Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 19. Berlin, 6. Mai 1904. Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums" korrelponden-m und Mschrichtem - Deutschland. 22 Berlin, 1. Mai. Die deutsche Iudenheit betrauert eineu ihrer Edelsten und Besten. Am 28. b. M. ist in Newyork Alfons Jacobson an einer Lungenentzündung gestorben. Ebenso rastlos und unermüdlich wie bei seiner Arbeit war der im besten Mannesalter Heimgegangene auch im Wohltun. Ein Neffe Jacob Nachods, wurde er nicht nur dessen Nachfolger im Lebenswerk als Mitinhaber der großen und altrenommierten Bankfirma Knauth, Nachod & Kähne in Leipzig und Newhork, sondern auch dessen geistiger Erbe und Nachfolger. Sein Wohltätigkeitssinn war weit und breit bekannt. Es gibt, keine Wohltütigkeitsinstitution in Deutschland, die diesen nicht mit Erfolg erprobt hätte. Während er selbst einfach uüd bescheiden lebte, gab er den Bedürftigen mit vollen Händen, und begeisterte er sich für jedes Hilfs werk zu gunsten seiner Glaubensgenossen, vor allem für die Bestrebungen, die dieses Hilfswerk auf eine gesunde Basis zu stellen berufen waren. Er gab aber nicht nur, er arbeitete auch im Interesse der Juden und des Iudentunrs in Deutschland. Und zwar aus voller Kraft, mit freudigem Enthusiasmus, in inniger Hingebung. Seine Güte war fast sprichwörtlich geworden; seine Milde und Menschenliebe waren der „goldene Schild" eines, liebewarmen Herzens. Seine Rechtschaffenheit, Offenheit und Wahrhaftigkeit waren der Schmuck des Mannes,.den alle schätzten, die ihn kannten. Das Andenken dieses Edlen wird fortleben; denn die zahllosen guten Werke, die er geschaffen und gefördert, werden seine Ehre verkünden unter den Menschen. s. Berlin, 1. Mai. Vor Eintritt in die Tagesordnung der heutigen sehr kurzen Repräsentant enversammlung spricht in Form einer Interpellation Herr Aron Hirsch sein lebhaftes Bedauern aus, daß die vorwöchige Versammlung des „Verbandes der deutschen Juden", dem bekanntlich der Sitzungssaal der Repräsentanten eingeräumt worden war, nicht offiziell seitens des Gemeindevorstandes begrüßt worden ist. Vorsteher Martin Simon rechtfertigt das Verhalten der Gemeindeverwaltung dahin, daß der Vorstand zur neuen Organisation nicht vor der endgiltigen Umgrenzung ihres Wirkungskreises hätte Stellung nehmen können. Der Gemeindevorstand habe zur Konstituierung des Verbandes bereitwilligst den Saal zur Verfügung gestellt und hätte mithin vorläufig weitere Verpflichtungen nicht gehabt. Nachdem aber nunmehr Zwecke und Ziele des Verbandes fixiert seien, werde die Gemeinde Berlin als solche gern Mitwirken, worin sie von der Repräsentantenversammlnng wirksame Unterstützung erhoffe. Vorsitzender' Geheimrat Blumenthal kann entgegen dieser Erklärung das Verhalten des Gemeinde-. Vorstandes'nicht als korrekt betrachten. Die zur konstituirenden Versammlung Erschienenen,^ worunter sich die hervorragendsten Männer der deutschen Iudenheit befunden hätten, seien Gäste der Gemeindeverwaltung gewesen und hätten schon als solche offiziell begrüßt werden müssen. Der allseitige Beifall, den diese Worte des Vorsitzenden fanden, bewies, daß die Meinung der Versammlung in dieser Angelegenheit die gleiche war. Damit war die Interpellation erledigt. In schneller Aufeinanderfolge und meist debattelos wurden alsdann eine Zuwendung angenommen und mehrere Bewilligungen ausgesprochen. — Die Zuwendung der Eheleute Julius und Betth Joelsohn im Betrage von 50000 Mark an die Alterversorgungsanstalt wurde widerspruchslos genehmigt. Die Michael Rothschild's che Nachlaßsache wurde in die geheime Sitzung verwiesen. An Ausgaben wurden bewilligt für den Privatfeuermelder der Synagoge in Charlottenbürg 753,59 Mark, für die Auffrischung der im Sitzungssaal befindlichen Oelbilder 60 Mark. An Subventionen wurden genehmigt: an den Religionsverein Beth Zion 2000 Mark, an den Religionsverein der Lippmann Tauß-Synagoge (in beiden Fällen wurde die.gegen das Vorjahr erhöhte Subvention zur Ausbesserung der Lehrergehälter, in letzterem Verein auch noch zur Einrichtung einer neuen Klasse gewährt), ferner an den Verein für jüdische Geschichte und Literatur 800 