Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
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Auch in England wird nichts so heiß ' gegessen, -wie'u es gekocht wird. Nachdem die unmögliche Fremdenbill am 29. v:rM. die'zweite Lesung passiert ist, werden jetzt von allen Seiten Anstrengungen gemacht, sie durch wesentliche Amendementsjffo zu gestalten, daß sie ihres monströsen Charakters entkleidet und zu' einem der glorreichen Vergangenheit Englands würdigen Gesetze umgestaltet werde. Die Hoffnung, zu einer Allseitig befriedigenden Lösung der so aufgebauschten Fremdönfrage zu gelangen) ist umso berechtigter, als auch die Majorität des Unterhauses die zahlreichen Mängel der Bill rückhaltlos zugeben mußte, und als selbst die Regierung durch den Mund des Ministers erklärt hattejeden Verbesserungsvorschtag, der geeignet. sei, die Bill so zu gestalten, daß das ins Auge gefaßte - Ziel dadurch erreicht werde, bereitwilligst akzeptieren. ' In erster Reihe wird nunmehr geplant, das von der Regierung von - jedem Immigranten verlangte b ehö rdliche Abzug sattest wieder zu beseitigen oder derart zu modifizieren, daß die Auswanderer nicht vollständig dem bösen Willen der russischen und rumänischen Behörden überliefert werden. Mr. Dalziel schlug daher vor, den betreffenden Passus der Bill gänzlich fallen zu lassen, während andere Liberale wenigstens die Bezeugung der „Andecedentien" des Einwanderers aus dem verlangten „Zertifikat" entfernt sehen wollten. ' i Des fernern will man die von der Bill geforderte Stellung der Einwanderer unter Polizeiaufsicht entweder ganz aus dem Gesetz eliminieren oder die Dauer der polizeilichen Aufsicht auf nur ein Jahr beschränken. Der Paragraph, durch welchen die das Schiff besteigenden untergeordneten Beamten das Recht erhalten, die Landung eines Einwanderers solange, zu verhindern, bis die Entscheidung des Ministers eingeholt worden ist,- wurde selbst von antialienistischer Seite.als bedenklich bezeichnet.. Die Opposition beabsichtigt nun, '-die Einsetzung eines Kollegiums zu beantragen, das nach nordamerikanischem Muster über die Zulassung der Einwanderer entscheiden soll. Der Emigrant soll überdies das Rechtler- Halten, einen Anwalt zu nehmen, der vor dem Kollegium 'für seine. Zulassung plaidieren soll. Große Opposition findet ferner die Bestimmung, welche den Minister des Innern ermächtigt, jedem „unerwünschten" Einwanderer für alle Zeiten das Betretenr englischen Bodens zu verbieten.. Mr. Whitley beantragte, diese: Bestimmung einfach zu streichen. Ferner soll in i,ber Kommission die Regierung aufgefordert werden, sich, über den Begriff „Personen von notorisch schlechtem Charakter" und Personen, die' geeignet sind, der öffentlichen Wohltätigkeitzur Last zu fallen" deutlicher ausdrücken. Man sieht also selbsfiin ■ den' Kreisen)/die' f'ür'Äe' Bill' gestimmt haben, jetzt schon ein, daß man in der Hitze des Gefechts zu weit gegangen ist.. l . Wie soll ferner der das Schiff besteigende Subalterne wissen, ob jemand geeignet ist, der Wohltätigkeit zur Last zu fallen? Biel Widerspruch findet auch die Bestimmung, wonach dem Minister des Innern die Befugnis erteilt wird, Fremde binnen zwei Jahren nach erfolgter Landung noch nachträglich auszuweisen,-falls auf die Denunziation eines Dritten sich Herausstellen sollte, daß der betreffende Einwanderer in den letzten .fünf Jahren in einem fremden Lande ein .Verbrechen »begangen^ hat, „von" notorisch schlechtem. Charakter ist oder innerhalb der letzten 12 Monate eine öffentliche Unterstützung