Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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' - ' ' ’' " * / - 236 Schrift überhaupt: „hie vom Geiste Getriebenen sind über das Gesetz erhaben-" - *i} Liebevolles^ eifriges Studium und. religiös er Sinn genügen^' noch nicht zum Verständnis der Schrift;- gleicht sie doch nach $ Scotus Erigena einer Pfauenfeder, deren kleinster Teil in den..!- verschiedensten Farben schillert.; r Da ist aber keine Grundfarbe, an der die anderen Nüancenr schillern, sondern alles schwebt, alles schillert, nur die äußere^ Norm ist fest, und dieser muß es sich fügen. - . Albertus Magnus fordert wie zur Philosophie auch für;- das Verständnis der Bibel eine kirchlich-sittliche Lebensführung,:^ und Hugo S. Victor macht - es von der Kenntnis der acht^ dogmatischen Hauptstücke abhängig. r Origines sieht einen dreifachen Sinn in der Schrift: einen; buchstäblichen (--- cw/ua), einen moralischen (= navyrf) ■ und j, einen metaphysisch - dogmatischen (= nrevaa). Dabei ist der; buchstäbliche aufzugeben, wenn sich Schwierigkeiten ergeben, ., denn er ist nur Einkleidung für höhere Wahrheiten (Man; denke an die stete Betonung des Wortsinnes bei Raschi.) Rhabanus Maurus findet einen vierfachen Sinn: historisch,; allegorisch, tropologisch und analogisch, und der Mönch AngeloMs hatte sogar einen -siebenfachen gefunden, natürlich wesentlich? christologischer Art. Gehörte schon eine scholastische Schulung dazu, diese- Deutungsarten unterscheiden zu können, kam noch vom; hl. Bernhard u. a. eine mystische Deutung der Deutung hinzu: * Schrifterklärung der Bräutigam führt die Braut: 1. in denc Garten historischer Sinn, 2. in Gewürz-, Frucht- und Wein-.: keller moralischer Sinn, 3. in das cubiculum mystischer^ Sinn. n . Eine wesentliche Aenderung hatte auch das 15. Jahrhunderte nicht gebracht. Albertus Magnus, Thomas von Aquino;. Bonaventura versuchten zwar eine einfachere Exegese, doch; bleibt sie wesentlich Allegorie. Bei Thomas kommt noch ein,; neues Moment hinzu, daß er die Bibel, dazu.benutzt, Belege; für seine Philosophie zu finden; so läßt er z, B. Hiob seine; Flüche gegen — die Stoiker und Peripatetiker ausstoßen. ,r Gewisse Deutungen waren auch wie zu einem Dogma ge-, worden und hatten ihre Geltung behalten, so die Abälards svon der aroa mystiea als tabernaeulum vei, einem Symbol /- der Kirche. Durchgreifend ist erst die Wandlung im 14. Jahrhundert;, durch NicolaNs de Lyra. Er macht Ernst mit den Forderungen einzelner Früherer und macht den mystischen Sinn abhängig; vom Worte. Er lehnt sich an Raschi an und gibt vielfach den/; Juden Recht in der Auslegung. Er unterscheidet einen; äußeren Sinn — sensus ÜberaHs — und einen inneren Sinn — : sensus mysticus. ö Bezeichnenderweise sollen seine Ausführungen jedoch nur . theoretischen Wert haben, nur zur Schulung gemacht sein: („scholastice et in modum exercitii“). Er unterwirft sie der. Korrektur „sanetae matris ecclesiae“ auch „euiusÜbet sapientis“. Zeigt sich auch bei den Folgenden noch mancher Rück-5schritt, und bedeuten bei Perez von Valentia Psalterium die.; vier Evangelisten, die zehn Saiten die Mysterien und die^ Cither die Trinität, so war doch der Bann gebrochen und. Raum gegeben für eine historisch-einfache Erklärungsweise. Allgemeiner wird das Interesse im 15. Jahrhundert, dem; Quattrocento der Renaissance. „Die Frömmigkeit arbeitete;, auf Verinnerlichung und Vertiefung. — Man suchte nach einer sicheren Heilslehre, aber man wußte selbst nicht, was?; man suchte." (Harnack.) Es war also natürliche daß man die j Bibel aussuchte, man lechzte nach lebendigem Wasser, und so-1 strebte man hin zu lebendiger Quelle, man war nicht