Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fragen abzugeben. Zur großen Freude der interessierten Kreise wird nun seit Mitte November in der Zeitung „El Tiempo" über die Gemeindesitzungen referiert. So erfuhren wir gelegentlich der Einführung der neuen Gemeindesteuer, die bekanntlich eine stärkere Heranziehung der zahlungsfähigen Bevölkerungsschichten veranlaßt, daß für jedes Stadtviertel und für jeden Vorort Kommisstonen eingesetzt waren, die den von jeder israelitischen Familie zu zahlenden Steuerbetrug festsetzten. -Aus den von diestzn an den Gemeinderat erstatteten Berichten ist zu entnehmen, daß von den fünf- oder sechstausend Israeliten Konstantinopels 1280' zur Steuer veranlagt worden sind; sie müssen zusammen 19 531 Franks, jährlich aufbringen, während in früheren Jahren 400 Steuerpflichtige nur 7300 Franks, zahlten. Es wäre also das erfreuliche Resultat einer um 12 161 Franks vermehrten Steuereinnahme zu verzeichnen. Ferner verdanken wir den in Rede stehenden Sitzungsberichten die interessante Nachricht, daß der Gemeinderat eine Revision der Legate angeordnet hat, die deri hiesigen Synagogal- und Wohltätigkeitsanstalten gehören. Da liegen schon aus älteren Zeiten Vermächtnisse hochherziger Männer an Grundstücken, Häusern und Geschäftsbetrieben, deren Erträgnisse zum Unterhalt verschiedener Anstalten dienen sollten. Leider waren diese Stiftungen nicht immer in ganz unanfechtbarer Form gemacht worden und besaßen selten eine andere Bestätigung als däs Zeugnis, der Umgebung des Verstorbenen. So kam es mit der Zeit, daß sich Nachkommen dieser Wohltäter gegen den Willen der letzteren die in Rede stehenden Grundstücke aneigneten und dadurch die Gemeinde natürlich schwer schädigten. Es wäre im Interesse der Sache sehr zu wünschen, daß der Revisionskommission, die ihr Werk bereits begonnen hat, ein voller Erfolg beschieden sein würde. Starkes Interesse ist in letzter Zeit für das hiesige israelitische Seminar erwacht, dank seiner erfolgreichen Tätigkeit, die bereits in die Erscheinung zu treten beginnt. Der neue Großrabbiner von Brussm einer ziemlich bedeutenden Gemeinde, der neue, Direktor der Gemeindeschule in Konstantinopel und ein neuer Sekretär im Großrabbinat der türkischen Hauptstadt verdanken ihm ihre Vorbildung. Dies genügte, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Lehranstalt zu lenken, die in feuchten, luft- und lichtlosen Räumen ein kärgliches Unterkommen bisher gefunden hat. Man plant aber bereits, der Anstalt ein neues, ihr würdiges Gebäude zu errichten. In einer Sitzung der Anglo Jewish Association in London ist jüngst auf Anregung der Frau Elias Pascha Cohen, der Gattin des Dr. Elias, über eine Subvention zum Unterhalt dieses Seminars beraten worden. Die A. J. A. wartet erst einen Bericht der Seminardirektion ab, um einen erheblichen Unterstützungsbeitrag zu bewilligen. Die Begeisterung für die Armee schlägt in Konstantinopel augenblicklich hohe Wellen. Täglich veröffentlichen die Zeitungen die Namen derer, die der Armeeverwaltung Geschenke an Kleidungsstücken, Strünrpfen und Schuhen gemacht haben. Auch die Juden haben hinter dem Patriotismus ihrer Mitbürger nicht zurückstehen wollen. . Der Großrabbiner erließ einen diesbezüglichen Aufruf an die Glaubensgenossen. .In jedem Vorort sind Sammelstellen eingerichtet worden, die Geld-- betrüge resp. Kleidungsstücke in Empfang nehmen, Dieser Enthusiasmus der Konstantinopeler Juden hat sich auch den kleinen Gemeinden der Umgegend mitgeteilt. Auch die Ortschaft, in der sich Schreiber dieser Zeilen augenblicklich befindet, ist daran beteiligt. So wurden eines Tages die Honoratioren der hiesigen jüdischen Gemeinden, ebenso wie die der anderen Konfessionen, von