem Schoße hielt; das soll ein Vorzeichen sein. Pharao will deshalb die geistige Reife des Kindes prüfen, man hält ihm ein Becken mit glühenden Kohlen und eines mit Gold vor; Mose will schon nach dem Golde greifen, da führt ein Engel seine Hand zu den Kohlen, er führt eine solche zum Munde und wird davon stotternd. Die Erzählung scheint volkstümlich gewesen zu sein; Giorgione (gest. 1511) stellt sie auch dar,'doch ist bei ihm kein Engel sichtbar. Unfrei in dieser Richtung zeigt sich trotz seiner sonstigen Größe auch Luca Signorelli (gest. 1527) bei seinem „sterbenden Mose" in der Sistina. Das ganze ist christologisch-modernisiert gehalten. Mose liest sitzend ohne sonderliche Bewegung aus einem Buche vor, junge Italiener stehen in bewußt-schöner Haltung vor ihm, ohne ihm viel Aufmerksamkeit zu schenken, links übergibt Mose den Hirtenstab, rechts weist ihm ein Engel das gelobte Land; im Hintergründe, wohl als Analogon, der erblindete Patriarch, Gleichen Charakter trägen auch seine Patriarchen im Dom zu Orvieto. Bei Boticelli entspricht es im Gegensatz zu Signorelli dem ganzen Charakter seiner Kunst, wenn seine alttestamentlichen Gestalten von einem träumenden Fern sein angehaucht sind. Er läßt Moses in

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