mehr . befriedigt durch .die prangende Gelehrsamkeit . und die verschnörkelten Erklärungen, man begnügte sich mit dem Schlichten,; weil es Wärme , hat und Wahrheit. Und nicht mehr in der ~ Theologie allein,: das Interesse war auch in ■*; der Laienweltlebendig geworden. Gerade am Hofe des Papstes war es weniger rege, in Rom galt nur der Rechtsgelehrte; die meisten Kardinäle waren Juristen; wer Theologie studieren will, geht nach Paris. .Mit der Zeit dringt das Interesse auch nach. Rom. 1455 läßt Nikolaus. V. durch Gianozzo Manetti die Psalmen übersetzen, 1488 wird in Bologna ein Lehrstuhl für Hebräisch gegründet, und erst 1514, im Todesjahr Julius II., \ ein solcher in Rom. Die jüdischen Exegeten sind bekannter ■” 1 geworden, und angeregt durch die klassischen Studien, hat man . einsehen gelernt, daß die Schrift nicht verleugnet werden müsse, wenn es der einfache Wortsinn ist, der ihren Inhalt offenbart. Es gibt jetzt Eiferer gegen das Hochhalten der Antike auf Kosten des biblischen Christentums; so deutet Savonarola mit der Glut seiner Worte auf die Schrift, die „geschrieben ward in fleischerne Herzen", und Pico della Mirandola sagt: -„Ich höre die jüdischen Forscher sprechen: Wir werden ewig leben, nicht in den Schulen der Silbenstecher, sondern in dem Kreise der Weisen, wo man nicht über die Mutter der Andromache oder über die Söhne der Niobe diskutiert, sondern über die tieferen Gründe göttlicher und menschlicher Dinge; -wer da näher tritt, wird merken, daß auch die Barbaren den Geist hatten, nicht auf der Zunge, aber im Busen." Man sträubte sich nicht mehr gegen die „judaisierende Nüchternheit" und sucht den Literalsinn zn ermitteln. - Es werden nicht mehr überall Symbola, Sacramenta gesehen;! auch wo allegorisch gedeutet wird, bildet das Wort das' Fundament und den Ausgangspunkt. Die typischen Ereignisse werden weniger, das Ergebnis ist nicht mehr eine Vorführung des Stoffes im allgemeinen, sondern man erkennt den Zusammenhang und eine fortlaufende Erzählung; die- Menschen der Bibel sind belebt, sie leben nicht ein fernes, künftiges Leben, sondern ihr eigenes, volles Leben mit warmem, schlagendem Herzen; sie sind nicht mehr Personifikationen von Geschehnissen, sondern Menschen, individuelle Gestalten. Das Leben zeugt Leben: Die Bibel verbreitet sich immer weiter, sie gewinnt Einfluß auf das Leben, ihr Inhalt bildet ein hervorragendes Element des Kulturgehaltes, je mehr das Kirchliche abnimmt, das Religiöse erstarkt. „Der Stoff zeigt sich als wirkende Kraft in dem neübegründeten Volksbewußtsein, beeinflußt zwar von der klassischen Moral, doch ebenso von der unmittelbaren Lebenserfahrung." Die Bibel ist zwar noch immer nicht das Buch für das, Volk geworden, in dem jedermann lesen konnte, wie seine Seele ihn lesen gelehrt, doch lag sie wffener da, und man durfte sich -ihr nähern. Die Kirche stand nicht mehr mit flammendem Schwerte an dem Eingänge dieses Gartens; er war frei geworden, man durfte sich laben an seinen Säften, Farben und Düften. II. ■ ,; :; . Diese Momente dienen als Charäkteristica der Hermeneutik und ihrer Entwicklung, und wie auch hierin die Renaissance eine Befreiung und Gesundung der Anschauung bedeutete. Wie beeinflußte nun diese Auslegung der Schrift das künstlerische Schaffen, wie gestaltet die bildende Kunst, die sich zur Renaissancekunst aufgipfelt> die Erscheinungen der Bibel? . . Hatte die Kunst doch fast ausschließlich im Dienste der Kirche gestanden; so war es natürlich, daß ihre Auffassung die Auffassung der Kirche war. Auf dem Konzil zu Nizäa (787) wurde beschlossen: „Nicht die Erfindung der Maler schafft die Bilder, sondern ein Gesetz, eine Tradition der, katholischen