Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Mitteilungen. — Majer Balaban: Przeglad lileratury historyi Zydöw w Polsce. Lemberg 1903, 8° 16 Seiten. Vor einigen Jahren hat der Professor für Geschichte an der Lemberger Universität Ludwig Finkel die Zusammenstellung des bibliographischen Materials zur Geschichte der Juden in Polen in Angriff genommen. Seine diesbezüglichen Arbeiten hat er im zweiten Bande (Krakau 1896, S. 631 und 782) seiner Bibliografia historyi polskiej niedergelegt. Als Fortsetzung vott Finkels Arbeit ist die vorliegende Schrift Balabans „Uebersicht über die historische Literatur der Juden in Polen" zu denken, die alle in den Jahren 1899 bis 1903 erschienenen, aus die Geschichte der Juden in Polen sich beziehenden Werke und Abhandlungen namhaft macht und deren genauen, sehr instruktiven Inhalt angibt. Ist auch die Zusammenstellung etwas lückenhaft, so wird doch das vorliegende Schriftchen jedem, der sich mit der Geschichte der Juden in Polen beschäftigt, sehr willkommen sein und ihn vor Zeitverschwendung schützen. Es wäre erwünscht, solche summarischen Zusammenstellungen in gewissen Zeitabständen regelmäßig erscheinen zu lassen, denn abgesehen von dem großen, augenblicklichen Nutzen für den Historiker, könnten sie wertvolle Vorarbeiten für eine umfassende Bibliographie der Geschichte der Juden in Polen werden, lind wenn uns die Zeichen nicht trügen, wird die Ernte in der nächsten Zeit entschieden reicher sein, denn in Polen wächst ein Geschlecht heran, das, wissenschaftlich vorgebildet, mehr als bisher mit der Judengeschichte des Landes sich befaßt. Dr. I. Spinner. SMchsasl» Sehr geehrter Herr Redakteur! " ^kn der Generalversammlung des -Vereins zur Abwehr des Antisemitismus sagte ein Redner, „die Zurücksetzung des Juden beim Militär würde im Privatleben als Eeineinheit bezeichnet werden." (Bericht des „Berliner Tageblatt"). Als Gemeinheit müßte man demnach bezeichnen, daß eine Reihe deutscher chemischer Fabriken keine jüdischen Chemiker.anstellt, trotzdem dieselben oft die besten Empfehlungen und Zeugnisse haben. Da ist vor allen Dingen die größte chemische Fabrik der Welt, die „Badische Anilin- und Sodafabrik" Ludwigshasen a. Rh., die prinzipiell keinen Juden anstellt. Bei ca. 200 Chemikern, 100 Ingenieuren, 500 Kaufleuten ist nicht ein Jude. Als ich mich vor ca. sieben Jahren dorten bewarb, wurde meine Bewerbung zurückgewiesen. Als ich mich bei einem Freunde erkundigte, warum, sagte mir derselbe Herr, die Fabrik stellt prinzipiell keine Juden an. Damals wurden einige Ausländer engagiert, aber ein deutscher Jude, der die glänzendsten Zeugnisse hatte, zurückgewiesen. Der Angestellte bezeichnete diese Handlungsweise selbst als lächerlich. Getaufte Juden stellt diese Fabrik an. Wie mein späterer Chef mir sagte, wäre diese Fabrik gerade durch Juden in die Höhe gekommen und erwähnte dabei den Hofrat Caro in Mannheim, einen unserer bedeutendsten Chemiker. Ich weiß nur nicht, ob Caro noch Jude ist, aber es ist ja auch gleichgültig für diese Frage. . Jüdische Angestellte nimmt diese Firma nicht, aber an jüdische Lacksabriken, Färbereien rc. verkauft sie gern ihre Erzeugnisse; da wird kein Unterschied gemacht zwischen Jude und Christ, und Juden gehören zu den Hauptabnehmern. Von Firmen, die ich kenne, die keinen Juden nehmen, nenne ich noch folgende: 1. E. M. Haen, Hannover; 2. Jänecke & Schneemann, Hannover; 3. H. & C. Albert, Biebrich a. Rh.; 4. Verein für chemische Industrie, Frankfurt. Bei Nr. 2 war ein jüdischer Chemiker soweit engagiert, bei einem Rundgang durch die Fabrik frug der Leiter gelegentlich nach der Konfession. Auf die Antwort „Jude" wurde er, der vorher liebenswürdig war, frostig und sagte, wir schreiben Ihnen Antwort. Dieselbe lautete ablehnend. Einen ähnlichen Fall kenne ich bei Nr. 8. In Nr. 1 und 4 weiß ich es auch sicher. Dies sind natürlich nicht alle Fabriken, die