Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Welche Eigenschaften haben sie von ihren Eltern oder Vorfahren ererbt, welche Eindrücke haben sie in ihrer Jugend durch Elternhaus und Umgangskreis empfangen? Die Entwicklung dieser Schwestern hatte sich unter den denkbar glücklichsten Verhältnissen vollzogen. Was die Erziehung angebahnt, hatte das spätere Leben fortgesetzt und zu dem werden lassen, was sie geworden, Musterbilder edelster Weiblichkeit! Die Gattin eines der ersten Berliner Bankiers, dessen ausgedehnte Beziehungen ausgezeichnete Fremde aller Nationen in ihr Haus führten, konnte Sara durch die Grazie ihres Geistes und Wesens dasselbe auch zum Vereinigungspunkt von bedeutenden Männern der Kunst und Wissenschaft gestalten. Sie hatte Goethe gekannt; Zelter, der Begründer und Leiter der Singakademie, der berühmte Rechtsgelehrte Hitzig und Professor Ackermann, den König Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen hatte, um die Werke Friedrichs des Großen ins Deutsche zn übersetzen, zählten zu den intimsten Freunden des Hauses. Letzterer erklärte, er habe in Berlin keine Dame gefunden, die so rein und vorzüglich französisch spreche, wie Frau Levy. Der Mendelssohnffchen Familie verwandt und befreundet, erfreute sie sich außerordentlich der musikalischen Begabung des jungen Felix und seiner Schwester Fanny Hensel, und bei den berühmten Sonntagsmatineen war sie ein besonders hochgeehrter Gast; allein es erfüllte sie mit tiefem Schmerz, daß von den Enkeln des großen Philosophen nur einer sich noch. zum Judentum bekannte. „Ich komme mir vor," pflegte sie zu sagen, „wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich her sind durch ihren Uebertritt zum Christentum mir doch in vieler Hinsicht fremd geworden." Bon echtem Wohltätigkeitssinn, und ihre Art wohlzutun war eigenartig zartsinnig, war sie besonders bedacht, den Mut Und die Kraft zagender schwacher Menschen zu beleben, ihnen durch ihre Unterstützung die Existenz aufbauen zu helfen. Eine ganz besondere Vorliebe hatte sie für die Jügend, und sie übte auf diese eine mächtige Anziehungskraft aus/ Sie pflegte jeden Abend um acht Uhr zum Tee, den sie selbst bereitete, zu empfangen, und stets sah man sie an ihrem Teetische von einer jugendlichen Schar umringt, die es als eine hohe Gunst betrachtete, bei ihr verkehren zu dürfen, ihren Worten andächtig lauschte, und die verehrungswürdige alte Dame nie verließ, ohne eine geistige Anregung oder eine gute Lehre davonzutragen. Fanny Lewald erzählt in ihrer Lebensgeschichte, daß sie, als sie als noch unbekannte Schriftstellerin nach Berlin kam, gleichfördernde Güte bei Henriette Herz und Frau Sara Levy fand. Frau Levy bewohnte bis zu ihrem Tode das stattliche Hans Hinter dem Packhofe Nr. 3, das ihr gehörte; an dasselbe schloß sich ein großer Garten mit alten schönen Bäumen. König Friedrich Wilhelm IV. suchte, als er den Bau des neuen Museums unternahm, das Grundstück von ihr zu erwerben, und ließ ihr wiederholt Kaufanträge unterbreiten. Frau Levy wünschte aber in dem Hause, in dem sie ein so hohes Alter erreicht hatte, auch ihre Augen zu schließen, und hat mit ihrer Weigerung bei Lebzeiten ihr Haus dem Könige zu überlassen, die Geschichte von dem Müller von Sanssouci wieder neu werden lassen. Bis zu ihrem Ende war sie stolz darauf, Jüdin zu sein, und hat gar oft betont, daß ihre Schwestern den Wienern bewiesen haben: auch Jüdinnen vermögen durch wahre Vornehmheit und Adel der Gesinnung eine bevorzugte Stellung