dem Militärkommandanten Jsmael Pascha, einem alten braven Haudegen,- nuf den- Kasernenhof geladen) um der Verteilung der gespendetes Kleidungsstücke beizuwohnen. Vorher hielt der Pascha eine kleine Ansprache: „Soldaten," rißf er nach Art Bonapartescher Proklamationen, „die hier anwesenden Herrschaften sind die Honoratioren -unserer Mitbürger. Voll sorgender Liebe um Euch hüben sie Euch diese Kleidungsstücke gespendet, denket Eurenteils daran, daß Ihr sie, Eure Wohltäter, wenn Gefahr droht, zu schützen habt gegen die Feinde." Der Patriotismus der jüdischen Bürger hat sogar die Grenzen des türkischen Reiches überschritten und in der jüdisch-türkischen. Kolonie in Wien ein Echo gefunden. . Die Mitglieder der dortigen Kolonie .haben unter dem Vorsitz des Herrn Schukri-Pascha, des Militärattaches der dortigen türkischen Gesandtschaft, eine private Subskriptionsliste zugunsten der ottomanischen Armee eröffnet; 75 000 Piaster sind bereits gezeichnet worden. . Ein interessantes Ereignis hatte vor längerer Zeit die Gemeinde Smyrna zu verzeichnen, nämlich den Besuch des Barons und der Baronin Rothschild. Abgesehen von Palästina, für das diese hochherzigen Philanthropen ungezählte Summen hergegeben haben und noch, geben, war bisher noch keine jüdische Gemeinde im Orient durch ihre Freigebigkeit ausgezeichnet worden. Auf ihrer diesjährigen Jachtreise haben sie in'--einigen Häfen der Levante Station gemacht, die dortigen Gemeinden besucht und hohe Summen als Geschenke hinterlassen. So erhielten Saloniki 15 000 Francs, Smyrna 33 500 Francs und Rhodus ebensoviel. Das hohe Interesse, das ihnen die Wohlfahrtseinrichtungen der Smyrnaer Ge-. meinde eingeflößt, hat siezu diesen hochherzigen Spenden veranlaßt. Da in Smyrna augenblicklich die Erbauung eines Waisenhauses projektiert ist, so hat der dortige israelitische Gemeinderat wor kurzem beschlössen: 1. An der Front des zu erbauenden Waisenhauses soll eine Marmortafel angebracht werden, die das Datum des Besuches des-Barons und der Baronin Edmond von Rothschild tragen soll. 2. Alljährlich soll am Versöhnungstage in allen Tempeln Smyrnas ein besonderes Gebet für diese beiden Wohltäter gesagt werden. 3/Soll die Verwaltung des israelitischen Krankenhauses, der Baronin von Rothschild ein Ehren- und Dankesdiplonr ausfertigen. i. Zugunsten des obenerwähnten Krankenhauses, sowie des Vereins zur Bekämpfung der Bettelei, ist der Gemeinde Smyrna 'auch die Ermächtigung zu teil geworden, eine Geldlotterie zu veranstalten. Jährlich finden sieben Ziehungen statt. Die Hauptgewinne betragen 25 000 Francs, 20 000 Francs und 16 000 Francs. Außerdem sollen nach und nach sämtliche Lose amortisiert werden; durch diese Kombination wird es auch den Verlierern möglich, einen Teil des ursprünglichen Betrages wieder zu erlangen. — •# : Ernst und heiter stimmende Ereignisse haben in der Geschichte der Gemeinde Saloniki in der letzten Zeit miteinander abgewechselt. . ' ■ Zu den traurigen Ereignissen zählt das von mir mitgeteilte Plötzliche Hinscheiden des sehr verdienstvollen und hochherzigen Dr. Jacques Nissim Pascha. Pflicht eines Berichterstatters ist es auch, nicht unerwähnt zu lassen, daß der Geist der Reorganisation, der gegenwärtig unter den Juden Konstüntinopels herrscht, in gleichem Maße auch bei den Juden Salonikis sich geltend gemacht hat, um die Finanzen ihrer Gemeinde zu verbessern: Saloniki kann sich rühmen, nach dieser' Richtung sogar der Hauptstadt ein Beispiel gegeben zu haben; es ist gegenwärtig eine Bewegung im Gange, die alten Gesetze wieder in Wirkung treten zu lassen, die von der späteren, ein wenig allzu ängstlichen Generation außer Kraft gefetzt waren, Und eine' Kopfsteuer den Personen : auszuerlegen , welche