große Mehrzahl der deutschen chemischen Fabriken nimmt keine Juden, hält dies aber aus Geschäftsrücksichten möglichst geheim. Dabei sind die jüdischen Chemiker nicht schlechter als die christlichen, und mein ehemaliger Chef sagte mir selbst, er ziehe die jüdischen Chemiker ihrer Nüchternheit wegen vor. Einzelne große Fabriken haben mit ihren jüdischen Chemikern die besten Erfahrungen gemacht, z. V. haben die Farbwerke Bayer in Elberfeld Juden, die einen Klang in der Wissenschaft haben, desgl. die Farbwerke Höchst rc. Von mir selbst, der ich in der angenehmen Lage bin, nicht mehr Angestellter sein zu müssen, kann ich glänzende Zeugnisse einer chemischen Fabrik zeigen, .die ich groß gemacht habe und deren Chef mich nur ungern ziehen ließ. Kurzum der jüdische Chemiker leistet in diesem Fache mindestens das, was Andersgläubige leisten können. Trotzdem laufen eine große Anzahl jüdischer Chemiker stellungslos umher, oder nehmen untergeordnete Stellen in Untersuchungslaboratorien ein mit 50 bis 100 Mark monatlich, oft auch umsonst. Ich selbst habe derartige Herren später empfohlen und untergebracht. Ich halte es für sehr zweckmäßig, nicht sehr vermögende Juden vor dem Studium der Chemie zu warnen. Auch wäre es sehr zu empfehlen, eine Enquete über die jüdischen Fabriken zu veranstalten, den Fabriken Fragebogen zuzusenden rc. Es ist wirklich Zeit, daß derartige Fabriken die ihren Antisemitismus nach außen verhüllen, der breiten Oeffentlichkeit als solche gekennzeichnet werden. Berlin, 25. April 1904. Ihr ergebener Löbliche Redaktion! ie ich aus einem Referate (Osternummer der „Neuen freien Presse") über den auch in Oesterreich Aufsehen erregenden,. „Ueber die sozialen und wirtschaftlichen Aufgaben der Zivilprozeßgesetzgebung" betitelten Beitrag zur Festgabe, die die Berliner Juristische Gesellschaft dem Neichsbankpräsidenten Dr. Koch anläßlich seines 25jährigen Dienstjubiläums überreichte, ersehe, wendet sich der Verfasser desselben, Oberjustizrat Dr. Felix Vierhaus gegen „die plutokratische Scheidung des Verfahrens vor dem Einzelrichter oder vor einem Kollegialgerichte, je nachdem der Wert des Streitgegenstandes geringer oder höher ist." Er hält die Aufstellung einer Wertgrenze nicht für billigenswert, weil die Höhe des Punktums mit der größeren oder geringeren Schwierigkeit des Prozesses nicht im Zusammenhänge steht, aber auch deshalb, weil von der Wertabschätzung dasselbe gilt, was man für die Geldstrafe ausgesührt hat, daß nämlich der Wert, dem ein Objekt für den an ihm Berechtigten hat, kein absoluter ist, sondern von dem Vermögen der Partei abhängt. Vierhaus will ein gleiches Verfahren für alle Vermögensstreitigkeiten ohne Rücksicht auf den Wert. Als ich dieses Referat las, erinnerte ich mich, daß uns unser Religionslehrer, Rabb. Dr. Fink, bei der Uebersetzung des 19. Kapitels des II. Buch Moses auf die Differenz austnerksam gemacht, die zwischen dem von Jetro empfohlenen und dem von Moses eingeführten Gerichtsverfahren obwaltet. Jethro machte einen Unterschied zwischen dem größeren “DTl) und dem kleineren Werte des Streitgegenstandes und wollte, daß man jede größere Sache zu Moses bringe. (Vers 22 das.) Moses hingegen, der vom Standpunkte des jüdischen Rechtes, das vollständige Gleichheit für alle Rechtsuchenden fordert, ausging, verwarf diese Unterscheidung nach der Höhe des Wemes und ordnete an, daß man nicht die größeren, sondern die schwierigeren (TOpH Streitfragen zu ihm bringe. (Vers 26 das.). Also wieder ein Punkt, in welchem das jüdische Gesetz der Zeit um Jahrtausende vorausgeeilt. Boskowitz, 24. April. M. Sch. Geehrter Herr Redakteur! n dem Bericht der Hundertjahrfeier des Philantropins ist wohl ein Druckfehler. Der Direktor des evangelischen Gymnasiums, der spätere Schulrat, hieß nicht Alix, sondern Klix. Glogau, 23. April. I. Neustadt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.