auszufüllen. Viele sah' sie kommen und gehen; von dem erlauchten Kreise, der sie' einst umgeben, waren ihr die meisten in die Ewigkeit vorangegangen. Die hochsinnige Greisin, der es beschieden war, an so vielen Gräbern zu klagen, durfte sich noch der geistigen Erhebung ihrer Glaubensgenossen, der Fortschritte und Errungenschaften der Zeit in voller Geistessrische erfreuen. In ihrem Testament bestimmte sie dem jüdischen Waisenhause in Berlin 20 000 Taler, charakteristisch für die kinderlose Frau. Die verewigte Schriftstellerin Rahel Meyer hat in ihrem trefflichen kulturgeschichtlichen Roman „In Banden frei" Frau Sara Levh ein liebevolles Denkmal errichtet. Aus dem Schattenreiche der Vergessenheit möge das edle Bild der vortrefflichen Frau anläßlich der fünfzigsten Wiederkehr ihres Todestages leuchtend emporfteigen, und die deutsche Frauenwelt jüdischen Glaubens mahnen, ihr uachzueifern, nachzuleben! Dir Schriktsuslrsung in ihrem jEinflüf? auf die bildende Lunlt der Oknsisssnre. Von Dr. G. Kutna. I. it dem Erwachen des wissenschaftlichen Betriebes und der geistigen Regsamkeit in der Renaissance erfuhr, wie die ganze Lebensanschauung, auch die Betrachtung der Bibel und ihrer Gestalten eine wesentliche Aenderung. Das kirchlich-stabile Denken hatte seine Alleinherrschaft verlören, eine individuelle Lebendigkeit gab allen Produkten des Geistes ein neues Gepräge. . Das Erwachen und die Ausbildung des Individuums tritt umso deutlicher als ein Hauptmerkmal der Renaissance hervor, weil für die vorangegangene Zeit gerade der Mangel alles Individuellen charakteristisch ist. Die Scholastik hatte das Denken in wirklichkeitsferne Begriffe und in Ketten von Syllogismen aufgelöst; da war nicht Raum noch Kraft für ein sinnenwahres Anschauen des Lebens. Und das Leben selbst war ohne Eigenart des Verlangens und ohne selbstsreudige Lust; es fehlte ihm die Gegenwart.und das Diesseits und die .daseinsvolle Persönlichkeit. Auch in dem wärmeren und warmen Hauch der Bettelörden und der Mystik war dem Individuum ckein Leben gegeben; bedeutete doch für sie gerade Freiheit Auflösung des Ich. So sah man auch in den Erzählungen und Personen der Schrift nur Typen, Symbole und leblose Allegorien. Man sah nicht einmal eine Typik der Personen, sondern nur eine Typik der Fakta, und diese nur in ihrer Beziehung auf die Zukunft, als Prototyp für das Kommende. „Die Exegese ist unfähig, eine Ueberleitung zum Neuen Testament zu schaffen, und so setzt man lieber den Inhalt dieses dort voraus, um nur das Recht der Kirche auf das Alte Testament behaupten zu können. Man sieht in der Allegorie ein gefügiges. Mittel zur Lösung der Schwierigkeiten, sie ist elastisch genug, stets .solche Ergebnisse zu liefern, die man wünscht." (L. Diestel.) .Das Hebräische ist ganz unbekannt, und man erwehrt sich jüdischer Deutungen, wo man von solchen hört. Als Grundlage dient ausschließkich die Vulgata; erklärt doch noch 1590 Sixtus V., sie sei dem Grundtext gleichzustellen. Das Bibellesen wird vielfach verboten. (Wird doch noch -heute von katholischer Seite der Standpunkt vertreten: „die Bibel hat durchaus nicht die Bestimmung, zu jenem allge- ^meinen Volksbuche zu werden, .— — sondern die Bibel und -Tradition dahintragende Kirche ist das von Gott gewollte .Mittel, die Völker in die christliche Erkenntnis und das christliche Leben einzuführen." (Kirchenlexikon von Wetzer und Welte.) Das Höchste, was. dem Volke geboten wird, ist eine gloffatorifch-homilienartige Exegese. Die Mystiker verachten die