Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228602--60802-3274590- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
—:— 234 bisher in keiner Weise zu den Gemeindeausgaben beigetragen haben. Die zahlreichen israelitischen Lehrer in Saloniki haben sich zu einem Verbände zusammengeschlossen und haben einen vollständig einheitlichen Lehrplan sür ihre Schulen ausgestellt. In den benachbarten Ortschaften Salonikis, wie in Caraseria und Cavala ist man dem Beispiel der Provinzialhauptstadt gefolgt und gegenwärtig dabei, eigene Schulgebäude zu errichten. — Die Juden in Monastir wollten ihren Brüdern in Saloniki nicht nachstehen; sie sind sogar noch weiter als die Bewohner Cavalers und Caraferias gegangen und haben den Plan gefaßt, eine landwirtschaftliche Schule zu begründen, zu deren Kosten jedes Mitglied 1150 Franks beitragen soll; außerdem ist die „Jewish Colonisation“ von ihnen um eine Beihilfe zu diesem Werk ersucht worden. — Und nun von den ernsten Dingen zu einer heiteren Begebenheit. Baron Edmond v. Rothschild hat in Begleitung seiner Gemahlin auf einer Reise, wie wir bereits oben berichtet, auch Saloniki einen Besuch abgestattet. Dieses Ereignis hat unter den dortigen Bewohnern jubelnde Begeisterung hervorgerufen. Tausende von Neugierigen füllten.die Straßen bei der Ankunft des Paares, das ein gütiges Geschick nach Saloniki geführt. Mit allen nur erdenklichen offiziellen und offiziösen Mitteln versuchte man den Baron zu bewegen, seine Börse zu öffnen. Die in Saloniki erscheinenden verschiedensprachlichen Tagesblätter brachten lange Artikel über die Geschichte der Familie von Rothschild vom Ursprung derselben bis auf den jetzigen Vertreter. Baron von Rothschild überreichte dem Konsistorium einen Check über 5000 Franks zur Verteilung an die armen Juden der Stadt. Nun gibt es nach den Angaben des Journals „Epoca" dort nicht weniger als 10000 Arme; die natürlich alle gern einen Anteil an dieser Spende haben wollten und nach der Abreise sehnsüchtig des Augenblicks der Verteilung harrten. Fand doch der Besuch gerade in einer sür die Armen Salonikis bemerkenswerten Jahreszeit statt, im September, wo der Gemeinderat einem alten Brauche gemäß den Armen den Betrag ihrer jährlichen'Wohnungsmiete zu verabreichen Pstegt. Wie sollte man nun 5000 Franks unter 10000 Bewerber verteilen? Es erschien selbstverständlich nicht angängig, jedem Bedürftigen 50 Centimes auszuhändigen, und so beschloß man, vorläufig 4750 Franks unter 475 Arme, d. h. also Pro Kopf 10 Franks zur Verteilung zu bringen und den 250 Franks betragenden Rest der gespendeten Summe der Kommission, welche mit der Aushändigung der Jahresmieten beauftragt ist, zur Verfügung zu stellen. Und zum Schluß noch etwas Lustiges. Die jüdische Zeitung „L^Avenir" hat sich in ihren Mußestunden, oder vielmehr deren Redakteur — denn eine Zeitung, die etwas auf sich hält, hat niemals Mußestunden — eine eigenartige Umrechnung des. gegenwärtigen Vermögens des Barons Rothschild zurechtgelegt. Nimmt man an, so schrieb dieses Blatt, daß der Baron ein Vermögen von einer Milliarde Franks besitze, so würde dieses Vermögen in silbernen Einsranksstücken einem Gewichte von fünf Millionen Kilo, in goldenen Zwanzigsranksstücken einem Gewichte von 322 580 Kilo entsprechen, in Hundertfranksscheinen 11500 Kilo und in Tausendsranksscheinen noch 1780 Kilo schwer sein. Erwägt man nun, daß ein Mensch höchstens ein Gewicht von 100 Kilo zu tragen imstande ist, so würden zur Fortschaffung' der Milliarde in