Mark, an das jüdische Kinderheim Hierselbst 300 Mark und an das jüdische Kurhospital in Kolberg 800 Mark. Die Satzungen der Kommission für die sestgottesdienstlichen und die musikalischen Angelegenheiten wurden mit einer kleinen Aendeung dem Vorschläge gemäß angenommen. Der Gemeindevorstand wünscht zur Vermeidung von etwaigen Mißhelligkeiten nicht die satzungsgemäße Festlegung der Bestimmung, daß unter den vier Gemeindemitgliedern der genannten Kommission mindestens drei musikverständig sein müssen, wenngleich auch der Vorstand sich bereit erklärte, diesem Wunsche, soweit irgend möglich, stattzugeben. Die Versammlung erklärte sich mit dieser Streichung einverstanden. Die Festsetzung des Honorars für den Leiter des gynaekologischen Poliklinik, wurde in die geheime Sitzung verwiesen entgegen dem Proteste, den Herr Weinberg gegen diese Art der Vorlage einlegte. s. Berlin, 1. Mai. Am 20. v. M. beschloß Herr Rabbiner Dr. Bäck-Oppeln seinen Zyklus und zugleich die Arbeitssession des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" mit seinem dritten Vortrage über „Das Wesen des Judentums". Ueber die drei Vorträge berichtet das folgende Resümee: Das Judentum ist im Verlaufe seiner Geschichte räumlich und geistig mit der ganzen Welt in Berührung gekommen; es hat aber trotzdem einen Wesensbesitz aufzuweisen, der in allem Wandel der Tage und der Geschichte seststand, obwohl ihm kein Dogma seine äußere Beständigkeit gewährt hat. Dies war möglich, nur weil das Judentum einen ununterbrochenen geistigen Kampf um die religiöse Daseinsberechtigung zu führen hatte. Als Minorität war es zum Denken gezwungen; gegenüber der Macht siegreicher geschichtlicher Tatsachen mußte es das Recht und die Pflicht, zu existieren, vor dem Richterstuhle der Wahrheit immer wieder für sich erstreiten. In dieser steten Berührung und Auseinandersetzung mit herrschenden Richtungen wurde die israelitische Religion immer neu, ihre Eigenart ist nicht zum mindesten eine Eigenart der Geschichte, jedes System des Judentums ist auch eine Geschichte des Judentums. Das Prinzip der Entwicklung ist durchaus wesentlich. Auf keine ihrer Epochen nagelt sich die Religion fest, und mit keiner schließt sie ab, sie muß immer zur Gegenwart werden und ist in dieser Hinsicht, so sehr sie auf sicherer Vergangenheit sich ausbaut, vergangenheitlos. Die Entwicklung wird zur immer wiederkehrenden Renaissance. Das Judentum vermochte dies, weil es als prophetische Schöpfung seine frische persönliche Kraft, seine Unabgeschlossenheit, seine Freiheit von aller einengenden Systematik von Hause aus besaß und sich erhielt. Die Propheten sind keine gelehrten Forscher, sondern Männer, die ihrem religiösen, sittlichen Empfinden Ausdruck geben, ihm Forderung und Gebot entnehmen. Sie halten daran fest, daß die Religion Sicherheit und Rechtfertigung in sich trage; die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel besteht vor allem darin, daß die Religion in ihr rein religiös begründet wird. Sie gliedert sich keinem bestimmten Wissensgebiete und keiner bestimmten- Wissensstuse ein, und es kann darum keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen geben. Weil aus dem sittlichen Empfinden geboren, kennt die Religion nur einen Beweis der Frömmigkeit, die rechte sittliche Tat. Gott suchen, d. h. nach Guten streben; Gott finden, d. h. Gutes tun; tue deine Pflicht, dann weißt du, wer Gott ist. Dem Zwiespalt zwischen Glauben und Tun ist der Boden entzogen, da die Religion nur durch das Leben dargetan werden kann. Es gibt nur eine menschliche Heiligkeit, nur eine Gottesnähe, die, welche durch die rechte Tat erreicht wird. Da das Judentum so in der sicheren Klarheit des Lebens auch seine höchste Vollendung findet, so kann in ihm kein Gegensatz zwischen Innen- und Außenstehenden statthaben, wie er überall dort hervortritt, wo in außergewöhnlichen seelischen Erfahrungen eine besondere Heiligkeit sich kund tun will. So ist es z. B. im Buddhismus, in den Geheimkulten der griechischen Welt, im Katholizismus geschehen. Das Judentum erkennt keine Abgrenzung von Erleuchteten und Unmündigen an; es verlangt, daß die gesamte und voll-