empfangen hat. Die Bestimmung öffnet dem. Denunziantentum Tür und Tor. Was nun endlich die Errichtung , der „verbotenen Rayons" anbelangt, so stieß diese unglaubliche, offenbar den berüchtigten russischen Mäigesetzen entnommene Bestimmung während der zweiten Lesung der Bill auf allseitigen -Widerspruch- und es steht-zu erwarten, daß der Antrag Mr' Travelyans auf Streichung -dieses Monstrums zweifellos angenommen werden dürfte. Verschiedene deutsche Blätter beröffenllichen den Wortlaut einer Verfügung, die von dem Direktor des Polizeidepartements des ru s si sch e n : Ministeriums des-Innern- Herxn> Lopuchin, an sämtliche Gouverneure des .Anfiedlungsrahtzns:-gerichtet worden ist. Das — streng vertrauliche -- Zirkular vom 16. März lautet: ’ „Nach Meldungen, die beim Polizeidepartement einlaufen, herrscht in,Orten mit größerer jüdischer Bevölkerung ein scharfer Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden. . . . . . . . Infolgedessen habe ich die Ehre, Eure Exzellenz zu ersuchen, alle - Vorkehrungen zu treffen, um die auf Grund dieser Feindschaft entstehenden Unruhen im Keime zu ersticken.- Jede Vergewaltigung des einzelnen. Teils der Bevölkerung durch den anderen werde ich.als Beweis mangelhafter und unzweckmäßiger Ausführung der gewünschten Vorbeugungsmaßregeln ansehen." Infolge dieser Instruktion an die Gouverneure wurde die Ruhe während der kritischen russischen Osterfeiertage nicht gestört. Die Tatsache, daß die Regierung keine Exzesse wollte und ihren Willen den untergeordneten Organen unzweideutig kundgab, hat zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung genügt. Man ersieht /daraus, wie wenig in Rußland dazu gehört, antisemitische Krawalle zu verhüten, und wie leicht es der russischen Regierung gewesen wäre, die Greuel von Kischinew und Homel nicht geschehen zu lassen. Gerade aber bei den Unruhen in Kischinew hat dieser Herr Lopuchin' eine wenig beneidenswerte Rolle gespielt. ~ : Uebrigens wurden trotz dieses Zirkulars in dieser Woche Nachrichten über neue Judenkrawalle in Bessarabien verbreitet. Aus Lemberg berichtet man über einen Exzeß, der am vorigen Sonnabend in Bender, drei Stationen von Kischinew, während des Gottesdienstes von 80 Kazapen verübt wurde. Diese zerschlugen zuerst alle Fensterder von den Juden bewohnten Nekrasewgasse, schrien nach Blut, weil die Juden am Kriege schuld seien, und drangen in ein Haus, wo sie zwei Männer und.ein Mädchen töteten. Dann warfen sie in der Wohnung des Möbelhändlers Rothnski dessen Frau, welche im Wochenbette lag, zum Fenster hinaus und schlugen ihr auf der - Straße den Schädel mit einer Hacke ein. Als nach einigen Stunden Kosaken erschienen, war der Pöbel so wild, daß er sich nicht auseinandertreiben ließ. Der Kommandant telegraphierte nach Kischinew um Ordres, worauf der Gouverneur zurücktelegraphierte: „Schießen!" Die Drohung, es würde geschossen werden^ wirkte. Sie hätte auch in Kischinew gewirkt. lörirkr aus dem Srirnt. Jnr April 1904. israelitischen Blätter boten in letzter Zeit wieder eine Fülle interessanter Neuigkeiten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Beginnen wir also mit den Ereignissen, in Konstantinopel. Hier 'hat der Gemeinderat unvermutet mit dem. Brauch der Geheimhaltung seiner Verhandlungen gebrochen. Bisher dräng von dem Verlaus der Sitzungen und von der. Motivierung einzelner Beschlüsse nichts in. die Oeffentlichkeit, die dadurch eigentlich niemals in der Lage war,, ein billigendes oder kritisierendes Urteil in der Behandlung von Gemeinde-