Tausendsranksscheinen 18 Lastträger, in Hundertfranksscheinen 115 Lastträger und bei einer Milliarde in Silber nicht weniger als 50000 Lastträger erforderlich sein. Das Vermögen des Barons Edmond soll sich nun in Wirklichkeit auf vier Mistiarden belaufen; die gegebenen Zahlen müßten mithin vervierfacht werden. (?) - So unterhalten also unsere Zeitungen ihre Leser. In der Tat, das orientalische Wort: - „Der Arme verbringt seine Zeit mit der Berechnung des Vermögens des Reichen" hat nicht so ganz Unrecht. Sara Leoy. 6m Seäenkblalt. r Von Regina Neisser. er große reformatorische Einfluß Moses Mendelssohns auf seine deutschen Glaubensgenossen erstreckte sich auch auf die Frauen jener Zeit. Die Anregungen, die seine Töchter Dorothea und Henriette im Verkehr mit ihrem großen Vater und dessen Freundeskreis empfingen, teilten sich naturgemäß auch deren Freundinnen, mit. Zu diesen zählten neben Henriette Herz und Rahel Levin auch die Töchter des durch Reichtum, Freigebigkeit und Bildung bekannten und beliebten Bankiers Daniel Jtzig in Berlin, der von Friedrich dem Großen zum Oberältesten aller jüdischen Gemeinden ernannt worden war. Er war Vater von dreizehn Kindern, darunter neun Töchter, denen er. eine äußerst sorgfältige Erziehung und Ausbildung angedeihen ließ, und deren Verheiratung ihn mit den angesehensten und gelehrtesten Männern der Zeit in Familienbeziehungen brachte. So wurde seine älteste Tochter die Gattin . David Friedländers, des Freundes und Schülers Moses Mendelssohns, des ersten jüdischen Stadtrats von Berlin, der bis zu seinem Tode auch zu den vertrautesten Freunden Wilhelm von Humboldts zählte. Bezeichnend sür das innige Verhältnis, welches die beiden ausgezeichneten, so verschiedenen Lebenssphären.angehörende Männer verband, ist ein Brief Wilhelm von Humboldts, den er kurz nach seiner Vermählung mit Karoline von Dachröden an David Friedländer richtete, in dem er das ihn im Besitze der Geliebten erfüllende hohe Glück in den beredtesten Worten schilderte. Die zweite Tochter, Rebecca, war mit dem Sohne des Münzmeisters Ephraim verheiratet, und war in so hohem Maße Meisterin der Rede, daß man von ihr sagte, ihre Reden seien dichterisch. Cäcilie und Fanny hatten als die Gattinnen der bedeutenden Bankiers Eskeles und Arnstein, welche später in den Adelstand erhoben wurden, in der österreichischen Metropole eine zweite Heimat gefunden und sich selbst eine hervorragende gesellschaftliche Stellung durch Vorzüge des Geistes und Gemütes, gepaart mit Reichtum, hohem Wohltätigkeits- und Kunstsinn, dort geschaffen. Gleich ihren Schwestern, eine Frau von Geist und Güte, Gemüt und Verstand, das höchste Gebot der jüdischen Ethik: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", durch ihr langes gesegnetes Leben in idealster Weise betätigend, ragt Frau Sara Levh (1761—1854} aus dem 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein, als die letzte vornehmste Vertreterin jener Glanzepoche der Berliner Salons. Während jedoch die Schöpferinnen und Trägerinnen derselben, Dorothea Mendelssohn- Herz und Rahel Levim den angestammten Glauben verließen, war es Frau Sara Levy und ihren Schwestern in Wien vergönnt, geliebt, verehrt und bewundert von ihren Zeitgenossen, nicht nur auf diese, sondern auch auf ein späteres Geschlecht als glaubenstreue und glaubensstarke' Jüdinnen den höchsten Einfluß durch ihr Vorbild und Beispiel auszuüben. Die Entwicklung bedeutender Persönlichkeiten läßt sich nur richtig beurteilen, gebührend würdigen, wenn man fragt :